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Medizin

Historiker sehen Nähe von Hans Asperger zu Euthanasie-Programm der NS-Zeit

Montag, 23. April 2018

Palo Alto/Wien – Der österreichische Mediziner Hans Asperger, der 1944 das Krankheitsbild eines „autistischen Psychopathen“ beschrieb, das seit den 1980er-Jahren zunächst im angelsächsischen Raum nach ihm benannt wurde, hatte nach Einschät­zung zweier Medizinhistoriker eine bedenkliche Nähe zum National­sozialismus.

Edith Sheffer von der Standford Universität sieht Asperger in ihrem Buch „Asperger’s Children, The Origins of Autism in Nazi Vienna“ als überzeugten Unterstützer der Euthanasie-Ideologie. Herwig Czech von der Universität Wien weist in Molecular Autism Brain, Cognition and Behavior (2018; 9: 29) nach, dass Asperger wenigstens in einem Fall die Überweisung eines Kindes an die Heil- und Pflegeanstalt „Am Spiegelgrund“ befürwortet hat, in der psychisch kranke Kinder ermordet wurden.

Hans Asperger war außerhalb von Fachkreisen wenig bekannt, bis die britische Psychiaterin Lorna Wing 1981 eine milde autistische Störung nach ihm benannte. Es ging dabei um Kinder, die autistische Eigenschaften hatten, etwa die Unfähigkeit zu sozialen Kontakten oder auch repetitive Verhaltensweisen zeigten, die aber nicht wie beim frühkindlichen Autismus eine eingeschränkte Intelligenz hatten. Die „kleinen Professoren“, wie Wing sie bezeichnete, neigten dazu, in bestimmten Wissensbereichen durch ihre Kenntnisse zu brillieren, während ihre Schulnoten infolge eines Desinteresses in anderen Bereichen schlecht waren.

Das Asperger-Syndrom wurde vor allem im angelsächsischen Raum in der Folge zu einer häufigen Diagnose. Im aktuellen Manual DSM-5 wird es nicht mehr als eigen­ständige Erkrankung geführt, sondern nur als eine mögliche Ausprägung in einem Spektrum autistischer Störungen (autism spectrum disorders) gesehen, woran sich die ICD-11 der Welt­gesund­heits­organi­sation vermutlich anschließen wird.

In der breiteren Öffentlichkeit wird der Name Asperger jedoch noch immer mit milden Formen autistischer Störungen in Verbindung gebracht. Nach Ansicht der Historikerin Edith Sheffer sollte dies in Zukunft nicht mehr geschehen. Dies sei man den Kindern, die im Namen von Asperger ermordet wurden, und den Kindern, die heute an der Erkrankung litten, schuldig, schrieb Sheffer jüngst in einem Beitrag in der New York Times.

In ihrem Buch, das im Mai bei Norton erscheint, zeichnet Sheffer die berufliche Lauf­bahn eines ambitionierten Mediziners nach, der an der Kinderklinik der Universität Wien bald zum Leiter der heilpädagogischen Abteilung ernannt wurde und sich zu einem Spezialisten für autistische Erkrankungen entwickelte.

Während seiner Karriere hat sich Asperger laut Sheffer der NS-Ideologie genähert. Sie macht dies an der Wortwahl fest. Habe er anfangs noch Mitgefühl mit den Patienten gezeigt, so seien die Beschreibungen mit der Zeit immer „härter“ geworden. Asperger habe jetzt die „Grausamkeit“ und die „sadistischen Wesenszüge“ der Kinder hervor­gehoben.

In seiner Habilitationsschrift bezeichetete Asperger die Kinder dann als „autistische Psychopathen“. Sein Beitrag „Autistische Psychopathen im Kindesalter“ im Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten (1944; 117: 76–136) inspirierte Lorna Wing später zur Beschreibung des Asperger-Syndroms. Sie hat den Namen gewählt, um die negative Konnotation von „Psychopath“ zu vermeiden.

Die Bezeichnung „Psychopath“ war jedoch nicht zufällig gewählt, da sich Asperger zur Zeit seiner Habilitation bereits zu einem Befürworter und Unterstützer der Eugenik der Nazis entwickelt hatte. Davon ist jedenfalls Sheffer überzeugt. Asperger habe letztlich der nationalsozialistischen Ideologie in die Hände gespielt, die psychisch kranke Kinder danach einteilte, ob sie durch eine Behandlung zu „lebenswerten“ Mitgliedern der Volksgemeinschaft erzogen werden können, oder ob sie als „förderungsunwürdige“ Kinder eliminiert werden müssten.

Für diese Eliminierung, die von der Berliner Zentraldienststelle „T4“ organisiert wurde, war in Wien die Heil- und Pflegeanstalt „Am Spiegelgrund“ zuständig. Dort wurden zwischen 1940 und 1945 fast 800 Kinder von ihrem psychischen Leiden „erlöst“. Viele Kinder starben, nachdem sie durch Überdosierungen von Barbituraten „eingeschläfert“ wurden. Den Eltern wurden dann natürliche Todesursachen wie Lungenentzündungen oder Darminfektionen mitgeteilt, nicht ohne den Hinweis, dass den Kindern ein schlimmeres Schicksal „erspart“ wurde.

Mindestens in einem Fall hat Asperger die Überweisung eines Kindes in die Anstalt „Am Spiegelgrund“ befürwortet. Der Medizinhistoriker Herwig Czech fand bei seinen Recherchen die Krankenakte von Herta Schreiber, die nach einer Enzephalitis im Alter von knapp drei Jahren eine „schwere Persönlichkeitsstörung“ entwickelte. Asperger bescheinigte als Gutachter am 27. Juni 1941, dass eine Unterbringung in „Am Spiegelgrund“ „unbedingt nötig“ sei. Dass das Kind dort ermordet werden würde, musste Asperger wissen.

Schon am 8. August meldete der Leiter der Anstalt Erwin Jekelius, ein früherer Kollege von Asperger, das Mädchen beim „Reichsausschuß zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden“ an. Am 2. September starb das Kind an einer Pneumonie, wie der Mutter mitgeteilt wurde. Aus den Klinikakten geht laut Czech hervor, dass die Mutter wusste, was dem Kind bevorstand. Sie scheint die Tötung des Kindes in Kauf genommen, wenn nicht sogar gewünscht zu haben.

Czech zeichnet in seiner Studie das Bild eines Arztes, der teils um eine Abgrenzung vom Nationalsozialismus bemüht war, gleichzeitig aber eine ideologische Nähe zu ihnen besaß. Schon vor dem „Anschluss“ Österreichs war Asperger Mitglied der „Vaterländischen Front“, einer Organisation des Austrofaschismus. Als Student schloss er sich dem katholischen „Bund Neuland“ an. Dieser lehnte offiziell den National­sozialismus ab, hatte jedoch als Gruppe am rechten deutschnationalen Rand durchaus eine Affinität mit deren Ideologie.

Die katholische Eugenik lehnte zwar die Tötung von Menschen zur Verbesserung des „Genpools“ der Bevölkerung strikt ab. Gegen die Aktionen der Nazis wurde jedoch kein aktiver Widerstand geleistet. Dieser Zwiespalt galt auch für Asperger, der als Leiter der Jugendpsychiatrie zwangsläufig mit den Entscheidungen konfrontiert war, die ihn zum Mittäter werden ließen. Für die später verbreiteten Annahmen, Asperger habe als eine Art Oskar Schindler durch eine Diagnose Kinder vor dem Tod gerettet, konnten weder Sheffer noch Czech Hinweise finden. © rme/aerzteblatt.de

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