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Medizin

Antidepressiva: Studie findet Veränderungen in emotionalen Hirnzentren von Feten

Donnerstag, 12. April 2018

New York – Neugeborene, deren Mütter mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) behandelt wurden, zeigen in einer Magnetresonanztomographie (MRT) eine Vergrößerung von Amygdala und Inselrinde, zwei für die Verarbeitung emotionaler Signale wichtige Hirnregionen. Die in JAMA Pediatrics (2018; doi: 10.1001/jamapediatrics.2017.5227) vorgestellten Ergebnisse verstärken die Bedenken von Hirnforschern gegen den häufigen Einsatz von Antidepressiva in der Schwangerschaft.

Die Zunahme von Depressionen bei jungen Frauen führt dazu, dass immer mehr Schwangere mit SSRI behandelt werden, den heute bevorzugten Antidepressiva. Nach einer jüngsten Untersuchung waren nicht weniger als 6 % aller Neugeborenen intrauterin mit SSRI exponiert.

Die Wirkstoffe sind plazentagängig und erhöhen vermutlich im Gehirn der Feten die Konzentration von Serotonin. Der Neurotransmitter hat eine wichtige Rolle in der vorgeburtlichen Hirnentwicklung. Er beeinflusst Zellproliferation, Differenzierung, neuronale Migration, Netzwerkbildung und die Bildung von Synapsen.

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Die Hirnforscher Jonathan Posner und Jay Gingrich von der Columbia University sind deshalb besorgt, dass die Einnahme der SSRI während der Schwangerschaft den Kindern bleibenden Schaden zufügen könnte. Vor Jahren konnten das Team an Mäusen zeigen, dass die Behandlung mit SSRI in der fetalen Entwicklungsphase zu Störungen des emotionalen Verhaltens der erwachsenen Tiere führt (Science 2004).

Inzwischen gibt es auch epidemiologische Hinweise. Die Auswertung von Patientenregistern in Finnland ergab, dass die Kinder im Jugendalter häufiger an Depressionen erkranken, wenn ihre Mütter während der Schwangerschaft SSRI verschrieben bekommen hatten (J Am Acad Child Adolesc Psychiatry 2016).

Vergrößerte Amygdala und Inselrinde nach SSRI-Exposition im Mutterleib

In ihrer aktuellen Studie haben die Forscher MRT der Gehirne bei 98 Säuglingen durchgeführt: 16 Säuglinge waren im Mutterleib mit SSRI exponiert worden, 21 Säuglinge hatten Mütter, die an einer Depression litten, aber keine SSRI eingenommen hatten. Die Mütter der übrigen 61 Säuglinge litten nicht an psychischen Erkrankungen.

Ergebnis: Die Exposition mit SSRI im Mutterleib hatte zu einer Vergrößerung von Amygdala und Inselrinde geführt. Zwischen beiden Zentren bestand zudem eine vermehrte Konnektivität. Amygdala und Inselrinde sind im Gehirn für die emotionale Bewertung von Sinneseindrücken zuständig. Eine Vergrößerung und die vermehrte Konnektivität zwischen den beiden Zentren könnte nach Ansicht von Posner und Gingrich durchaus erklären, warum die Kinder später eine erhöhte Neigung zu Depressionen haben. Das verzögerte Auftreten der Störung passt zudem gut zu den tierexperimentellen Befunden.

Nicht alle Studien finden einen Zusammenhang

Posner und Gingrich ist jedoch klar, dass die Beweislage noch schwach ist. Einige Studien hätten zwar gezeigt, dass die Einnahme von SSRI mit einer kürzeren Schwangerschaft, einem niedrigeren Geburtsgewicht, niedrigeren Apgarwerten und einem neonatalen Abstinenzsyndrom assoziiert waren. Allerdings gebe es auch Studien, die keinen Zusammenhang gefunden haben.

Ein Absetzen der SSRI während der Schwangerschaft wird derzeit als problematisch betrachtet, da eine unbehandelte Depression der Mutter dem Kind Schaden zufügen könnte. Die Psychiater Posner und Gingrich raten ihren Kollegen, während der Schwangerschaft auf andere Antidepressiva auszuweichen oder den Frauen eine Psychotherapie zu empfehlen. Klinische Studien zu dieser Strategie gibt es allerdings bisher nicht. © rme/aerzteblatt.de

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