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Händewaschen ist die einfachste Hygienemaßnahme der Welt

Freitag, 4. Mai 2018

/Robert Przybysz, stock.adobe.com

Berlin – Händewaschen ist die einfachste Hygienemaßnahme der Welt. Daran hat heute die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) anlässlich des Internationalen Tages der Händehygiene, den die WHO am 5. Mai begeht, erinnert. Eine sorgsame Händehygiene sei „das mit Abstand wichtigste und effektivste Mittel, um die Übertragung und Ausbreitung von Infektionen zu begrenzen“, erklärte die Fachge­sellschaft. Dies gelte nicht nur im Alltag, sondern gerade auch in Kliniken und Gesundheitseinrichtungen.

Die DGI mahnte aber auch, dass mehrmals täglich die Hände mit Wasser und Seife zu waschen – wie es der Bevölkerung etwa während einer Grippewelle empfohlen wird – im Krankenhaus nicht ausreicht. „Hier sollten an allen relevanten Punkten Spender mit alkoholbasierten Händedesinfektionsmitteln zur Verfügung stehen“, sagte DGI-Präsident Gerd Fätkenheuer. Aufgrund ihrer guten Wirksamkeit und Verträglichkeit könnten alkoholhaltige Waschlösungen die Rate von Infektionen im Krankenhaus deutlich reduzieren, wenn sie konsequent vor und nach jedem Patientenkontakt angewandt würden, ergänzte der Leiter der Infektiologie am Universitätsklinikum Köln.

MRSA nur kleiner Teil des Problems

Eine stärkere Konzentration auf die allgemeine Hygiene, insbesondere die Handhygiene, sei effizienter als aufwändige und stigmatisierende Maßnahmen wie etwa die Isolation von Patienten mit Infektionen durch multiresistente Erreger, so Fätkenheuer. Solche Isolationsmaßnahmen kommen in Kliniken zum Beispiel bei MRSA-Patienten zur Anwendung. „Hier wird mit großem personellen und finanziellem Aufwand eine Maßnahme betrieben, die aber nur einen kleinen Ausschnitt des Problems adressiert – nämlich Infektionen durch multiresistente Staphylococcus-aureus-Bakterien (MRSA)“, kritisierte Fätkenheuer.

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Zum einen blieben dabei andere multiresistente Bakterien unberücksichtigt. Zum anderen seien für den größten Teil der Infektionen in Kliniken nicht multiresistente, sondern nicht-resistente Erreger verantwortlich. Laut DGI gehen etwa 85 bis 90 Prozent der durch Staphylococcus aureus verursachten Sepsis auf die nicht-resistente Form dieses Bakteriums zurück. Und die Annahme, dass Infektionen mit nicht-resistenten Erregern grundsätzlich weniger schwer verlaufen als Infektionen mit der resistenten Variante, sei wissenschaftlich widerlegt, sagte Fätkenheuer.

Hände sind gefährlicher Übertragungsweg

Wie konsequent Handhygiene in Gesundheitseinrichtungen umgesetzt wird, variiert der Fachgesellschaft zufolge je nach Berufsgruppe und Fachgebiet. In einer Auswertung, die 109 deutsche Kliniken einbezog und 2016 im Journal of Hospital Infection veröffent­licht wurde, lagen die Compliance-Raten je nach Berufsgruppe zwischen 64 und 77 Prozent und je nach Fachrichtung zwischen 64 und 83 Prozent. Der in verschiedenen Untersuchungen am häufigsten angegebene Grund für die unzureichende Beachtung der Handhygiene sind demnach Personal- und Zeitmangel. Aber auch unzureichendes Wissen, wann eine Händedesinfektion sinnvoll ist oder das Fehlen einer Sicherheits­kultur innerhalb der Institution werden unter anderem als Gründe genannt.

Vor allem in Kliniken bleiben die Hände damit ein gefährlicher Übertragungsweg. Rund 10.000 bis 15.000 Todesfälle gehen nach Schätzungen in Deutschland jährlich auf Krankenhausinfektionen zurück, die sich Patienten erst in der Klinik holen. „Ein Drittel wäre durch mehr Hygiene vermeidbar“, sagte Petra Gastmeier, Leiterin des Nationalen Referenzzentrums (NRZ) für Surveillance von nosokomialen Infektionen.

Hygiene verbessert, aber ...

Zwar hätten sich die Hygienebedingungen erheblich verbessert. In drei von vier Fällen hielten Ärzte und Schwestern die Regeln ein, ergänzt die Hygieneärztin unter Verweis auf regelmäßige Qualitätskontrollen. Zugleich aber habe sich die Zahl der Eingriffe erhöht, nicht zuletzt durch minimalinvasive Methoden. Katheter, Infusionen und Beatmungsgeräte seien ebenfalls Einfallstor für Keime, wenn Ärzte oder Pfleger die Hände nicht genügend desinfiziert haben. Zu den häufigsten Krankenhausinfektionen gehören Lungenentzündungen, Harnwegs- und Wundinfektionen sowie Sepsis, die in diesem Jahr im Mittelpunkt der Kampagne steht. Nach Angaben der Sepsis-Stiftung sterben jährlich 70.000 Menschen in Deutschland an Blutvergiftung.

Schuld seien hier oft nicht einmal fremde Keime aus der Umgebung, sagt Hygieneexpertin Gastmeier, die an der Charité in Berlin arbeitet. „Wir haben in unserem Körper zwei Kilo Bakterien, im Darm und auf der Haut. In dem Moment, in dem das Immunsystem geschwächt ist, können sie sich ausbreiten.“ Je länger beispielsweise ein Katheter liege, desto höher sei das Risiko dafür.

Die vom NRZ mitgetragene nationale Kampagne „Aktion Saubere Hände“ setzt sich seit zehn Jahren für eine bessere Einhaltung der Hygieneregeln in Gesundheits­einrichtungen ein, wendet sich aber auch an die Öffentlichkeit. „Unser Ziel ist es, die Aufmerksamkeit für das Thema zu steigern“, sagt Gastmeier. Denn nicht nur in Kliniken kann Hygiene Infektionen verhindern.

Gastmeier schätzt, dass 20 bis 30 Prozent der Erkältungs- und Durchfallerkrankungen so vermieden werden könnten. Mehrere Studien gerade in Kindergärten hätten gezeigt, dass die Kinder deutlich weniger krank seien, wenn frühzeitig aufs Händewaschen vor dem Essen und nach dem Toilettengang geachtet werde. Bei Grippe ersetze die Handhygiene nicht die Impfung, sei aber eine wichtige Ergänzung.

Hände schütteln

In manchen Kliniken schütteln Ärzte nicht mehr immer die Hand. „In der Schön-Klinik verzichten wir auf unnötiges Händeschütteln wie bei Begrüßung oder Visite“, sagte beispielsweise Sprecher Hartmut Kistenfeger. Dies sei neben der Hygiene ein zusätzlicher Baustein. Die Versorgung der Patienten erfordere aber weiter Handkontakte; die Hand gereicht werde auch, wenn Patienten besondere Fürsorge und Zuwendung benötigten.

„In bestimmten Situationen kann es sinnvoll sein, auf das Händeschütteln zu verzichten“, erklärte auch der Leiter der Stabsstelle Krankenhaushygiene am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München, Friedemann Gebhardt. Ansonsten gelte: „Man kann durchaus Hände schütteln.“ Auch im Krankenhaus. Ein gesellschaft­liches Ende des Händedrucks sehen die Experten nicht.

30 Sekunden sind eine lange Zeit

Studien zeigen Gebhardt zufolge den Erfolg der langjährigen Hygienemaßnahmen. An die 50-mal am Tag müssen Ärzte und Schwestern zur Desinfektion greifen, schätzt er. In einigen Fällen sind besondere Mittel nötig, in anderen müssen die Ärzte zusätzlich Seife nutzen. 30 Sekunden soll die Desinfektion einwirken – in der Hektik des Klinikalltags oder bei Notfällen kann das eine lange Zeit sein.

Um das Problem zu verdeutlichen, hat das Klinikums St. Georg in Leipzig Mitarbeitern zum Tag der Händehygiene aufgezeigt, wie und ob Hände richtig und gründlich desinfiziert wurden. Ein Koffer mit UV-Licht förderte zu Tage, welche Hautpartien nach der Desinfektion tatsächlich mit der Sterilliumlösung in Berührung gekommen waren und welche nicht.

„Die regelmäßige Desinfektion der Hände ist die wohl wichtigste Maßnahme zur Vermeidung einer Übertragung von Infektionserregern. Deswegen werden nicht nur das Personal, sondern auch Patienten und Besucher des Klinikums dazu aufgerufen, sich gründlich und regelmäßig die Hände zu desinfizieren“, betonte Gerit Görisch, Leiterin der Abteilung Krankenhaushygiene am Klinikum St. Georg.

© dpa/may/aerzteblatt.de

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e.ne
am Samstag, 5. Mai 2018, 06:56

"Händewaschen ist die einfachste Hygienemaßnahme" genügt. Vielen der Welt fehlt das Wasser

Man muss sich ja auch nicht ständig und immer die Hand reichen. Das ist in vielen Ländern "der Welt"
unüblich. Auch in Arztpraxen macht man das nur noch von Fall zu Fall.

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