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Medizin

Kinder mit Appendizitis erst nach erfolgreicher Antibiotikatherapie operieren

Mittwoch, 11. April 2018

Kind wird am Bauch untersucht. /seventyfour stock.adobe.com
Blinddarmentzündungen können mit starken Schmerzen im rechten Unterbauch einhergehen, manchmal begleitet von Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall. Die Krankheit ist bei Kindern und Jugendlichen besonders häufig. /seventyfour stock.adobe.com

Berlin – Ein akut entzündeter Blinddarm muss nicht mehr unverzüglich operativ entfernt werden. Immer häufiger entscheiden sich Chirurgen dafür, zunächst Antibiotika einzusetzen, berichtete Bernd Tillig vom Vivantes Klinikum Neukölln heute bei der Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Chrirurgie (DGCH) in Berlin.

Zwar sei die Misserfolgsrate bei einer unkomplizierten Appendizitis mit bis zu 40 % relativ hoch. Diese Kinder könnten aber nach einigen Tagen noch operiert werden. Bei der komplizierten Appendizitis liegt die Misserfolgsrate hingegen nur bei 20 %.

Auch eine Metaanalyse in Jama Pediatrics zeigte letztes Jahr, dass die Antibiotika­behandlung bei einer Blinddarmentzündung effektiv und sicher ist – allerdings nicht bei allen Kindern und nicht immer von Dauer.

Appendizitis: Sind Antibiotika auch bei Kindern eine Alternative zur Operation?

Chengdu – Müssen alle Kinder mit einer akuten Appendizitis operiert werden oder könnten Antibiotika bei einem unkomplizierten Verlauf die Erkrankung zur Ausheilung bringen? Die Ergebnisse erster klinischer Studien, die eine Meta-Analyse in JAMA Pediatrics (2017; doi: 10.1001/jamapediatrics.2017.0057) zusammenfasst, deuten an, dass die Antibiotikabehandlung effektiv und sicher ist (...)

Die Entscheidung für oder gegen eine initiale Behandlung mit Antibiotika bei Verdacht auf eine Blinddarmentzündung muss der Arzt individuell treffen. „Entscheidend dabei ist die Ultraschalluntersuchung“, sagte der stellvertretende Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH) Tillig. Nach aktuellen Studien sei es möglich, den Wurmfortsatz mittels Sonographie eindeutig darzustellen und die Diagnose einer akuten Appendizitis mit einer Wahrscheinlichkeit von circa 90 % sicher zu stellen beziehungsweise mit circa 95-prozentiger Sicherheit auszuschließen. Zwar ermöglicht die Computertomographie eine noch genauere Diagnose. Sie komme aber aufgrund der Strahlenbelastung nur bei Erwachsenen zum Einsatz, sagte Tillig.

Eingriffe wegen Blinddarmentzündungen gehören zu den häufigsten OPs. In Deutsch­land gibt es jährlich mehr als 100.000 davon.

Die Ergebnisse dieser Studien haben nach Ansicht des Kinderchirurgen bisher noch zu wenig Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erhalten. Aktuell würden Komplikationen in der Behandlung der akuten Appendizitis von der Öffentlich­keit und vor allem auch von juristischer Seite noch vorwiegend allein auf eine zu späte Operation zurückgeführt, was allerdings meist wissenschaftlich widerlegt werden könne.

Intervall-Appendektomie als Alternative

Prinzipiell rät Tillig bei einer akuten Appendizitis zunächst, 3 bis 5 Tage stationär mit Antibiotika zu behandeln. Anschließend könne diese Therapie ambulant fortgesetzt werden. Erst wenn die Entzündung abgeheilt ist und sich das Kind in einem stabilen Zustand befindet, sollte der Wurmfortsatz operativ entfernt werden, um eine erneute Entzündung zu verhindern.

Tillig beschreibt die Vorgehensweise als Intervall-Appendektomie. „Diese vorbeugende Operation gilt als besonders sicher.“ Komplikationen sind nach einer Intervall-Appendektomie sehr selten, wenn auch prinzipiell möglich, fügt der Berliner Kinderchirurg hinzu.

Antibiotika und Schmerzmittel, die die Kinder erhalten, geben uns Zeit, die Diagnose genau zu stellen. Bernd Tillig, Vivantes Klinikum Neukölln, Berlin

Vor allem in der akuten Phase der Blinddarmentzündung geht die konservative Therapie mit weniger Komplikationen als die Operation einher. Die antibiotische Behandlung der akuten Appendizitis ist nicht neu. Sie gehört seit Langem vor und nach der Operation zum üblichen Vorgehen. In den Fällen mit einer komplizierten, das heißt perforierten Appendizitis, wenn die Entzündung auf den Bauchraum übergegriffen und sich ein Abszess gebildet hat, ist die primäre und alleinige Antibiotikatherapie eine bereits etablierte Behandlungsoption. Ausnahme: „Findet man im Ultraschall einen Fremdkörper im Wurmfortsatz, würden wir primär operieren“, erklärte der Kinderchirurg aus Berlin.

In der Vergangenheit führte die Angst vor einem geplatzten Blinddarm dazu, dass Chirurgen eine Operation durchführten, obwohl der Blinddarm gar nicht entzündet war,  berichtete Tillig im Vorfeld des DGCH-Kongresses. Heute sind Fehldiagnosen selten geworden. „Antibiotika und Schmerzmittel, die die Kinder erhalten, geben uns Zeit, die Diagnose genau zu stellen“, erklärt Tillig. © gie/aerzteblatt.de

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