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Politik

Hamburg setzt auf neue Initiative für rationalen Antibiotikaeinsatz

Donnerstag, 19. April 2018

/Geza Farkas, stock.adobe.com

Hamburg – Einen übermäßigen Gebrauch von Antibiotika eindämmen wollen Akteure des Hamburger Gesundheitswesens. Zu ihnen gehören neben der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz auch Krankenkassen, Ärzte-, Zahnärzte- und Psychotherapeutenkammer, die Krankenhausgesellschaft, Apotheker und Patientenvertreter.

„Einst als Wunderwaffe gegen Infektionen entwickelt, drohen Antibiotika durch unsachgemäßen Gebrauch ihre Wirksamkeit zu verlieren. Außerdem hat auch jedes wirkungslose Medikament seine Nebenwirkung und seinen Preis. Wir alle können – auch als Patienten – dazu beitragen, dass Antibiotika nur dann eingesetzt werden, wenn sie wirklich helfen“, sagte Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD).

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Kampagne wichtiges Element

Die Initiative sieht Maßnahmen in verschiedenen Bereichen vor. Ein wichtiges Element ist die Aufklärungskampagne „Antibiotika gezielt einsetzen“, die sich an die Bevölkerung richtet und auf die Risiken von unsachgemäßem und unbegründetem Antibiotikagebrauch aufmerksam macht. Patienten werden unter anderem darüber aufgeklärt, dass bei 90 Prozent der Atemwegserkrankungen Antibiotika nicht helfen, weil sie durch Viren ausgelöst wurden. Für jeden sichtbar sollen die Kampagneninhalte ab sofort durch Plakate in S- und U-Bahnen, Litfaßsäulen, den Stadtinformationsanlagen und durch kostenfreie Postkarten vermittelt werden.

Andere Maßnahmen richten sich an Ärzte und Pflegekräfte: Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hamburg plant im Rahmen der Kampagne unter anderem, ihre Pharmakotherapie-Beratung zu intensivieren sowie ein regelmäßiges Feedback ihrer Antibiotikaverordnungen für relevante Arztgruppen einzuführen. „Die KV Hamburg hat bereits in den vergangenen Jahren das Problem erkannt und mit der Etablierung des Bündnisses für gezielte Antibiotikatherapie, einer Patienteninformation und Fortbildungsmaßnahmen für unsere Mitglieder erste Erfolge erzielt“, sagte Andreas Walter, Abteilungsleiter Praxisberatung der KV. Die jetzt beschlossenen Maßnamen sähen unter anderem vor, dass neben den Ärzten auch die Patienten in die Pflicht genommen werden. „Insofern begrüßen wir die Initiative ausdrücklich“, sagte Walter.

Auch bereits bestehende Maßnahmen im Bereich der Aus-, Fort- und Weiterbildung sollen fortgesetzt, intensiviert und ergänzt werden. „Bereits jetzt ist das bestehende Angebot an Fortbildung in Hamburg zu diesem Thema sehr gut. Mit der Kampagne wird sich die Situation weiter verbessern, dass Ärzte ihren Patienten Antibiotika nur dann verordnen, wenn es notwendig ist“, sagte Christine Neumann-Grutzeck, Vorstandmitglied der Ärztekammer Hamburg.

Zur Beobachtung der weiteren Entwicklung in Hamburg haben sich die Beteiligten zu regelmäßigen Aktualisierungen der Datenlieferungen durch die Krankenkassen und Auswertung der Antibiotika-Datenanalyse durch den Medizinischen Dienst der Kran­ken­ver­siche­rung Nord (MDK Nord) bereiterklärt. Durch dieses Monitoring soll der Erfolg der Kampagne überprüft und gegebenenfalls nachgesteuert werden.

„Wir müssen jetzt gemeinsam entschlossen handeln, um die Wirksamkeit von Antibiotika zu  bewahren“, sagte Matthias Mohrmann, Vorstand der AOK Rheinland/Hamburg, für die Krankenkassen. Sehr gute Erfahrungen gebe es bereits in der Zusammenarbeit mit Arztnetzen, die Routinedaten der Krankenkassen für Qualitätsberichte zu ihrer Antibiotika-Verschreibungspraxis nutzten, betonte er.

Jährlich werden in Hamburg laut Gesundheitsbehörde mehr als 560.000 Rezepte für Antibiotika ausgestellt. „Über 40 Prozent der Rezepte werden für Reserveantibiotika ausgestellt, die eigentlich nur im Ausnahmefall zum Einsatz kommen sollten“, hieß es aus der Behörde.

Kritik am Verordnungsgeschehen

Scharfe Kritik am Verordnungsgeschehen äußerten die Ersatzkassen: Schätzungsweise jede dritte Antibiotikaverordnung, die Patienten von Ärzten erhielten, sei nicht sinnvoll, hieß es aus der Landesvertretung Hamburg des Verbandes der Ersatzkassen. Die Folge seien gefährliche Resistenzbildungen und vermeidbare Nebenwirkungen. „Es besteht die Gefahr, dass bei schweren Erkrankungen keine wirksamen Medikamente zur Verfügung stehen“, warnte der Verband. 

Auch der Landesverband Nordwest der Betriebskrankenkassen (BKKen) kritisiert die Verordnungspraxis. „Während der Gesetzgeber aus guten Gründen die Verordnung von Betäubungsmitteln reglementiert, werden Antibiotika nach wie vor nach dem Motto ‚viel hilft viel‘ verschrieben“, sagte Dirk Janssen, stellvertretender Vorstand des BKK-Landesverbandes. „Angesichts der Bedrohungen durch multi-resistente Keime ist die Zeit reif, auch für Antibiotikaverordnungen eine verbindliche Richtlinie zu erlassen“, forderte er. © hil/aerzteblatt.de

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