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Medizin

Lepra hat das Genom der Europäer (an einer Stelle) verändert

Donnerstag, 3. Mai 2018

Menschliche Haut mit Mycobacterium leprae (Mikroaufnahme, Vergrößerung 100:1) /dpa

Kiel – Die Lepra, die im Mittelalter mangels Antibiotika durch drastische soziale Maßnahmen eingedämmt wurde, hat möglicherweise das Genom der Europäer verändert. Eine Studie in Nature Communications (2018; doi: 10.1038/s41467-018-03857-x) zeigt, dass eine Variante des HLA-Gens, die die Erkrankung begünstigt, im Mittelalter häufiger auftrat als im heutigen Europa.

Die Lepra, die in Europa zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert verbreitet war, führte zu einer sozialen Segregation. Die Infizierten, die durch die sichtbaren Veränderungen leicht identifiziert werden konnten, wurden in Leprosarien isoliert, sie durften keinen Kontakt zu anderen Menschen halten, nicht heiraten, und nach dem Tod wurden sie auf eigenen Friedhöfen bestattet.

Auf einem dieser Friedhöfe in Odense auf der dänischen Insel Fünen wurden besonders gut erhaltene Knochen der damaligen Lepraopfer gefunden. Dem Biochemiker und Archäologen Ben Krause-Kyora von der Universität Kiel und Mitarbeitern gelang es jetzt, die DNA der Lepraerreger und der Patienten zu isolieren.

Aufgrund der guten Ausbeute konnten die Forscher das Erbgut von insgesamt 10 verschiedenen Mycobacterium leprae, den Erregern der Lepra, vollständig rekons­truieren. Der Genomvergleich ergab, dass die Bakterien zu 3 verschiedenen (von ingesamt 5 bekannten) Stämmen gehörten. Dies spricht zum einen dafür, dass die Lepra damals in Nordeuropa stark verbreitet war. Die Bevölkerung konnte sich offenbar mit verschiedenen Varianten des Erregers anstecken. Zum anderen zeigen die Ergebnisse, dass sich das Genom des Lepraerregers in den letzten Jahrhunderten kaum verändert hat.

Doch warum erkrankten damals viele Menschen an der Lepra, während sie heute in Europa ausgestorben ist? Neben den veränderten Lebensverhältnissen könnte es hierfür auch genetische Ursache geben, wie die Forscher durch die Analyse der DNA der Leprapatienten herausfanden. Bekannt ist, dass der HLA-Locus DRB1*15:01 die Anfälligkeit gegenüber der Lepra erhöht. Viele der etwa 200.000 Menschen, die sich derzeit jedes Jahr vor allem in Indien, China und Brasilien mit der Lepra infizieren, haben den HLA-Locus DRB1*15:01.

Das HLA-System beeinflusst, wie das Immunsystem auf eine Infektion reagiert. Der HLA-Locus DRB1*15:01 hat offenbar zur Folge, dass der Erreger nicht rechtzeitig erkannt wird und nicht die geeigneten Gegenmaßnahmen getroffen werden.

Dies scheint schon im Mittelalter der Fall gewesen zu sein. Die Forscher können zeigen, dass viele Leprapatienten aus dem mittelalterlichen Odense den Einzel­nukleotid-Polymorphismus (SNP) „rs3135388-T“ aufwiesen, der für den HLA-Locus DRB1*15:01 kennzeichnend ist. Dieses Merkmal war bei den Patienten 2,45-fach häufiger (Odds Ratio 2,46) als in der heutigen Bevölkerung in Deutschland (und damit wohl auch in Dänemark). Ein Teil dieser Häufung dürfte darauf zurückzuführen sein, dass der HLA-Locus DRB1*15:01 die Anfälligkeit erhöht. Tatsächlich war das SNP zu 74 % (Odds Ratio 1,74) häufiger als in anderen menschlichen Genproben aus jener Zeit.

Der Unterschied zwischen den beiden Odds Ratios ist für Krause-Kyora jedoch ein Zeichen dafür, dass das Merkmal DRB1*15:01 in der Bevölkerung insgesamt seltener geworden ist. In diesem Sinne könnte die soziale Isolierung der betroffenen Patienten dazu geführt haben, dass sich der Genpool der Bevölkerung verändert hat. © rme/aerzteblatt.de

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