Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Studie: Anticholinergika erhöhen langfristig Demenzrisiko

Donnerstag, 26. April 2018

/bilderstoeckchen, stockadobecom

Norwich – Die häufige Verordnung von Anticholinergika, die nachweislich zu kognitiven Störungen führen, waren in einer Fall-Kontroll-Studie im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2018; 361: k1315) bei älteren Patienten langfristig auch mit einem erhöhten Risiko auf Demenzerkrankungen verbunden. Die Assoziationen waren schwach, aber teilweise noch nach 15 bis 20 Jahren nachweisbar.

Viele Medikamente, die bei älteren Menschen eingesetzt werden, blockieren den Neurotransmitter Acetylcholin im zentralen oder peripheren Nervensystem. Zu den häufig verordneten Anticholinergika gehören die Antidepressiva Amitriptylin, Dosulepin und Paroxetin, die urologischen Spasmolytika („Blasenmedikamente“) Tolterodin, Oxybutynin und Solifenacin und das Parkinsonmittel Procyclidin. Ihr Einsatz bei älteren Menschen ist problematisch, da sie die kognitiven Fähigkeiten beeinträchti­gen könnten. Pharmakologen raten deshalb bereits zu einer zurückhaltenden Verordnung.

Ein Team um George Savva von der University of East Anglia in Norwich hat jetzt untersucht, ob der Einsatz von Anticholinergika auch das Demenzrisiko erhöht. Die Forscher verglichen dazu die Medikamentenverordnungen von 40.770 britischen Hausarztpatienten, bei denen im Alter von 65 bis 99 Jahren eine Demenz diagnostiziert wurde, mit 283.933 Kontrollen ohne Demenz. Es wurde unterschieden zwischen Medikamenten, die möglicherweise anticholinerg (Kategorie 1), wahrscheinlich anticholinerg (Kategorie 2) und definitiv anticholinerg sind (Kategorie 3).

Ergebnis: Für die Kategorien 2 und 3 wurde eine dosisabhängige Assoziation mit einer späteren Demenzdiagnose gefunden: Patienten, die mehr als 1.460 definierte Tagesdosen von Medikamenten der Kategorie 3 erhalten hatten, erkrankten zu 57 % häufiger an einer Demenz (adjustierte Odds Ratio aOR 1,57; 95-%-Konfidenzintervall 1,18 bis 2,09). Für die gleiche Einnahme von Anticholinergika der Kategorie 2 war das Risiko um 31 % erhöht (aOR 1,31; 1,22–1,41). Für die Kategorie 1 wurde keine kumulative Dosis-Wirkungs-Beziehung gefunden, die in epidemiologischen Studien als Zeichen für eine Kausalität gewertet werden.

Die Forscher fanden erhöhte Risiken für anticholinerge Antidepressiva (aOR 1,11; 1,08–1,14), Parkinsonmittel (aOR 1.29; 1,11–1,50) und Spasmolytika (aOR 1,13–1,23). Mittel zur Behandlung von Magen-Darm-Erkrankungen oder Atemwegserkrankungen waren nicht mit einem erhöhten Demenzrisiko assoziiert. Zur letzten Gruppe gehören die Antihistaminika, die heute auch rezeptfrei in der Apotheke erhältlich sind. Bei Antidepressiva und Spasmolytika war selbst eine 15 bis 20 Jahre zurückliegende Verordnung noch mit einem erhöhten Demenzrisiko verbunden (aOR 1,19; 1,10–1,29 beziehungsweise 1,27; 1,09–1,48).

Da Acetylcholin ein wichtiger Neurotransmitter in den Gedächtniszentren des Gehirns ist und Cholinesterase-Hemmer, die die Konzentration von Acetylcholin im Gehirn erhöhen, eine etablierte Behandlung (wenn auch mit begrenzter Wirkung) bei Demenzerkrankungen sind, ist ein Zusammenhang biologisch plausibel.

Wie bei allen epidemiologischen Studien sind Einwände möglich. Die Studie basiert auf einer Analyse der Datenbank CPRD (Clinical Practice Research Datalink), die Zugriff auf die Krankenakten zu mehr als 11 Millionen britischer Patienten hat. Die Hausärzte notieren in den Krankenakten in der Regel keine Einzelheiten zur Demenzdiagnose (etwa den Schweregrad). Die CPRD erfasst außerdem nur die Verordnung der Medikamente, nicht aber deren Einnahme. Sollte die Assoziation kausal sein, wäre das Risiko für den einzelnen Patienten vermutlich gering. Bei einer begründeten Indikation dürfte ein potenzielles Demenzrisiko kein Grund sein, auf eine Verordnung zu verzichten.

Bei älteren Menschen wird bereits wegen der akuten Auswirkung zu einer zurück­haltenden Verordnung geraten (in Deutschland etwa in der PRISCUS-Liste). Aus der Public-Health-Perspektive könnten die Ergebnisse von großer Bedeutung sein, da die Verordnungszahlen der Anticholinergika hoch und Demenzen eine häufige Erkrankung sind. © rme/aerzteblatt.de

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Nachrichten zum Thema

18. Mai 2018
Oxford/Warwick – Weder moderate noch hochintensive Bewegung vermochte bei älteren Menschen mit Demenz die kognitive Beeinträchtigung zu verlangsamen. Zu diesem Ergebnis kommen britische Forscher in
Sport kann den kognitiven Verfall bei Menschen mit Demenz nicht aufhalten
17. Mai 2018
Berlin – Unbehandelt kann Bluthochdruck zu Gefäßerkrankungen wie Herzinfarkten und Schlaganfällen sowie zu Nierenversagen und Netzhautveränderungen führen. Bei Frauen im gebärfähigen Alter erhöht
Welthypertonietag 2018: Nur jeder 5. kontrolliert regelmäßig seinen Blutdruck
15. Mai 2018
San Franzisko – Eine sogenannte milde traumatische Gehirnverletzung (traumatic brain injury, TBI) muss nicht zu einem Bewusstseinsverlust führen, um ein höheres Risiko für eine Demenz auszulösen. Das
Auch Gehirnerschütterung ohne Bewusstseinsverlust kann Risiko für Demenz erhöhen
10. Mai 2018
Berlin – Nicht nur das Alter erhöht das Risiko einer Demenzdiagnose. Auch der Familienstand von „Witwen“, ein niedrigerer Body Mass Index und wenig Schlaf im mittleren Alter sorgten für eine erhöhte
Familienstand, BMI und Schlafdefizit könnten das Demenzrisiko beeinflussen
9. Mai 2018
Kopenhagen – Wenn am Abend die Sonne untergeht, erleben rund 20 % aller Alzheimerpatienten zunehmende Verwirrung, Angst, Unbehagen, Orientierungslosigkeit, Irritation und Aggression (Sundown-Syndrom).
Uhrzeit bestimmt Agressivität bei Demenzpatienten
4. Mai 2018
Berlin/Köln – In der Diagnose der Alzheimerkrankheit (AD) steht ein lang angekündigter Umbruch bevor. Man wendet sich ab von der Symptomatik und will in der Forschung zukünftig Biomarker als
Neue Kriterien in der Alzheimer-Diagnostik publiziert
30. April 2018
Hamburg – Einen Behandlungsansatz für die seltene Erkrankung „Spätinfantile Neuronale Ceroid Lipofuszinose“ (CLN2) – einer Form der Kinderdemenz – haben Wissenschaftler des Universitätsklinikums
VG Wort

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
J
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige