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Politik

Gutachten: Deutschland braucht 736 Portalpraxen

Donnerstag, 19. April 2018

/dpa

Berlin – Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat sich dagegen ausgesprochen, an jedem Krankenhaus mit einer Notaufnahme eine Portalpraxis einzurichten. „Es ist sinnvoll, die Portalpraxen an den Krankenhäusern anzudocken. Das ist auch schon gelebte Realität“, sagte der Vorstandsvorsitzende der KBV, Andreas Gassen, heute vor Journalisten in Berlin. „Aber es ist nicht vernünftig, an jedem Krankenhaus eine Portalpraxis einzurichten. Es ist an der Zeit, sich diesen Realitäten zu stellen.“

Um herauszufinden, wie viele Portalpraxen in Deutschland benötigt werden, hat die KBV das Gutachten „Notfallversorgung in Deutschland“ in Auftrag gegeben. Die Vorgabe war, dass Patienten innerhalb von 30 Minuten mit ihrem Auto die Portalpraxis einer Kassenärztlichen Vereinigung (KV) erreichen können. „Damit die Patienten das schaffen, bräuchten wir in Deutschland 736 Portalpraxen“, erklärte Gassen. „Dann gäbe es Portalpraxen an der Hälfte der an der Notfallversorgung teilnehmenden Krankenhäuser.“

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Im Hinblick auf die Kosten sei es geboten, in den Portalpraxen gemeinsame Tresen mit den Krankenhäusern zu etablieren. „Hierfür werden wir ein bundesweit einheitliches Ersteinschätzungssystem erarbeiten und dabei auch unsere Klinikkollegen mit einbeziehen“, kündigte Gassen an.

In Portalpraxen sollen erfahrene Ärzte arbeiten

„Schon heute betreiben wir 600 Bereitschaftsdienstpraxen an Kliniken“, erklärte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KBV, Stephan Hofmeister.  Auch er bekräftigte, dass es nicht an jedem Krankenhaus eine Portalpraxis brauche. „Wir haben auch nicht genügend Ärzte, um so viele Portalpraxen auszustatten.“ Schließlich sollten dort ja erfahrene Ärzte arbeiten.

Heute sind die Portalpraxen zumeist am Abend und am Wochenende geöffnet. Wenn die 600 vorhandenen Portalpraxen rund um die Uhr erreichbar sein sollten, brauche man entsprechend mehr Ärzte, so Hofmeister. Dabei sei zu bedenken, dass man diese Ärzte dann aus der Versorgung herausnähme. Denn „sie können nur eines von beiden: in ihrer Praxis arbeiten oder in einer Portalpraxis“, so Hofmeister. „Je weniger Portalpraxen es in Deutschland gibt, desto einfacher kann man die Praxen mit Fachärzten ausstatten“, fasste Gassen zusammen.

Defizit der Portalpraxen liegt bei 400 Millionen Euro

Boris Augurzky vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, einer der Autoren des Gutachtens, wies darauf hin, dass nicht jede Portalpraxis wirtschaftlich geführt werden könne. Denn in der Nacht kämen nicht so viele Patienten, und dennoch müssten die Ärzte vorgehalten werden. Bei den derzeitigen Öffnungszeiten würde sich das Defizit dem Gutachten zufolge auf 130 Millionen Euro pro Jahr belaufen. Würden die Portalpraxen an sieben Tagen die Woche für 24 Stunden geöffnet sein, belaufe es sich auf 400 Millionen Euro.

„Wir werden erleben, dass wir in Defizite laufen werden“, betonte Gassen. „Denn die Auslastung der Portalpraxen ist katastrophal, teils liegt sie bei unter einem Fall pro Stunde.“ Dennoch könne es vernünftig sein, aus Versorgungsgründen manche dieser ineffizienten Portalpraxen aufrechtzuerhalten, auch bei defizitärem Betrieb.

Wenn eine Portalpraxen defizitär sei, könne es aber nicht sein, dass das Defizit aus der vertragsärztlichen Gesamtvergütung ausgeglichen werde, die ohnehin schon nicht ausreiche, um die Arbeit der Ärzte zu vergüten, so Gassen. Hier müsse eine Finanzierung über Steuergelder oder über die Krankenkassen geschaffen werden.

KBV plant Werbekampagne für Bereitschaftsdienstnummer

Augurzky betonte, dass es derzeit keine einheitliche Patientensteuerung in der Notfallversorgung gebe. Häufig entschieden die Patienten selbst, wohin sie gingen. „Sinnvoll ist ein telefonischer Erstkontakt vor der Inanspruchnahme einer notfallmedizinischen Leistung“, sagte er. „Dort kann bereits eine Telefon-Triage stattfinden. Damit kann ich den Patienten helfen und sie auch steuern.“

„Die Steuerung ist die einzige mögliche Zukunftsperspektive, um das Thema dauerhaft in den Griff zu kriegen“, meinte Hofmeister. „Mit dem Prinzip eines telefonischen Erstkontaktes und der dadurch möglichen einheitlichen Ersteinschätzung werden wir ein Angebot schaffen, dass dem Bedürfnis der Patienten nach einer schnellen Hilfe entspricht und gleichzeitig die Ressourcen schont.“ Auf diese Weise könnten zehn bis 20 Prozent der Notfallpatienten wegfallen.

Hofmeister kündigte an, die vertragsärztliche Bereitschaftsdienstnummer 116117 rund um die Uhr schalten zu wollen. Dafür sollen die technisch-personellen Ressourcen deutlich ausgebaut und die Nummer mit einer großen Werbekampagne im Wert von zehn Millionen Euro beworben werden. Bemerkenswert sei, sagte Gassen, „dass wir die Bewerbung einer Notfallnummer aus Vertragsarztgeldern bezahlen müssen“.

337 Portalpraxen würden in der Theorie ausreichen

Die Autoren des Gutachtens haben auch errechnet, wie viele Portalpraxen, die innerhalb von 30 Pkw-Minuten erreicht werden können, es in Deutschland geben müsse, wenn man die Notfallversorgung ganz frei „auf der grünen Wiese“ planen könnte, wie Augurzky erklärte. Um alle Deutschen zu erreichen, auch diejenigen, die auf Inseln leben, müssten es dem Gutachten zufolge 868 Portalpraxen sein. Wollte man 99 Prozent der Deutschen erreichen, blieben noch 337 Standorte.

In der Realität könne man jedoch nicht auf der grünen Wiese planen, sondern man müsse sich an den vorhandenen Krankenhäusern in Deutschland orientieren, so Augurzky. Die Bundesregierung hatte den KVen im Krankenhausstrukturgesetz aufgetragen, Portalpraxen in beziehungsweise an Krankenhäusern einzurichten, damit Patienten, bei denen es sich eigentlich nicht um Notfallpatienten handelt, in ambulanten Strukturen behandelt werden können. 

„In Deutschland gibt es 1.393 Krankenhäuser, die an der somatischen Notfallversorgung teilnehmen“, erklärte Augurzky. Es müssten jedoch nicht an all diesen Standorten Portalpraxen eingerichtet werden, weil mehr als ein Standort in einem Umfeld von 30 Pkw-Minuten vorhanden sei. Daher würden 736 Portalpraxen in Deutschland ausreichen.

Dänen sind mit neuen Kran­ken­haus­struk­tu­ren zufrieden

In Dänemark wurde vor Kurzem die gesamte Krankenhauslandschaft, inklusive der Notfallversorgung, auf dem Reißbrett neu strukturiert. Die Bevölkerung sei mit den neuen Strukturen zufrieden, erklärte Augurzky. Einer der Gründe dafür sei, dass an den in Dänemark geschaffenen Zentren ein großes medizinisches Spektrum vorhanden sei, mit dem die Patienten dann im Notfall versorgt werden könnten. © fos/aerzteblatt.de

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 20. April 2018, 11:39

Notfallversorgung in Deutschland dilettantisch!

Die Vorgabe sei, dass Patienten innerhalb von 30 Minuten mit ihrem Auto die Portalpraxis einer Kassenärztlichen Vereinigung (KV) erreichen können. „Damit die Patienten das schaffen, bräuchten wir in Deutschland 736 Portalpraxen“, erklärte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), der orthopädische Kollege Dr. med. Andreas Gassen.

Dies impliziert,
- dass jedem Notfallpatienten, von Hartz IV bis zum Bankdirektor, PKWs zur Verfügung stehen,
- dass jeder "Notfallpatient" so gesund sein muss, dass er Auto gefahrlos fahren kann und darf,
- dass Notfallpatienten gar nicht so krank sein können, wenn sie noch mit Motorkraft bzw. mit ÖPNV oder zu Fuß  das Notfallzentrum erreichen.

Im Übrigen hat die Bundesrepublik Deutschland ein Fläche von 357.376 km². Bei einem Rund-um-die-Uhr-Betrieb von 736 Notfallzentren, wie von KBV-Vize Dr. med. Stephan Hofmeister gefordert, sind das 1 Notfallzentrum auf 486,56 km². Berücksichtigt man jetzt noch ein Stadt-Land-Gefälle bzw. Ballungszentren, soziale Brennpunkte und strukturschwache Regionen mit erhöhtem Versorgungs- und Betreuungsbedarf bei defizitären Familien-, Haus- und Facharzt-Strukturen, merkt man sofort, dass es hier nicht um verbesserte  medizinische Patienten-Versorgung und bio-psycho-soziale Hilfen in echt bedrohlichen oder subjektiv vermeintlichen Notfällen geht, sondern um den Versuch, den Notfallbedarf zu disziplinieren, zu kanalisieren, zu ökonomisieren und künstlich zu verknappen, ohne an objektive medizisch begründete Aufgreifkriterien anzuknüpfen.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. EUROPREVENT/Ljubljana/SLO)
LNS

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