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Medizin

Steuer auf ungesunde Lebensmittel soll vor allem einkommensschwache Menschen schützen

Donnerstag, 5. April 2018

/elenachaykina, stock.adobe.com

London/Seattle – Kritiker bezeichnen die Zuckersteuer gerne auch als Armensteuer, weil sie in erster Linie Menschen mit wenig Einkommen und Bildung treffen würde. Dieser Theorie widersprechen jetzt Forscher aus den USA und dem UK mit einer umfassenden Analyse, die sie im Lancet veröffentlicht haben (2018; doi: 10.1016/S0140-6736(18)30667-6). Steuern auf Erfrischungsgetränke, Alkohol und Tabak seien eine effektive Maßnahme, um nicht­übertragbare Krankheiten (Non-communicable diseases, NCDs) weltweit zu stoppen, lautet ihr Fazit.

Eine neue Lancet-Taskforce für nichtübertragbare Krankheiten und Wirtschaft hat Konsummuster, Ausgaben und Reaktionen auf Preisänderungen in verschiedenen Einkommensgruppen analysiert. Der Partner der Kommission der Weltgesund­heitsorganisation (WHO) für nichtübertragbare Krankheiten will Regierungen damit helfen, die Auswirkungen besser einschätzen zu können. Die Analyse basiert auf etwa 300 internationalen Studien und Daten aus 13 Ländern: Chile, Guatemala, Panama, Nicaragua, Albanien, Polen, Türkei, Tadschikistan, Tansania, Niger, Nigeria, Indien und Timor-Leste.

Eine gesündere Ernährung wäre vor allem für Menschen mit niedrigen Einkommen von Vorteil. Denn sie sind nicht nur unverhältnismäßig häufiger von NCDs wie Diabetes, Herzkrankheiten, Krebs oder chronischen Atemwegserkrankungen betroffen. Für sie bedeuten Krankheiten auch eine deutlich höhere wirtschaftliche Belastung im Vergleich zu Haushalten mit höherem Einkommen – insbesondere wenn keine Kran­ken­ver­siche­rung besteht.

Vor allem ärmere Haushalte reagieren auf Preisänderungen

Die Lancet-Daten zeigen, dass genau diese Haushalte mit niedrigem Einkommen von Steuern profitieren würden. Sie ziehen beispielsweise häufiger Konsequenzen aus Preisänderungen. So könnte ein Mindestalkoholpreis im Vereinigten Königreich Schätzungen zufolge in den ärmsten Haushalten das 7,6-fache an Reaktionen hervorrufen im Vergleich zu den reichsten Haushalten. In Mexiko führte die Einführung einer Steuer auf Erfrischungsgetränke zu einem Rückgang der Softdrinks um durchschnittlich 4,2 l pro Person, wobei die Einkäufe in den unteren Einkommens­gruppen um 17 % zurückgingen, während sie in den höheren Einkommensgruppen fast unverändert blieben.

Die Beweise deuten darauf hin, dass Bedenken hinsichtlich höherer Steuern auf Tabak, Alkohol und Softdrinks, die den Armen schaden, übertrieben sind. Rachel Nugent, RTI International (Seattle, USA)

Die Autoren errechneten auch die Folgen bei einem Anstieg der Zigarettenpreise im Libanon um 50 %. Ihrem Modell zufolge würden doppelt so viele Raucher in den ärmsten Haushalten aufhören im Vergleich zu den reichsten (20.200 versus 11.300).

„Die Beweise deuten darauf hin, dass Bedenken hinsichtlich höherer Steuern auf Tabak, Alkohol und Softdrinks, die den Armen schaden, übertrieben sind. Steuern auf ungesunde Produkte können große gesundheitliche Vorteile bringen“, ist Rachel Nugent vom Research Triangle Institute (RTI) in Seattle überzeugt. Sie ist Vorsitzende der Taskforce „The Lancet Taskforce on NCDs and Economics“. Die vorliegende Evidenz würde zeigen, dass eine solche Steuer fair umgesetzt werden könnte, ohne die Ärmsten der Gesellschaft unverhältnismäßig zu schädigen. Es sei zudem sinnvoll, die zusätzlich generierten Steuereinnahmen in die Armutsbekämpfung zu investieren.

Steuern als Schlüsselrolle bei nichtübertragbaren Krankheiten

Eine Besteuerung von Tabak ist in vielen Ländern üblich. „Während wir langsam Fortschritte bei der Einführung von Alkoholsteuern erkennen, sollten Regierungen viel mehr tun, um auch bei anderen ungesunden Produkten wie Softdrinks und Snacks Steuern zu erwägen.“ Das gelte sowohl für einkommensschwache als auch für reiche Länder. Nugent ist sicher, dass Preispolitiken wie Steuern eine Schlüsselrolle bei nichtübertragbaren Krankheiten spielen werden.

Noch diese Woche tritt in Großbritannien eine Zuckersteuer auf Getränke in Kraft. Die gewünschte Wirkung trat bereits in Kraft. Eine Reihe von Herstellern senkte im Vorfeld den Zuckergehalt in Getränken – häufig wurde der Zucker jedoch durch Süßstoff ersetzt, was foodwatch kritisiert. Die Verbraucherorganisation forderte, dass die Steuerabgabe nicht nur für Zucker, sondern auch für Süßstoffe gelten müsse.

Getränkehersteller senken Zuckergehalt wegen neuer Steuer in Großbritannien

Frankfurt am Main – Wegen einer anstehenden Steuer in Großbritannien hat eine Reihe von Herstellern schon im Vorfeld den Zuckergehalt in Getränken gesenkt. Wie die Verbraucherorganisation Foodwatch heute auf der Grundlage eigener Recherchen mitteilte, senkte etwa Coca-Cola den Zuckergehalt bei seinen Marken Fanta und Sprite für den britischen Markt von 6,9 auf 4,6 beziehungsweise (...)

Bundesernährungsministerin Klöckner und Coca-Cola lehnen Steuern ab

Eine Steuer auf ungesunde Lebensmittel stößt in Deutschland vor allem bei der Industrie, aber auch in der Politik und bei Krankenkassen trotz wissenschaftlicher Evidenz größtenteils auf Ablehnung. Interne Dokumente des Unternehmens Coca-Cola zeigten schon 2016, wie sehr die Branche Steuern auf ihre Getränke fürchtet. Coca-Cola bewertet Steuern nicht nur als die politische Maßnahme mit der größten Wirkung auf das eigene Geschäftsmodell („business impact“), sondern auch als die Maßnahme mit der höchsten Eintrittswahrscheinlichkeit („likelihood to materialize“). Der Bekämpfung räumt der Konzern die höchste Priorität ein. Die Behauptung des Konzerns, Sonder­steuern hätten keine Lenkungswirkung, sieht foodwatch im gestern veöffentlichten Coca Cola Report damit als „offensichtlich glatt gelogen“.

Es klingt einfach und verlockend, eine zusätzliche Steuer für Fertigprodukte in unserem Land zu erheben. Aber die Praxis tut der Theorie nicht immer den Gefallen. Julia Klöckner, Ernährungsministerin (CDU)

Auch Ernährungsminsiterin Julia Klöckner (CDU) lehnte eine Besteuerung von ungesunden Lebensmitteln ab. Sie setze beim Kampf gegen Adipositas eher auf Ernährungsbildung für Kitas und Schulen. Dem Deutschen Ärzteblatt teilt sie mit: „Es klingt einfach und verlockend, eine zusätzliche Steuer für Fertigprodukte in unserem Land zu erheben. Aber die Praxis tut der Theorie nicht immer den Gefallen.“

Gleichzeitig räumt sie ein, dass der Zuckergehalt in manchen Produkten mithilfe einer Steuer sinken könnte. Das gelte aber nicht automatisch für den Gesamtkaloriengehalt. „Im Fokus steht die gesamte Lebens- und Ernährungsweise, nicht einzelne Nährstoffe. Deshalb brauchen wir eine Gesamtstrategie zur Reduzierung von Fett, Zucker und Salz“, sagt Klöckner und verweist auf den Koalitionsvertrag.

Auch eine Nährwertkennzeichnung für Lebensmittel in den Ampelfarben Rot, Gelb und Grün lehnt Klöckner ab. „Die vereinfachte Ampelkennzeichnung bringt Verwirrung“, sagte sie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. © gie/aerzteblatt.de

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Avatar #722455
´hajodba@gmx.de
am Dienstag, 10. April 2018, 23:07

"Dies ist kein Thema, um mit "Parolen" um sich zu werfen"

Erst recht nicht um "01.30 Uhr".

Man braucht sich nur die Artikel im "Deutschen Ärzteblatt" mit den
Überschriften;

"Plötzliche Armut erhöht Sterberisiko"
"Internisten warnen vor Mangel- und Fehlernährung im Alter"
"Gesundheitszustand hängt weiter stark vom Einkommen an"

anzusehen und fast automatisch stellt sich dann die Frage:

"Warum kaufen und verzehren "einkommensschwache Menschen"
die "ungesunden Nahrungsmittel" vor denen man sie nunmehr
zu "schützen" gedenken will?"

Einfache Antwort:

"Weil sie die meiste Zeit des Monats "nicht das Geld" haben,
um sich andere Produkte kaufen zu können"

Und genau diese "Nahrungsmittel will man jetzt auch noch mit höheren
Steuern belasten".

H. Jürgen Barth
Rodalben
Avatar #79783
Practicus
am Sonntag, 8. April 2018, 01:30

Wie immer

anstatt zu sagen: "Vor allem sozial schwache Haushalte profitieren gesundheitlich von den Steuererhöhungen" tönen die Linken "dann werden Rauchen, Saufen und Schlemmen ein Privileg der Reichen"
Avatar #722455
´hajodba@gmx.de
am Freitag, 6. April 2018, 10:39

"Langsam wird es unertrglich, wa nanache "Experten" von sich geben"

Da sitzen offensichtlich irgendwelche "Forscher in ihren Türmen"
und "schauen von ganz weit oben" auf Menschen herab, von deren
"Lebensbedingungen" sie auch nicht den "Hauch von Erfahrungen"
besitzen. Aber dennoch "Ernährungs-Empfehlungen" geben wollen.

Am "20. März 2018" brachte das "Deutsche Ärzteblatt" den sehr
guten Artikel:

"Gesundheitszustand hängt weiter
stark vom Einkommen ab"

Dem muss man "leider zustimmen", wenn man nicht die "Augen vor
der Realität verschließ".

H. Jürgen Barth
Rodalben
LNS

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