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Docdirekt: KV-Projekt mit telemedizinischem Erstkontakt startet

Donnerstag, 12. April 2018

/dpa

Stuttgart – Am 16. April betritt die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) Neuland. Dann startet sie mit „Docdirekt“ als bundesweit erste KV ein Modellprojekt, bei dem gesetzlich Versicherte der Regionen Stuttgart und Tuttlingen sich telemedizinisch beraten und behandeln lassen können.

Knapp 30 niedergelassene Teleärzte, vorwiegend hausärztliche tätige Internisten und Allgemeinärzte sowie Kinderärzte, nehmen an dem Projekt teil und stehen dafür montags bis freitags zwischen 9 und 19 Uhr zur Verfügung.

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Callcenter  übernimmt die Triage

Das Prozedere: Akut erkrankte Versicherte in den beiden Modellregionen, die ihre behandelnden Haus- oder Fachärzte nicht erreichen, können per App, online oder telefonisch mit dem Docdirekt-Callcenter der KVBW Kontakt aufnehmen. Dort nimmt eine speziell geschulte medizinische Fachangestellte (MFA) die Personalien auf, erfasst die Krankheitssymptome und beurteilt die Dringlichkeit.

Bei einem lebensbedrohlichen Notfall schaltet sie direkt die Rettungsstelle ein. In den anderen Fällen erstellt sie ein „Ticket“, das über eine Webplattform an die teilnehmenden Teleärzte geht. Der Telearzt, der das Ticket zieht, meldet sich bei dem Patienten zur Abklärung des Beschwerdebildes und gibt eine Empfehlung für die Behandlung.

Ist eine taggleiche persönliche Vorstellung des Patienten bei einem Arzt notwendig, wird der Patient an eine dienstbereite Haus- oder Facharztpraxis weitergeleitet. Hierfür stehen etwa 20 PEP-Praxen („patientennah erreichbare Portalpraxen“) bereit, in denen Fachärzte zusätzliche Termine für akut Erkrankte bereithalten.

Das Projekt werde ohne Zweifel die Versorgungsrealität nachhaltig verändern, betonte Norbert Metke, Vorstandsvorsitzender der KVBW, gestern bei einer Pressekonferenz in Stuttgart. Onlinesprechstunden seien in vielen Ländern längst etabliert. „Nur Deutschland hinkt hier weit hinterher.“

In Baden-Württemberg versorgen 21.500 Ärzte neun Millionen gesetzlich Krankenversicherte. Diese verursachen Metke zufolge 55 Millionen Behandlungsfälle jährlich. Zugleich gebe es einen Ärztemangel vor allem in ländlichen Regionen, überlaufene Praxen und eine Fehlsteuerung von Patienten mit Bagatellerkrankungen in den Klinikambulanzen. Von den 55 Millionen Behandlungsfällen ließen sich eventuell auch einige durch eine andere Form des Arztkontaktes als den direkten in der Sprechstunde ersetzen beziehungsweise ergänzen, meinte Metke.

Ureigene Aufgabe der Ärzte

„Es ist der Arzt, der Telemedizin durchführen muss“, begründete Metke das Engagement seiner KV. Denn nur dieser habe die ganzheitliche Sicht auf dem erforderlichen hochqualitativen naturwissenschaftlichen Niveau gelernt. „Nehmen wir Ärzte uns nicht der Telemedizin an, würde sich ein Markt entwickeln, wie er es heute schon tut, mit einer völlig unüberschaubaren Zahl von Anbietern, in dem die Interessen von finanziell getriggerten Drittanbietern dominieren.“

Darüber hinaus sollen die Vorteile der Telemedizin nicht nur den privat Versicherten zur Verfügung stehen. Das Grundprinzip des Sozialstaats, dass jeder die ausreichende, notwendige Hilfe erhält, unabhängig etwa von seinen finanziellen Kapazitäten, will die KV daher im Rahmen ihres Versorgungsauftrages auch auf neue Versorgungsmedien wie Digital Healthcare oder Telemedizin ausdehnen, „sodass diese Innovation jedem GKV-Versicherten kostenfrei und ohne Beeinflussung durch Drittinteressen zur Verfügung steht. Deshalb machen wir Docdirekt.“

Änderung der Berufsordnung als Voraussetzung

Möglich wurde das Modellprojekt, weil die Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg  ihre Berufsordnung geändert und Mitte 2016 das Fernbehandlungsverbot gelockert hat. Zuvor hatte die ärztliche Berufsordnung die ausschließliche Behandlung über Kommunikationsnetze ohne vorherigen persönlichen Arztkontakt untersagt. Darauf  verwies Johannes Fechner, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KVBW.

An der Finanzierung des auf zwei Jahre angelegten Projekts beteiligen sich die Krankenkassen in Baden-Württemberg mit jährlich 1,6 Millionen Euro, weitere Mittel kommen aus dem Strukturfonds des Bundeslandes. Der Telearzt erhält 25 Euro je Beratung als Honorar. Stellt sich ein Patient noch in einer PEP-Praxis vor, wird ein Fallwertzuschlag von 20 Euro zusätzlich zur normalen Abrechnung gezahlt.

Mengengerüst noch unklar

Für das Projekt hat die KV in ihren Räumlichkeiten ein Callcenter mit zunächst fünf MFA eingerichtet, die die Anrufe von gesetzlich Krankenversicherten aus den beiden Modellregionen entgegennehmen sollen. Potenziell umfassen diese circa 630.000 Einwohner in Stuttgart und circa 114.000 Einwohner im Raum Tuttlingen. Geplant ist laut Fechner ein „sanfter Start“, denn: „Wir haben keine Vorstellung, wie viele Patienten hier anrufen werden.“ Sollte die Nachfrage schnell sehr hoch sein, lasse sich das Projekt schnell ausweiten. „Innerhalb von sechs bis acht Wochen werden wir hier mehr Klarheit haben“, sagte Fechner.

Die KV als Körperschaft des öffentlichen Rechts ist aus seiner Sicht der einzige vernünftige Träger eines telemedizinischen Callcenters, unter anderem weil sie keine Gewinne machen darf und weil sie kein Interesse an einer kommerziellen Verwertung oder Weitergabe der Daten hat. Außerdem sei die Datensicherheit in den Hochsicherheitsrechenzentren der KV gewährleistet.

Mit dem Projekt soll gezeigt werden, dass auch im vertragsärztlichen Bereich die ausschließliche Fernbehandlung ohne Qualitätsverlust möglich ist, erläuterte Fechner. „Wir wollen dabei einen niedrigschwelligen Zugang für die Patienten schaffen.“ Mit der wissenschaftlichen Evaluation wurde das Institut für Allgemeinmedizin am Campus Lübeck (Jost Steinhäuser) beauftragt.

Kooperation mit TeleClinic

Technischer Projektpartner der KVBW ist das Münchner Start-up TeleClinic. Das Unternehmen betreibt eine digitale Gesundheitsplattform, über die Patienten deutschlandweit auf mehr als 200 Fach- und Allgemeinärzte zugreifen können.

In einem weiteren Modellprojekt in Baden-Württemberg können seit Januar 2018 Privatversicherte der Barmenia und der Debeka die telemedizinische Beratung und Diagnose über diese Plattform in Anspruch nehmen. Auch das elektronische Rezept werde in diesem Projekt bereits erprobt, berichtete Reinhard Meier, Medizinischer Direktor des Unternehmens. Er präsentierte die Patienten-App „Docdirekt“, die unter anderem  eine Videoverbindung zwischen dem Patienten und der medizinischen Assistenz im Callcenter und das Hochladen eigener Dokumente ermöglicht.

© KBr/aerzteblatt.de

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