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Politik

Noch keine Trendwende bei den Organspenden

Mittwoch, 11. April 2018

/dpa

Frankfurt am Main – Die Zahl der Organspender und der gespendeten Organe liegt im ersten Quartal 2018 über den Zahlen des Vorjahresquartals: Die Zahl der Spender betrug von Januar bis März bundesweit 261 (ohne Lebendspender). Im Vorjahresquartal waren es 212 gewesen. Insgesamt spendeten sie im ersten Viertesjahr 2018 842 Organe (gegenüber 677 im Vorjahresquartal).

Chirurgen in Deutschland haben von Januar bis März 2018 861 Organe transplantiert, im Vorjahresquartal waren es 729 (ohne die Transplantationen nach Lebendspende). Gleichwohl warnt die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) aufgrund dieser Zahlen schon auf eine Trendwende bei den Organtransplantationen zu schließen. „Wir hatten auch in der Vergangenheit bereits sehr große Schwankungen bei den Organspenden in den verschiedenen Monaten“, sagte die Pressesprecherin der DSO dem Deutschen Ärzteblatt. Von einer Trendwende zu sprechen, sei daher „absolut verfrüht“.

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Entwicklung ist eine Tragödie

Das Jahr 2017 bedeutete einen Tiefpunkt für die Transplantationsmedizin in Deutschland. Die Zahl der Organspenden war auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren gesunken. Dies dokumentiert der neue Jahresbericht 2017 der DSO im Überblick. Danach wurden in dem Jahr 2.594 Organe gespendet. Die DSO-Vorstände Axel Rahmel und Thomas Biet sprachen von einer ernüchternden Bilanz. Die Entwicklung sei „eine Tragödie, vor allem für diejenigen, die dringend auf eine Transplantation warten“, schreiben die beiden im Vorwort des Jahresberichtes.

Mehr als 10.000 Menschen warten in Deutschland derzeit auf eine lebensrettende Transplantation. Nachdem 2016 noch 834 Menschen gespendet hatten, fiel die Zahl der Spender 2017 laut DSO auf 797.

Druck für Systemwechsel wird größer

„Die Organspende ist ein sehr komplexer Prozess, der nur im ständigen und engagierten Miteinander aller Partner auf einem breiten gesellschaftlichen Konsens sowie einer entsprechenden Wertschätzung verbessert werden kann. Weder die Politik noch die Entnahmekrankenhäuser oder die DSO werden diese Herausforderung alleine bewältigen. Aber gemeinsam können wir eine Kultur der Organspende in Deutschland entstehen lassen, bei der das Denken an und die Frage nach einer Organspende am Lebensende eine Selbstverständlichkeit ist“, so Rahmel und Biet.

Um den Trend umzukehren, haben Union und SPD im Koalitionsvertrag organisatorische Verbesserungen in den Kliniken vereinbart. Doch immer mehr Politikern und Gesundheitsexperten reicht das nicht: Ende März sprach sich der Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Frank-Ulrich Montgomery, für einen grundlegenden Systemwechsel in der Transplantationsmedizin aus.

Montgomery, aber auch etwa der ehemalige Präsident der Ärztekammer in Bayern, Max Kaplan, und der Ärztekammerpräsident aus Westfalen-Lippe, Theodor Windhorst, oder der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und der stellvertretende Fraktions­vorsitzende der Union im Bundestag, Georg Nüßlein (CSU), fordern mittlerweile die Einführung der Widerspruchslösung, die von der Politik, deutlich abgelehnt wurde. Nur wer ausdrücklich widerspricht, käme dann im Fall eines Falles nicht als Organspender infrage. Ein bedeutender Unterschied zur bisherigen Regelung, bei der jeder Bürger einer Organspende ausdrücklich im Vorfeld zustimmen muss. Organentnahme würde damit zum Regelfall gemacht.

„Aus medizinischer Sicht, vor allem aber aus Sicht der vielen schwerkranken Patienten auf der Warteliste wäre eine solche Regelung der Idealfall“, sagte der BÄK-Präsident kürzlich. Nüßlein sieht Handlungsbedarf, weil die bisherige Regelung gescheitert sei.

Europa tickt anders

Schon seit den Anfängen der Transplantationsmedizin wird darüber diskutiert, ob es eine Pflicht zur Organspende gibt und wer potenzieller Organspender ist. Deutschland hat sich 1997 im Transplantationsgesetz für eine „erweiterte Zustimmungslösung“ entschieden: Nur wer zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt hat, ist ein potenzieller Spender. Erweitert wird die Regelung dadurch, dass auch die Angehörigen oder vom Verstorbenen dazu bestimmte Personen berechtigt sind, im Sinne des Patienten über eine Entnahme zu entscheiden.

Deutschland steht mit dieser Regelung allerdings in Europa ziemlich alleine da. Nach einer Übersicht der Krankenkassen haben 17 europäische Staaten die Organspende auf dem Weg der Widerspruchslösung geregelt, darunter auch Belgien, Luxemburg, Frankreich, Österreich und Polen. In den Niederlanden ist die Einführung der Widerspruchslösung zu Jahresbeginn beschlossen worden, in der Schweiz soll es dazu bald eine Volksabstimmung geben.

Sensibles Thema

Auch SPD-Politiker Lauterbach ist sich bewusst, dass eine Widerspruchsregelung das Misstrauen gegenüber der Transplantationsmedizin noch erhöhen könnte. Der SPD-Politiker fordert deshalb, dass alles getan werden müsse, um ein Nein zur Organspende auch verlässlich zu dokumentieren – etwa im Führerschein, im Personalausweis und mit einem eigenen Organspendeausweis. Zugleich sollten auch die Angehörigen ein Widerspruchsrecht erhalten, fordert auch Nüßlein. „Wenn die Familie nach dem Tod ihres Angehörigen glaubhaft versichert, dass dieser sich gegen die Organspende entschieden hätte, etwa weil er mehrfach darüber gesprochen hat, dann muss dies entsprechend gehandhabt werden“, sagte er.

Dabei wird in den meisten Ländern mit Widerspruchslösung nicht gegen den Willen der Angehörigen gehandelt. In Frankreich allerdings kann zwar jeder für sich selbst Widerspruch einlegen. Aber schon die Angehörigen verfügen über kein Mitspracherecht. © hil/kna/may/aerzteblatt.de

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