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Schädel-Hirn-Trauma in der Jugend erhöht Demenzrisiko im Alter

Mittwoch, 11. April 2018

mann mit Kopfverletzung /Viacheslav Iakobchuk, stock.adobe.com
/Viacheslav Iakobchuk, stock.adobe.com

Washington/Umeå – Wer als jüngerer Mensch ein Schädel-Hirn-Trauma erleidet, erkrankt im Alter häufiger an einer Demenz. Zwei aktuelle Studien in Lancet Psychiatry (2018; doi: 10.1016/S2215-0366(18)30065-8) und in PLoS Medicine (2018; doi: 10.1371/journal.pmed.1002496) zeigen, dass das Risiko bereits nach einem einzigen Schädel-Hirn-Trauma ansteigt und noch nach viele Jahren erhöht bleibt.

Hirnverletzungen sind häufig. Von 2,7 Millionen Dänen im Alter von über 50 Jahren, deren Daten Jesse Fann von der Universität von Washington in Seattle und Mitarbeiter ausgewertet haben, war fast jeder Zwanzigste (4,7 %) bereits einmal wegen eines Schädel-Hirn-Traumas in einer Klinik behandelt worden. Meist waren die Verletzungen geringfügig und die Patienten konnten schon bald gesund aus der Klinik entlassen werden.

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Dies schließt jedoch bleibende Schäden im Gehirn nicht aus, und eine mögliche Folge könnte die Entwicklung einer Demenz im Alter sein. Die erste Analyse von Fann ergab, dass bei Dänen, die schon einmal ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten hatten, später zu 58 % häufiger eine Demenz diagnostiziert wurde.

Gemeinsamer Nenner von Schädel-Hirn-Trauma und Demenz

Dies muss nicht unbedingt an der Hirnverletzung gelegen haben. Menschen, die Hirnverletzungen erleiden, könnten häufiger andere medizinische Probleme haben, die Hirnverletzungen begünstigen und gleichzeitig das Risiko einer Demenz erhöhen. Epilepsien wären ein mögliches Beispiel: Ein junger Mensch mit Epilepsie kann sich bei einem Sturz leicht eine schwere Kopfverletzung zuziehen. Für die Demenz im Alter könnte jedoch die Hirnerkrankung verantwortlich sein, die zur Epilepsie führt.

Fann hat deshalb in einer zweiten Analyse medizinische Begleiterkrankungen berücksichtigt: Das Risiko, nach einem Schädel-Hirn-Trauma eine Demenz zu erleiden, war danach noch um 42 % erhöht. Eine dritte Modellberechnung, die auch psychiatrische Erkrankungen berücksichtigt, ermittelte ein um 24 % erhöhtes Demenzrisiko. Die Hazard Ratio (HR) von 1,24 war mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,21 bis 1,27 statistisch signifikant.

Das Risiko war in den ersten sechs Monaten nach der Hirnverletzung (HR 4,06; 3,79-4,34) am höchsten und nahm danach langsam ab. Doch selbst 14 Jahre oder länger nach dem Schädel-Hirn-Trauma war das Demenzrisiko noch leicht erhöht (HR 1,17; 1,13-1,21).

Kausaler Zusammenhang wahrscheinlich

Fann fand eine „Dosis-Wirkungs-Beziehung“, die für einen kausalen Zusammenhang spricht: Dänen, die nur ein einziges Schädel-Hirn-Trauma erlitten hatten, erkrankten später zu 22 % häufiger an einer Demenz (HR 1,22; 1,19-1,25), mit jeder zusätzlichen Hirnverletzung stieg das Risiko. Nach fünf oder mehr Schädel-Hirn-Traumata in der Vorgeschichte war das Risiko fast dreifach erhöht (HR 2,83; 2,14-3,75).

Auch der Schweregrad der Verletzung hatte einen Einfluss: Nach einem leichten Schädel-Hirn-Trauma war das Risiko um 17 % (HR 1,17; 1,13-1,20) erhöht, nach einem schweren Schädel-Hirn-Trauma dagegen um 35 % (HR 1,35; 1,26-1,45). Für ein Schädel-Hirn-Trauma, das zu einer Schädelfraktur geführt hatte, ermittelt Fann ein um 24 % erhöhtes Demenzrisiko (HR 1,24; 1,11-1,40).

Zeitpunkt des Schädel-Hirn-Traumas entscheidend für Demenzrisiko

Je jünger die Betroffenen beim Schädel-Hirn-Trauma waren, desto größer war ihr späteres Demenzrisiko: Personen, die in den 20er Lebensjahren ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten hatten, erkrankten zu 63 % häufiger (HR 1,63; 1,24-2,15). Bei einem Schädel-Hirn-Trauma in den 30er Lebensjahren war das Risiko noch um 37 % erhöht (HR 1,37; 1,12-1,69). Männer hatten ein geringfügig höheres Risiko als Frauen.

Zu ähnlichen Ergebnissen waren kürzlich Anna und Peter Nordström von der Universität Umeå gekommen. Die schwedischen Forscher haben die Daten des Landes gleich dreimal in unterschiedlichen Ansätzen untersucht. Die Ergebnisse waren ähnlich wie im Nachbarland: Schweden, die wegen eines Schädel-Hirn-Traumas in Behandlung waren, erkranken später zu 81 % häufiger an einer Demenz (adjustierte Odds Ratio, OR 1,81; 1,75-1,86). Die Assoziation war im ersten Jahr nach dem Schädel-Hirn-Trauma am stärksten (OR 3,52; 3,23-3,84), das Risiko blieb aber auch nach 30 Jahren noch signifikant (OR 1,25; 1,11-1,41). Die Assoziation war für ein einzelnes mildes Schädel-Hirn-Trauma schwächer (OR 1,63; 1,57-1,70) als für ein schweres Schädel-Hirn-Trauma (OR 2,06; 1,95-2,19) oder für mehrfache Schädel-Hirn-Traumata (OR, 2,81; 2,51-3,15).

Auch wenn die Studienergebnisse die Kausalität nicht abschließend belegen, gibt es für Carol Brayne von der Universität Cambridge wenig Zweifel, dass akute Hirnverletzungen langfristige Schäden hinterlassen, auch wenn die Patienten sich nach außen hin vollständig zu erholen scheinen. Für die Editorialistin kommt es jetzt darauf an, die genauen Pathomechanismen zu untersuchen und nach Wegen zu suchen, die Patienten vor den Spätfolgen eines Schädel-Hirn-Traumas zu schützen.

Da sowohl das Schädel-Hirn-Trauma als auch Demenzen häufig sind, könnten traumatische Hirnverletzungen eine häufige Ursache für Demenzen im Alter sein. Andererseits können die Betroffenen beruhigt werden. Das individuelle Risiko, infolge eines leichten Schädel-Hirn-Traumas im Alter an einer Demenz zu erkranken, ist vermutlich gering. © rme/aerzteblatt.de

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