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Hochschulen

Letzte Ruhe für vergessene Kinder aus Anatomie der Universität Halle

Montag, 9. April 2018

Die CT-Aufnahme des Leichnams eines acht Monate alten Säuglings. Das Kind und weitere 73 konser­vierte Leichen von Kindern lagerten seit Jahrzehnten im Institut für Anatomie und Zellbiologie. /dpa

Halle – Jahrzehntelang lagerten konservierte Leichen von Kindern im Keller der Anatomie in Halle an der Saale. Nun sollen die Kinder in Würde ihre letzte Ruhe finden. Damit geht für die Medizinische Fakultät der Universität Halle ein Kapitel einer bundesweit wohl einmaligen Geschichte zu Ende.

Die sterblichen Überreste von 74 Kindern sollen an diesem Donnerstag auf dem Gertraudenfriedhof der Stadt in Sachsen-Anhalt zur letzten Ruhe gebettet werden. Die Kinder, einige noch Föten, das älteste ein 14-jähriger Junge, kamen von 1920 bis 1940 ganz offiziell in die Anatomie. „Insgesamt wurden in dieser Zeit 3.000 Kinder hier abgegeben“, sagte Institutsdirektorin Heike Kielstein. Sie wurden in der Regel eingeäschert.

2013 mit Aufarbeitung begonnen

„Warum diese 74 übrig geblieben sind – wir wissen es nicht“, erklärte die Anatomie-Professorin. Im Jahr 2011 habe sie an ihrem ersten Arbeitstag von den konservierten Kindern erfahren, von denen auch ihre Vorgänger wussten. „Eineinhalb Jahre hat es gedauert, bis wir dann an das Thema gegangen sind“, sagte Kielstein. Hüter der vergessenen Kinder war der Präparator des Instituts, Hans-Joachim Heine, der seit rund 30 Jahren im Hause arbeitet. Er fand die Kinder, säuberte sie, konservierte sie neu und gab auf sie acht. „Ich war nicht in der Position, um zu entscheiden“, sagt er.

Begleitet wurde der Prozess der Aufarbeitung von dem Medizinhistoriker Florian Steger, der mittlerweile in Ulm das Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin leitet. „Mein Anliegen war, dass diese Kinder ordentlich beerdigt gehören“, sagte der Wissenschaftler, der mit dafür sorgte, dass die Kinder zum Gegenstand einer Doktorarbeit wurden. Gut vier Jahre arbeitete das Team, um Aufklärung zu schaffen. Woher kommen die Kinder? Wie kamen sie zu Tode? Wie sind ihre Namen? Gibt es noch Verwandte? Nicht alle Fragen konnten am Ende beantwortet werden.

Herkunft konnte nicht geklärt werden

30 Leichen wurden im Computertomografen untersucht. „Fest steht, wir fanden keine Hinweise, dass eines der Kinder gewaltsam zu Tode kam, und wir haben gelernt, woran sie gestorben sind“, sagte Kielstein. Die Ergebnisse zeigten, dass die Kinder unter anderem an Lungenentzündungen, Fehlbildungen des Hirns und des Skeletts und an damals noch nicht behandelbaren Infektionskrankheiten gestorben sind. Sie stammten aus ärmeren Schichten.

Es gelang nicht, ihre Namen herauszufinden. „Wir wissen nichts über diese Kinder“, sagte die Professorin. „Was mich ärgert, ist, dass die Kinder hier seit fast 80 Jahren gelegen haben und niemand etwas gemacht hat. Vielleicht hätte man vor 20 Jahren sogar noch Angehörige gefunden, so haben wir Zeitzeugen verloren.“ Zwei Anfragen potenzieller Angehöriger gab es, die aber ins Leere gingen. Dass es in Deutschland noch weitere ähnliche Fälle gibt, hält die Anatomin für nahezu ausgeschlossen. „Dazu gibt es keine Hinweise, ich meine, dass Halle eine ganz große Ausnahme ist.“

Ehrengrabstätte für die Kinder

Die Kinder finden nun ihre letzte Ruhe auf der Ehrengrabstätte der medizinischen Fakultät der Universität Halle. In fünf Erwachsenensärgen wurden sie eingeäschert. Kielstein ist beeindruckt von der Unterstützung, die das Team erfahren hat. „Die Leichenhemdchen, die wir den Kindern angezogen haben, hat das Beerdigungsinstitut gespendet“ erzählte die Anatomin. Eine Gärtnerei schenke den Blumenschmuck für die Urnen. Die Friedhofsleitung steuere einen Grabstein bei. Die Beisetzung gestalte die evangelische Klinikseelsorge. Für die Beerdigung habe sich eigens ein Chor aus Institutsmitarbeitern zusammengefunden.

Mit der Beerdigung schließt sich der Kreis. Aber: „Die Kinder werde ich nicht wieder los. Jedes Gesicht ist wie eingemeißelt“, so Kielstein. © dpa/aerzteblatt.de

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