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Medizin

Betablocker: Studie kann erhöhtes Sterberisiko für Diabetiker nicht ausschließen

Montag, 9. April 2018

Betablocker Tablette /dpa Fotograf:  Diez, O. Quelle:  Arco Images GmbH
/dpa

Tokio – Betablocker, die seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil in der Behandlung von arterieller Hypertonie, koronarer Herzkrankheit, Herzinsuffizienz und Herzrhythmusstörungen sind, waren in einer Querschnittstudie bei Diabetikern mit einem erhöhten Sterberisiko assoziiert. Die Ergebnisse publizierten die Forscher der Universität Tokio in Mayo Clinic Proceedings (2018; doi: 10.1016/j.mayocp.2017.11.019).

Betablocker gehören zu den am häufigsten verordneten Medikamenten. Kardiologen stufen die Wirkstoffe als kardioprotektiv ein, weil sie den Herzmuskel vor schädlichen Einwirkungen der „Stresshormone“ Adrenalin und Noradrenalin schützen. Betablocker senken den Blutdruck, sie können häufig Herzrhythmusstörungen beheben und ihr Einsatz nach einem Herzinfarkt ist durch zahlreiche randomisierte Studien eisenhart („ironclad“) belegt, wie Franz Messerli vom Inselspital Bern im Editorial zur Studie von Tetsuro Tsujimoto von der Universität Tokio und Mitarbeitern schreibt.

Der Diabetologe Tsujimoto hatte die Daten des US National Health and Nutrition Examination Survey 1999–2010 ausgewertet. Es handelt sich um eine Querschnitt­untersuchung zum Gesundheitszustand der Bevölkerung. Eine repräsentative Stichprobe wird dabei medizinisch untersucht, wobei auch die Einnahme von Medikamenten notiert wird.

Tsujimoto hat die Angaben mit den Sterberegistern abgeglichen. Dabei stellte sich heraus, dass Diabetiker, die mit Betablockern behandelt wurden, ein höheres Sterberisiko hatten als Diabetiker, denen keine Betablocker verordnet wurden. Die Hazard Ratio von 1,49 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,09 bis 2,04 signifikant. Ein erhöhtes Risiko wurde auch für die kardioselektiven Beta1-Blocker (Hazard Ratio 1,60; 1,13–2,24) gefunden sowie für die einzelnen Wirkstoffe aus dieser Gruppe.

Neubewertung trotz geringer Beweiskraft erforderlich

Querschnittstudien sind anfällig gegenüber Verzerrungen und die Beweiskraft wird im Allgemeinen als sehr viel geringer eingestuft als die von randomisierten Studien, in denen beispielsweise der Einsatz von Betablockern im ersten Jahr nach einem Herzinfarkt das Sterberisiko um 25 % gesenkt hatte, wie Messerli im Editorial schreibt. Dennoch sind die neuen Ergebnisse für den Schweizer Kardiologen ernüchternd. Er hält eine Neubewertung von Betablockern für erforderlich. Dafür gebe es 2 Gründe.

Zum einen habe sich die Behandlung des Herzinfarkts deutlich verändert. Die moderne Reperfusionstherapie, die nach einem Herzinfarkt mittels Katheter die schnellst­mögliche Wiedereröffnung der Koronarie und die Platzierung eines Stents anstrebt, habe es in den 1990er-Jahren, als die Studien zum Nutzen der Betablocker durchgeführt wurden, noch nicht gegeben. Die Therapie begrenze die Ausdehnung des Infarktareals und verhindere Herzrhythmusstörungen, was den Nutzen der Betablocker einschränke, schreibt Messerli. Zum anderen würden die Patienten heute neben einem Betablocker noch weitere Medikamente erhalten wie ASS, neue Antikoagulanzien, Lipidsenker und Substanzen, die das Renin-Angiotensin-System blockieren. Auch diese Begleitmedikamente könnten den Nutzen der Betablocker nach Einschätzung von Messerli weiter eingeschränkt haben.

Nebenwirkungen von Betablockern könnten entscheidend sein

Der Zweifel an den Betablockern wird den Experten auch durch die Ergebnisse der ACCORD-Studie verstärkt, die für hypertone Diabetiker keinen Nutzen einer intensivierten Blutdrucksenkung auf unter 120 mmHg zeigen konnte (während die SPRINT-Studie diesen Nutzen für Nichtdiabetiker belegte).

Eine mögliche Erklärung für die Diskrepanz sieht der Editorialist in den Nebenwirkungen der Betablocker. Unter der Behandlung komme es häufiger zu einer Gewichtszunahme, die bei Diabetikern deutlich stärker ausfalle. Gewichtszunahme und die ungünstige Auswirkung von Betablockern könnten bei Patienten mit Typ-2-Diabetes den „kardioprotektiven“ Nutzen durch die Blockade der Stresshormone durchaus infrage stellen, meint Messerli. Zusammen mit Tsujimoto vertritt er die Ansicht, dass der Einsatz von Betablockern bei Menschen mit Diabetes dringend in neuen randomisierten klinischen Studien untersucht werden müsste. © rme/aerzteblatt.de

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