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Medizin

Hypertonie: 24-Stunden-Blutdruck­messung kann Leben retten

Montag, 23. April 2018

/Ingo Bartussek, stockadobecom

Madrid – Eine ambulante 24-Stunden-Blutdruckmessung hat in einer Kohortenstudie die Sterblichkeit besser vorhergesagt als einzelne Blutdruckmessungen beim Arzt. Laut der Publikation im New England Journal of Medicine (2018; 378: 1509–1520) könnten viele vorzeitigen Todesfälle vermieden werden, wenn bei allen Patienten eine 24-Stunden-Blutdruckmessung durchgeführt würde.

Seit Langem ist bekannt, dass einzelne Messungen ein ungenaues Instrument zur Diagnose der arteriellen Hypertonie sind. Es gibt viele Menschen, die nur zeitweise einen erhöhten Blutdruck haben, bei anderen fehlt der physiologische Abfall der Blutdruckwerte in den Nachtstunden („dipping“). Dennoch ist eine 24-Stunden-Blutdruckmessung für die Diagnose einer Hypertonie nicht zwingend erforderlich. Es fehlte bisher der Beweis, dass sich die zusätzlichen Ergebnisse einer 24-Stunden-Blutdruckmessung auf die Prognose auswirken. 

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Dieser Nachweis – wenn auch nur in Form einer retrospektiven Auswertung eines Patientenregisters und nicht in einer prospektiven randomisierten Studie – wird jetzt von José Ramon Banegas von der Universidad Autónoma de Madrid und Mitarbeitern erbracht. Die Forscher haben die Daten von 63.910 Erwachsenen, bei denen in den Jahren 2004 bis 2014 in Spanien eine 24-Stunden-Blutdruckmessung durchgeführt wurde, mit dem Sterberegister des Landes abgeglichen. In einer medianen Nachbeo­bachtungszeit von 4,7 Jahren waren 3.808 Patienten gestorben, davon 1.295 an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. 

Ergebnis: Die 24-Stunden-Blutdruckmessung sagte den Tod deutlich besser voraus als die Blutdruckmessungen in der Klinik. Ein erhöhter systolischer Blutdruck in der 24-Stunden-Messung erhöhte das Sterberisiko um 58 % pro Standardabweichung (Hazard Ratio, 1,58; 95-%-Konfidenzintervall 1,56 bis 1,60). Nach der einzelnen Messung in der Praxis stieg das Sterberisiko dagegen nur um 2 % pro Standardabweichung (Hazard Ratio, 1,02; 1,00–1,04).

In der 24-Stunden-Blutdruckmessung waren sowohl erhöhte nächtliche Werte (Hazard Ratio pro Standardabweichung 1,55; 1,53–1,57) als auch ein erhöhter Blutdruck am Tage (Hazard Ratio pro Standardabweichung 1,54; 1,52–1,56) mit einem erhöhten Sterberisiko assoziiert.

Am deutlichsten war das Risiko für Patienten mit einer maskierten Hypertonie erhöht, bei denen die Einzelmessungen einen normalen Blutdruck ergeben hatten, die aber in der 24-Stunden-Blutdruckmessung erhöhte Werte hatten. Banegas ermittelt eine Hazard Ratio von 2,83 (2,12–3,79). Bei einer anhaltenden Hypertonie (erhöhte Werte sowohl bei der Einzelmessung als auch bei der 24-Stunden-Blutdruckmessung) betrug die Hazard Ratio 1,80 (1,41–2,31), aber auch die Weißkittel-Hypertonie (erhöhte Werte nur bei der Einzelmessung) war mit einem erhöhten Sterberisiko verbunden: Hazard Ratio 1,79 (1,38–2,32).

In der C-Statistik, wo ein Wert von 0,5 einen Zufall und ein Wert von 1,0 eine exakte Diagnose anzeigt, verbesserte die 24-Stunden-Blutdruckmessung die Vorhersage des Sterberisikos von 0,79 auf 0,94. Umgekehrt lieferte die Einzelmessung keine zusätzliche Information, wenn bei den Patienten bereits eine 24-Stunden-Blutdruck­messung durchgeführt worden war (C-Wert in beiden Fällen 0,94). 

Die Ergebnisse sprechen laut Banegas klar dafür, die 24-Stunden-Blutdruckmessung zu einer Regeluntersuchung bei der Diagnose der arteriellen Hypertonie zu machen. Die Geräte, die in den 1980er-Jahren noch 2,3 kg wogen und mit mehreren Batterien vom Typ D mit Strom versorgt werden mussten, sind heute auf ein Gewicht von weniger als ein Pfund geschrumpft, was die Messungen für die meisten Patienten akzeptabel macht.

Der Nutzen für die klinische Medizin könnte enorm sein. Laut Banegas hatte fast jeder 10. Patient eine maskierte Hypertonie oder eine maskierte unkontrollierte Hypertonie, die eine Änderung der Medikation erforderlich macht. In einer anderen Analyse war eine anhaltende Hypertonie für 7,0 % und eine maskierte Hypertonie für 1,9 % der Todesfälle verantwortlich.

Interessant ist sicherlich auch, dass mehr als jeder 4. Patient eine Weißkittel-Hypertonie hatte (10 % bei Patienten ohne Blutdruckmedikamente plus 17 % der Patienten, die Blutdruckmedikamente erhielten). Warum in dieser Gruppe das Sterberisiko erhöht ist, obwohl der Blutdruck über die meiste Zeit des Tages im normalen Bereich liegt, ist sicherlich ein erstaunliches Phänomen. © rme/aerzteblatt.de

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