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Medizin

„Wealth Shock“: Plötzliche Armut erhöht Sterberisiko

Montag, 9. April 2018

/Michael Möller, stockadobecom

Chicago – Nicht nur ein Kreislaufschock kann tödlich sein, nach einer Studie im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2018; 319: 1341–1350) erhöht auch ein negativer „Wealth Shock“, der plötzliche Verlust von Besitz und Eigentum, das Sterberisiko, auch wenn sich die Folgen häufig erst nach vielen Jahren zeigen.

Plötzliche Armut ist in den USA nicht ungewöhnlich: Von den 8.714 Teilnehmern der Health and Retirement Study (HRS), einer repräsentativen Stichprobe von Amerikanern im Alter von 51 bis 61 Jahren, haben 2.430, also fast jeder Vierte, in den letzten beiden Jahrzehnten innerhalb eines Zeitraums von zwei Jahren im Durchschnitt 92 % ihres Besitzes im Wert von 101.000 US-Dollar verloren. Weitere 749 Teilnehmer hatten bereits zu Beginn der Studie keinerlei Besitztümer oder Rücklagen. 

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Dieser negative „Wealth Shock“, zu deutsch Armutsschock, hat in einem Land, das keine gesetzliche Kranken- und Rentenversicherung (geschweige denn eine Pflege­versicherung) kennt, Auswirkungen auf die Gesundheit. Die Betroffenen sind bei Krankheiten auf staatliche Beihilfen durch Medicaid angewiesen. Weil das Geld fehlt, werden dringende Therapien aufgeschoben und Rezepte für  Medikamente nicht eingelöst. Hinzu kommen die psychosozialen Belastungen, die mit dem wirtschaftlichen Verlust verbunden sind. Ein negativer „Wealth Shock“ führt zu stressbedingten Krankheiten, etwa einen Herzinfarkt, oder zu psychischen Störungen, die durch Suizide das Leben verkürzen. Auch ein Alkohol- oder Drogenkonsum kann die Gesundheit ruinieren.

Wie Lindsay Pool von der Feinberg School of Medicine in Chicago und Mitarbeiter ermittelten, war der negative „Wealth Shock“ für die Betroffenen mit einem Anstieg des Sterberisikos verbunden: Die Sterberate verdoppelte sich von 30,6 auf 64,9 Todesfälle pro 1.000 Personenjahre. Auch nach Berücksichtigung anderer Risikofaktoren (die Betroffenen waren beispielsweise bereits vor dem negativen „Wealth Shock" häufig aktive Raucher) blieb es bei einer Hazard Ratio von 1,50, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,36-1,67 signifikant war.

Der Anstieg der Sterberate, der durch den „negativen Wealth Shock“ ausgelöst wurde, war nur unwesentlich niedriger als bei den Personen, die von Anfang an in Armut gelebt hatten. Dort kamen 73,4 Todesfälle auf 1.000 Personenjahre. Diese Personen hatten im Vergleich zu den Personen, die ihren Reichtum erhalten oder vermehren konnten, ein um 67 % erhöhtes Sterberisiko (adjustierte Hazard Ratio 1,67; 1,44–1,94).

Die Studie konnte nicht analysieren, was für den negativen „Wealth Shock“ verantwortlich war. Ein häufiger Grund für Privatkonkurse ist in den USA derzeit eine Überschuldung durch die Kosten medizinischer Behandlungen. In diesem Fall läge eine reverse Kausalität vor: Nicht die Armut würde die Betroffenen krank machen, sondern die Krankheit wäre über die Behandlungskosten Ursache der Verarmung. © rme/aerzteblatt.de

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