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Medizin

Schon geringe Menge Alkohol steigert Sterberisiko

Freitag, 13. April 2018

/master1305, stockadobecom

München/London – Weniger ist besser: Die Richtwerte für den Konsum von Alkohol sind in vielen Ländern einer Untersuchung zufolge zu hoch – auch in Deutschland. Eine große Übersichtsstudie zeigt, dass der Konsum von mehr als 100 Gramm reinem Alkohol pro Woche – das entspricht etwa fünfeinhalb Gläsern Wein oder 2,5 Litern Bier – das Risiko erhöht, zu sterben und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu entwickeln. Das berichtet ein internationales Forscherteam im Lancet (2018; doi: 10.1016/S0140-6736(18)30134-X).

In vielen Ländern liegt der wöchentliche Richtwert – also die maximal tolerierbare Menge – deutlich über 100 Gramm. In den USA gelten 196 Gramm für Männer, 98 Gramm für Frauen. In Kanada, Italien, Portugal und Spanien liegen die Werte ebenfalls höher. In Deutschland gelten nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung 140 Gramm für Männer und 70 Gramm für Frauen als tolerierbar.

600.000 Probanden eingeschlossen

Das Forscherteam analysierte 83 Studien aus 19 wohlhabenden Ländern, an denen fast 600.000 Menschen teilgenommen hatten. Abstinenzler waren ausgeschlossen. Die Studien erfassten die Menge des Alkoholkonsums und beobachteten die Teilnehmer mindestens ein Jahr lang nach. Bei der Datenanalyse berücksichtigten die Autoren Alter, Geschlecht, Tabakgebrauch, Diabetes und andere Faktoren, die mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Zusammenhang stehen.

Ergebnisse: Ab einer Menge von 100 Gramm pro Woche ging Alkohol bei Männern wie bei Frauen generell mit einem höheren Sterberisiko einher. Zudem erhöhte der Konsum die Gefahr für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, hier ohne klaren Schwellenwert. „Die zentrale Botschaft dieser Forschung für die öffentliche Gesundheit lautet: Wenn Sie Alkohol trinken, kann ein geringerer Konsum Ihnen helfen, länger zu leben und Ihr Risiko für mehrere Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu senken“, sagte Erstautorin Angela Wood von der britischen Universität Cambridge.

Ärzte sollten Patienten informieren

Höherer Alkoholkonsum war der Untersuchung zufolge mit einem höheren Risiko für Schlaganfall, Herzschwäche, Bluthochdruck und einem tödlichen Aortenaneurysma verbunden. Allerdings ging er mit einer etwas geringeren Gefahr für nicht tödliche Herzinfarkte einher. „Alkoholkonsum ist mit einem leicht geringeren Risiko für nicht tödliche Herzinfarkte verbunden, aber das muss gegen das höhere Risiko anderer schwerer – und möglicherweise tödlicher – Herz-Kreislauf-Erkrankungen abgewogen werden“, sagte Wood.

Co-Autor Dan Blazer von der US-amerikanischen Duke University in Durham ruft Ärzte dazu auf, ihre Patienten darauf hinzuweisen. „Diese Studie hat gezeigt, dass der Konsum von Alkohol in einer Menge, die als sicher galt, tatsächlich mit einer geringeren Lebenserwartung und mehreren ungünstigen gesundheitlichen Folgen verbunden ist.“

„Diese Studie hat durch ihre Stichprobengröße eine hohe Aussagekraft“, betonte Hans-Jürgen Rumpf von der Universität Lübeck, ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie. „Der Richtwert von 100 Gramm pro Woche sollte dazu führen, die Grenzwerte für Männer neu zu überdenken und nach unten zu korrigieren.“

Michael Roerecke von der University of Toronto, der ebenso wie Rumpf nicht an der Studie beteiligt war, verweist darauf, dass Alkohol viele Gesundheitsgefahren birgt: „Jeglicher Alkoholkonsum ist mit einem Risiko verbunden, und weltweit überwiegt der negative Einfluss bei Weitem. Speziell bei Frauen ist mit jedem Konsum ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs verbunden. Das erhöhte Krebsrisiko, nicht nur für Brustkrebs, aber auch für Mund- und Speiseröhrenkrebs, ist vielen nicht bewusst.“

Cornelia Lange vom Robert-Koch-Institut erklärte, die Studienergebnisse sollten „als Anregung dienen, die deutschen Empfehlungen zu überprüfen und gegebenenfalls zu überarbeiten“. Nach einer Analyse des neuen Jahrbuchs Sucht konsumieren Bundes­bürger über 15 Jahre im Schnitt 10,7 Liter reinen Alkohol im Jahr. Das entspricht rund 165 Gramm pro Woche.   © dpa/aerzteblatt.de

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rol1
am Montag, 16. April 2018, 15:51

Alkohol @Schätzler

Schon erstaunlich, wie der Universalgelehrte Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund, einen in einem renommierten Fachblatt veröffentlichten Artikel, an dem eine Vielzahl von nicht unbedeutenden Autoren beteiligt waren, prima vista be- und verurteilen kann. Im Lancet-Kommentar heißt es u.a.:
"The drinking levels recommended in this study will no doubt be described as implausible and impracticable by the alcohol industry and other opponents of public health warnings on alcohol." http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(18)30545-2/fulltext
Aber gut, dass uns Herr Schätzler so schnell die Nutzlosigkeit dieser Studie mitgeteilt hat...
Practicus
am Montag, 16. April 2018, 00:19

Lieber Kollege Schätzler

Schon erstaunlich, wie "Gerntrinker" um jedes Gramm "unschädlich" genießbaren Alkohol kämpfen... und mit welcher Akribie bei Glyphosat,Pestiziden, NOx oder vergleichbaren Mini-Risiken genau andersherum verfahren wird! Also, bitte wissenschaftlich bleiben und die gleiche Messlatte an alles legen!
100g Alkohol pro Woche entspricht der WHO-Empfehlung für Männer: 20g an höchstens 5 Tagen in der Woche. Und 200g entspricht eher dem deutschen Durchschnittskonsum: 1 Fl Bier von Mo bis Donnerstag, Freitag und Samstag 3 Flaschen und Sonntags keine...
Wozu eine 120-, 140- oder 210-Gramm/Wo-Gruppe bilden?
100g/Wo entsprechen 5 Fl Bier pro Woche - der deutschlandweit gebrächliche "Kasten Bier" pro Woche entspricht schon 400g Reinalkohol.
Sie wollen doch bloß Ihren "schädlichen Gebrauch" von Alkohol weiterhin als "Genuss" bezeichnet wissen
Gerhard Reichert
am Sonntag, 15. April 2018, 11:06

Druckfehler! /// Hier wollten Sie sicher 100 Gramm pro Woche schreiben?

ZITAT:
600.000 Probanden eingeschlossen
Das Forscherteam analysierte 83 Studien aus 19 wohlhabenden Ländern, an denen fast 600.000 Menschen teilgenommen hatten. Abstinenzler waren ausgeschlossen. Die Studien erfassten die Menge des Alkoholkonsums und beobachteten die Teilnehmer mindestens ein Jahr lang nach. Bei der Datenanalyse berücksichtigten die Autoren Alter, Geschlecht, Tabakgebrauch, Diabetes und andere Faktoren, die mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Zusammenhang stehen.
Ergebnisse: Ab einer Menge von 100 Gramm pro Tag ging Alkohol bei Männern wie bei Frauen generell mit einem höheren Sterberisiko einher./////// Hier wollten Sie sicher 100 Gramm pro Woche schreiben?

Anm. d. Red.: Vielen Dank für den Hinweis. Wir haben das korrigiert.
Brech
am Sonntag, 15. April 2018, 07:33

Alkoholkonsum

Das Problem ist die Feststellung des tatsächlichen Konsums. Selbstauskünfte sind nicht verlässlich, was die Aussagekraft vieler Studien erheblich mindert.
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Samstag, 14. April 2018, 09:43

Wissenschaftliche Bankrotterklärung?

Diese Studie ist ein Musterbeispiel für undiszipliniertes, chaotisches Denken, vorgefasste Ergebnisformulierungen, methodisch irregeleitetes Vorgehen, waghalsige Extrapolierungen und wissenschaftliche Unredlichkeit. 

In "Risk thresholds for alcohol consumption: combined analysis of individual-participant data for 599 912 current drinkers in 83 prospective studies" von Angela M. Wood et al. werden völlig unbewiesene Behauptungen aufgestellt, weil jegliche Vergleichsgruppen fehlen.

Um die Ausgangshypothese: "To define thresholds associated with lowest risk for all-cause mortality and cardiovascular disease, we studied individual-participant data from 599 912 current drinkers without previous cardiovascular disease" nicht zu gefährden, wurden Nicht-Trinker als mögliche Vergleichsgruppe gegenüber "current drinkers" komplett ausgeschlossen, was allerdings äußerst kryptisch formuliert wird: "Of the 786 787 participants with sufficient information for inclusion in this consortium, 186 875 (19%) reported not drinking at baseline, leaving 599 912 current drinkers without a history of cardiovascular disease at baseline who were eligible for the prespecified principal analysis."

Von diesen 599.912 "current drinkers" wurden allerdings nur 152.640 serielle Alkoholmessungen bei lediglich 71.011 Teilnehmern in 37 Studien gemacht: "...using 152 640 serial alcohol assessments obtained some years apart (median interval 5·6 years [5th–95th percentile 1·04–13·5]) from 71 011 participants from 37 studies." Pikant dabei, das "some years apart" bezieht sich auf 1964 bis 2016! 
http://www.thelancet.com/action/showFullTableImage?tableId=tbl1&pii=S014067361830134X

In Ermangelung von Morbiditäts- und Mortalitäts-Basiszahlen ohne regelmäßigen Alkoholkonsum bzw. von jeglichen Vergleichsangaben zur allgemeinen Morbidität und Mortalität ("Leben gefährdet Ihre Gesundheit") wurde in der vorliegenden Studie u.a. auf massive Trinkgewohnheiten bis zum chronischen Äthylismus/Alkoholabhängigkeit abgehoben. Wenig überraschend,  dass in der höchsten Alkoholkonsum-Stufe sich die Lebenserwartung im Alter von 40. Jahren bei mehr als 350 g reinem Alkohol pro Woche (das sind mehr als 18,2 Kilogramm pro Jahr!) um 4-5 Jahre verkürzte: "In comparison to those who reported drinking >0–≤100 g per week, those who reported drinking >100–≤200 g per week, >200–≤350 g per week, or >350 g per week had lower life expectancy at age 40 years of approximately 6 months, 1–2 years, or 4–5 years, respectively."

Die Ungenauigkeiten und Unsicherheiten des Autorenteams bei ihren "Interpretationen" (nicht Schlussfolgerungen!) sprechen Bände: Nicht nur, dass der Schwellenwert von max. 100 g reinem Alkohol pro Woche bemerkenswert vage formuliert wurde. Die  Myokardinfarkt-Häufigkeit blieb von jeglicher Alkoholkonsum-Höhe unbeeindruckt. Auch für alle anderen Untergruppen kardiovaskulärer Krankheiten habe es keinen deutlich niedrigeren Risiko-Schwellenwert gegeben, unterhalb dessen geringerer Alkoholkonsum aufhört, mit geringerem Krankheitsrisiko assoziiert zu sein: "Interpretation - In current drinkers of alcohol in high-income countries, the threshold for lowest risk of all-cause mortality was about 100 g/week. For cardiovascular disease subtypes other than myocardial infarction, there were no clear risk thresholds below which lower alcohol consumption stopped being associated with lower disease risk."

Der Nachweis, dass die Studiendaten niedrigere Grenzwerte beim Alkoholkonsum unterstützen, als in den meisten aktuellen Leitlinien empfohlen ["These data support limits for alcohol consumption that are lower than those recommended in most current guidelines"] konnte m.E. nicht mal ansatzweise erbracht werden.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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