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Medizin

Parkinson: Schon eine einzige Hirnerschütterung könnte Risiko erhöhen

Dienstag, 24. April 2018

/rocketclips, stockadobecom

San Francisco – US-Veteranen, die ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten hatten, erkrankten in der Folge häufiger am Morbus Parkinson. Ein erhöhtes Risiko war in einer retro­spektiven Kohortenstudie in Neurology (2018; doi: 10.1212/WNL.0000000000005522) bereits nach einer Gehirnerschütterung nachweisbar.

Ein Zusammenhang zwischen Schädel-Hirn-Trauma und Morbus Parkinson wird seit Längerem diskutiert. Das bekannteste Beispiel ist der Boxer Muhammad Ali, der mit 42 Jahren erkrankte. Ob Ali dies den Schlägen seiner Gegner verdankte, ist unklar und im Einzelfall ohnehin kaum zu belegen. Dokumentiert ist nur ein einziger technischer Knock-out in Profikämpfen.

Eine Fall-Kontroll-Studie des Rochester Epidemiology Project kam bereits 2003 zu dem Ergebnis, dass ein Schädel-Hirn-Trauma, das zur Bewusstlosigkeit führt, mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko assoziiert ist. Die Odds Ratio von 11,0 war hoch. Sie beruhte jedoch auf wenigen Erkrankungen. Bei einem weiten 95-%-Konfidenzintervall (von 1,4 bis 85,2) war das Risiko nur schwer zu beurteilen.

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Dosisabhängigkeit könnte auf kausalen Zusammenhang hinweisen

Ein Team um Kristine Yaffe von der Universität von Kalifornien in San Francisco kommt jetzt in einer Studie zu einer feineren Risikoabschätzung. Die Forscher konnten auf die Akten aus 3 regionalen US-Veteranenbehörden zurückgreifen. Von 325.870 US-Soldaten hatten die Hälfte eine Gehirnerschütterung oder eine mittelschwere bis schwere traumatische Hirnverletzung erlitten. Eine Gehirnerschütterung wurde definiert als eine Bewusstlosigkeit von bis zu 30 Minuten sowie eine Bewusstseins­störung oder eine Amnesie über bis zu 24 Stunden. Yaffe betont, dass es sich dabei in den meisten Fällen um private Unfälle und nicht etwa um Kriegsverletzungen handelte. Die Ergebnisse ihrer Untersuchung könnten deshalb auf die Allgemein­bevölkerung übertragen werden.

Bei 1.462 Veteranen ist es nach durchschnittlich 4,6 Jahren zu einem Morbus Parkinson gekommen. Darunter waren 949 Personen mit Schädel-Hirn-Trauma (Anteil 0,58 %) und 513 Personen ohne traumatische Hirnverletzung (Anteil 0,31 %). Yaffe ermittelte eine Hazard Ratio von 1,71 (1,53–1,92), die ingesamt ein um 71 % erhöhtes Risiko anzeigt. Für die leichten Gehirnerschütterungen war das Risiko um 56 % erhöht (Hazard Ratio 1,56; 1,35–1,80). Nach einem mittelschweren bis schweren Schädel-Hirn-Trauma war das Risiko um 83 % erhöht (Hazard Ratio 1,83; 1,61–2,07). Diese „Dosisabhängigkeit“ ist in epidemiologischen Studien immer ein Hinweis für eine Kausalität.

Wie ein Schädel-Hirn-Trauma einen Morbus Parkinson auslösen könnte, ist unbekannt. Es gibt jedoch mindestens eine tierexperimentelle Studie, in der durch mechanische Verletzungen des Gehirns ein Parkinson ähnliches Krankheitsbild ausgelöst wurde. Ein Team um Emanuela Esposito berichtete in Frontiers in Neuroscience (2016; 10: 458), dass 30 Tage nach dem Schädel-Hirn-Trauma ein Rückgang der Dopamin-Synthese in der Substantia nigra nachweisbar war.

Der Untergang der Substantia nigra steht am Beginn des Morbus Parkinson. Die Forscher entdeckten auch eine vermehrte Akkumulation von Alpha-Synuclein in der Mikroglia. Die Ablagerungen dieses Proteins in den Lewy-Körperchen gilt heute als Auslöser der Erkrankung, die von der Substantia nigra auf andere Hirnregionen übergreifen kann. © rme/aerzteblatt.de

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