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Medizin

Warum Keuchhusten trotz hoher Impfquote wieder häufiger wird

Donnerstag, 29. März 2018

Bordetella pertussis /dpa

Ann Arbor/Michigan – Das erneute Auftreten von Keuchhusten-Ausbrüchen nach Jahrzehnten einer sinkenden Inzidenz ist laut einer Studie in Science Translational Medicine (2018; 10: eaaj1748) nicht auf eine schwächere Wirkung der azellulären Impfstoffe, sondern auf das Ende einer epidemiologischen „Honeymoon“-Phase zurückzuführen.

In den USA wurde bereits in den 1940er-Jahren (im größeren Stil seit den 1950er-Jahren) mit der Impfung gegen Bordetella pertussis begonnen (in Westdeutschland seit 1969, in Ostdeutschland seit 1964). Der Keuchhusten, der zuvor eine häufige Kinderkrankheit gewesen war, wurde zunächst immer seltener. In den 1970er-Jahren sagten die Epidemiologen – zumindest in den westlichen Ländern – die baldige Eradikation des Erregers voraus, der vormals alle paar Jahre eine Epidemie ausgelöst hatte. Dies war auch einer der Gründe, warum Mitte der 1990er-Jahre auf die besser verträglichen azellulären Impfstoffe gewechselt wurde. Die stärkeren Nebenwirkungen des früheren Ganzkeimimpfstoff schienen der Bevölkerung angesichts der fehlender Erkrankungen nicht mehr zumutbar.

Etwa zur gleichen Zeit ist es jedoch völlig überraschend erneut zu einem Anstieg der Keuchhusten-Erkrankungen gekommen. In der Öffentlichkeit wird darüber spekuliert, ob die neuen Impfstoffe möglicherweise keinen ausreichenden Schutz bieten. Diese Annahme können Matthieu Domenech de Cellès von der Universität von Michigan in Ann Arbor und Mitarbeiter jetzt durch eine Analyse der Erkrankungszahlen aus Massachusetts widerlegen. 

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In dem US-Bundesstaat ist es bereits seit den 1970er-Jahren zu einem Wiederanstieg der Keuchhusten-Erkrankungen gekommen, also schon lange vor dem Wechsel des Impfstoffes. Auch eine Impfmüdigkeit der Bevölkerung kommt als Erklärung nicht infrage, da sich die Impfquote laut de Cellès über die Zeit kaum verändert hat.

Die wahrscheinlichste Erklärung ist für den Epidemiologen die Folge einer „unvollständigen historischen Abdeckung mit einem nur unvollkommen wirksamen Impfstoff, dessen Schutzwirkung mit der Zeit langsam nachlässt“. Gemeint ist, dass sich niemals alle Menschen impfen lassen, dass die Impfung nicht bei allen eine Immunität hinterlässt und dass die Immunität nach einer gewissen Zeit wieder nachlässt.

Hier besteht ein Unterschied zu der früheren „natürlichen“ Immunität, welche die regelmäßigen Keuchhusten-Epidemien hinterließen. Personen, die als Kind Keuchhusten überlebten, waren lebenslang vor weiteren Erkrankungen geschützt (wobei der erneute Kontakt bei späteren Epidemien eine Auffrischung des Schutzes bedeutet haben dürfte).

Mit der Einführung der Impfung und dem Wegfall der Keuchhusten-Epidemien wird die Generation der Menschen, die eine natürliche lebenslange Immunität erhalten haben, immer älter. Während einer Übergangsphase, die de Cellès als „Honeymoon“, also als Flitterwochen bezeichnet, gibt es noch genügend Menschen mit natürlichem Schutz. Dies verhindern vorübergehend, dass es erneut zu einer Epidemie kommt. Doch der Anteil der Bevölkerung, der nach der Impfung nur über eine inkomplette und mit der Zeit nachlassende Immunität verfügt, wird immer größer. Irgendwann ist dann der Punkt erreicht, in der genügend Menschen sich erneut mit B. pertussis anstecken können. Dann kommt es zu einer Epidemie.

Laut den neuen Berechnungen sind nach einer Keuchhustenimpfung 90 % der Geimpften für ein Jahrzehnt immun, bei 55 % der Geimpften hält die Immunität sogar lebenslang an. 

Diese Zahlen würden jedoch nicht erklären, warum die meisten Epidemien in Schulen bei Jugendlichen auftraten. De Cellès führt dies in seinen Modellen auf die erhöhte Kontaktrate an den Schulen zurück.

Die Impfung von Schülern wäre demnach am ehesten in der Lage, Epidemien wie im Jahr 2016 zu verhindern, als in den USA 17.972 Fälle von Keuchhusten gemeldet wurden (darunter 6 Todesfälle bei Säuglingen). Nach einer Computersimulation sollte eine Auffrischimpfung in Alter von 5 bis 10 Jahren und eine weitere im Alter von 10 bis 20 Jahren zu einem Rückgang der Erkrankungen bei Säuglingen um etwa 25 % führen.

Eine Eradikation, wie sie noch in den 1970er-Jahren möglich schien, wird heute nicht mehr erwartet. Die Impfungen verhindern jedoch die überwiegende Zahl der Erkrankungen. Weltweit erkranken jedes Jahr noch 20 bis 40 Millionen Kinder an Keuchhusten, die  meisten davon in den Entwicklungsländern. Die Zahl der Todesfälle dort wird auf 195.000 Kinder geschätzt. © rme/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Donnerstag, 29. März 2018, 19:09

Postfaktische Studieninterpretation?

"The impact of past vaccination coverage and immunity on pertussis resurgence" von Matthieu Domenech de Cellès et al.
http://stm.sciencemag.org/content/10/434/eaaj1748
belegt gerade n i c h t, wie die Redaktion des Deutschen Ärzteblattes (DÄ) unter "© rme/aerzteblatt.de" vermelden möchte,
"das erneute Auftreten von Keuchhusten-Ausbrüchen nach Jahrzehnten einer sinkenden Inzidenz ist laut einer Studie in Science Translational Medicine (2018; 10: eaaj1748) nicht auf eine schwächere Wirkung der azellulären Impfstoffe, sondern auf das Ende einer epidemiologischen „Honeymoon“-Phase zurückzuführen".

Im Gegenteil:
Völlig unlogisch und inkonsistent wird in dieser Studie eine schwindende Vakzine-übertragene Immunität ["waning vaccine-conferred immunity"] behauptet und zugleich scheinbar widerspruchslos einem Vakzine-Versagen mit dem Aufbau eines völligen oder teilweisen Immun-Antwort-Versagens gegenübergestellt ["as opposed to vaccine failure to mount a full or even partial immune response"].

Bestätigt wird das alles durch die Abstract-Formulierung: Unsere Ergebnisse legen nahe, dass das Wiederauftreten der Pertussis eine vorhersagbare Konsequenz einer historisch inkompletten Durchimpfung mit einem unzureichenden Impfstoff mit Übertragung einer schwindenden Immunität ist ["Our results suggest that the resurgence of pertussis is a predictable consequence of incomplete historical coverage with an imperfect vaccine that confers slowly waning immunity"].

Was allerding die DÄ-Feststellung, "der Anteil der Bevölkerung, der nach der Impfung nur über eine inkomplette und mit der Zeit nachlassende Immunität verfügt, wird immer größer. Irgendwann ist dann der Punkt erreicht, in der genügend Menschen sich erneut mit B. pertussis anstecken können. Dann kommt es zu einer Epidemie" mit dem "Ende einer epidemiologischen „Honeymoon“-Phase" zu tun haben soll, bleibt auch nach intensivem Studium von Abstract und Originalarbeit unter
http://stm.sciencemag.org/content/10/434/eaaj1748.full
unergründlich.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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