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Medizin

„DES-Töchter“ leiden auch im höheren Alter unter Folgen der intrauterinen Exposition

Freitag, 4. Mai 2018

/nd3000, stockadobecom

Chicago – Eine Gruppe von Frauen, die in den späten 1960er-Jahren als junge Erwachsene an ungewöhnlichen gynäkologischen Tumoren erkrankten, weil ihre Mütter zur Vermeidung einer Frühgeburt das synthetische Östrogen „DES“ einge­nommen hatten, leidet auch heute noch unter den Folgen. Eine Studie im New England Journal of Medicine (2018; 378: 1746–1748) zeigt, dass das Sterberisiko auch im Alter erhöht bleibt.

Die „DES-Saga“ ist weitgehend in Vergessenheit geraten. DES oder Diethylstilbestrol war 1938 das erste synthetische Östrogen. Es wurde anfangs nur in der Viehzucht eingesetzt. Im Jahr 1941 wurde es von der US-Arzneimittelbehörde FDA auch für die Humanmedizin zugelassen. Zunächst wurde es zur Behandlung von „Östrogen-Mangelzuständen“ eingesetzt. Im Jahr 1947 erfolgte die FDA-Zulassung zur Prävention von Fehlgeburten.

Das Mittel wurde damals von zahlreichen Herstellern aggressiv beworben nach dem Motto: Weil Fehlgeburten nicht vorhersehbar sind, sollte eigentlich jede Schwangere DES einnehmen. DES wurde sehr populär, obwohl bereits 1953 in einer (damals seltenen randomisierten kontrollierten) Studie herauskam, dass es Fehlgeburten vermutlich nicht verhindern kann. Dennoch nahmen im Verlauf eines Vierteljahr­hunderts in den USA 4,8 Millionen und weltweit vielleicht 10 Millionen Schwangere DES ein.

Dies änderte sich erst 1971, als der Einsatz von DES in der Schwangerschaft verboten wurde, weil es teratogen und karzinogen ist. Der erste Verdacht war 1966 aufgetreten, als dem Gynäkologen Arthur Herbst und dem Pathologen Robert Scully vom Massachusetts General Hospital in Boston eine Häufung von ungewöhnlichen Karzinomen bei jungen Frauen auffiel.

Insgesamt 8 Frauen waren im Alter von 15 bis 30 Jahren an einem Klarzell-Adenokarzinom von Vagina oder Zervix erkrankt. Diese Karzinome treten normalerweise nur bei Frauen nach der Menopause auf. Bei den Befragungen stellte sich irgendwann heraus, dass die Mütter von 7 der 8 erkrankten jungen Frauen während der Schwangerschaft DES eingenommen hatten.

Als Herbst die Ergebnisse 1971 im New England Journal of Medicine veröffentlichte, zog die FDA die Zulassung von DES innerhalb weniger Monate zurück. Das Mittel wurde jedoch weiter zur Hormonersatztherapie, zum Abstillen, zur Behandlung von metas­tasierten Mamma- und Prostatakarzinomen oder zur chemischen Kastration von Sexualverbrechern verwendet. Besonders umstritten war der Einsatz als Notfallkontra­zeptivum, als das DES in den USA bis 1975 zugelassen war. Heute ist DES in der Humanmedizin obsolet. Der letzte Hersteller nahm sein Präparat 1997 in den USA vom Markt.

Die „DES-Töchter“, die in den 1950er- und 1960er-Jahren intrauterin mit DES exponiert waren und ihre Krebserkrankung dank einer aggressiven Therapie überlebten, haben laut der jüngsten Publikation von Dezheng Huo von der University Chicago und Mitarbeitern (darunter Herbst) noch heute unter den Folgen zu leiden.

Im Alter zwischen 10 und 34 Jahren, als die Krebserkrankungen diagnostiziert wurden, war das Sterberisiko der Frauen gegenüber der US-Bevölkerung um den Faktor 27 erhöht. Doch auch die überlebenden Frauen hatten im Alter von 35 bis 49 Jahren noch ein fünffach erhöhtes Sterberisiko. Selbst heute, die Frauen sind mittlerweile zwischen 50 und 65 Jahre alt, ist das Sterberisiko noch doppelt so hoch wie bei nichtexponierten Frauen im gleichen Alter. Ein Grund hierfür ist laut Huo ein erhöhtes Brustkrebsrisiko, das bei den DES-Töchtern im Alter über 40 Jahre ansteigt. © rme/aerzteblatt.de

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