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Medizin

Studie: Lärmbelästigung könnte Vorhofflimmern auslösen

Dienstag, 8. Mai 2018

/dpa

Mainz – Menschen, die sich durch Lärm belästigt fühlen, erkrankten in einer Querschnittstudie im International Journal of Cardiology (2018; doi: 10.1016/j.ijcard.2018.03.126) häufiger an Vorhofflimmern.

Lärm kann auf zweifache Weise Stress erzeugen. Zum einen gibt es eine direkte Verbindung zwischen dem Gehör und subkortikalen Strukturen, die mehr oder weniger unbewusst auf Lärm reagieren. Zum anderen kann aber auch der Ärger über eine störende Lärmquelle krank machen. Der Stress entsteht dann kortikal über die kognitive Verarbeitung der Ruhestörung.

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In der Gutenberg-Gesundheitsstudie, an der zwischen 2007 und 2012 insgesamt 15.010 Frauen und Männer im Alter zwischen 35 und 74 Jahren aus Mainz und dem Landkreis Mainz-Bingen teilnahmen, wurden die Folgen der zweiten subjektiven Lärmbelästigung untersucht.

Die Teilnehmer wurden gebeten, ihre Lärmbelästigung einer von 5 Kategorien von „nicht“ bis „extrem“ zuzuordnen. Das Team um Thomas Münzel von der Universitätsmedizin Mainz setzte die Angaben mit der medizinischen Diagnose des Vorhofflimmerns in Beziehung. Die relativ häufige Störung war in früheren Untersuchungen bereits mit anderen Stressauslösern wie emotionalen Krisen oder dem Arbeitsplatz in Verbindung gebracht worden.

Die erste Auswertung ergab, dass Menschen mit einer subjektiven Lärmbelästigung tatsächlich häufiger an Vorhofflimmern erkrankt waren. Die Prävalenz stieg von 14,6 % bei Personen ohne Lärmbelästigung mit jeder Kategorie zunehmender Lärm­belästigung an. Von den Teilnehmern, die sich extrem durch Lärm belästigt fühlten, waren 23,4 % an Vorhofflimmern erkrankt. Die insgesamt hohe Prävalenz in der Studie erklärt sich daraus, dass die Erkrankungen nicht nur erfragt, sondern auch durch ein EKG diagnostiziert wurden. Das Vorhofflimmern führt nur selten zu Symptomen, in den meisten Fällen bleibt es unbemerkt.

Teile von Mainz und des Landkreises Mainz-Bingen befinden sich in den Flugschneisen des Frankfurter Flughafens. Insgesamt 60 % der Bevölkerung in der Region Mainz-Bingen ist dem Fluglärm ausgesetzt. Fluglärm hatte deshalb den größten Anteil an extremer Lärmbelästigung: 84 % der Bevölkerung fühlte sich tagsüber und 69 % im Schlaf belästigt. Dagegen traten andere Lärmquellen wie Straßen-, Schienen- oder Nachbarschaftslärm deutlich in den Hintergrund.

Fluglärm war allerdings nicht der stärkste Risikofaktor für das Vorhofflimmern. Die Mainzer Kardiologen ermittelten pro Zunahme der Lärmbelästigung um eine Kategorie während des Tages eine Odds Ratio (OR) von 1,04 (95-%-Konfidenzintervall 1,00–1,08) und während des Schlafes von 1,09 (1,05–1,13). Eine Lärmbelästigung durch den Straßenverkehr während des Schlafes (OR 1,15; 1,08–1,22) und eine Lärmbelästigung durch die Umgebung tagsüber (OR 1,14; 1,09–1,20) und während des Schlafes (OR 1,14; 1,07–1,21) waren stärker mit dem Vorhofflimmern assoziiert. Auch eine Lärmbelästigung durch Industriegeräusche während des Tages (OR 1,11; 1,04–1,18) und eine Belästigung durch Eisenbahnlärm während des Schlafes (OR 1,13; 1,04–1,22) hatten einen Einfluss.

Im Verlauf der Studie, nämlich im Oktober 2011, wurde am Flughafen Frankfurt ein Nachtflugverbot eingeführt. Zwischen 23 Uhr und 5 Uhr morgens gibt es seither keine Starts und Landungen mehr. Dies hat laut Münzel allerdings nicht zu einer Abnahme der Fluglärmbelästigung geführt. Die Beschwerden seien seither sogar gestiegen, schreibt der Kardiologe. Er führt dies auf die Verlagerung der Nachtflüge in die Randstunden von 22 bis 23 Uhr und 5 bis 6 Uhr zurück. Eine Möglichkeit, die Bevölkerung zu schützen, könnte deshalb eine Ausdehnung des Nachtflugverbotes von aktuell 23 bis 5 Uhr morgens auf 22 Uhr bis 6 Uhr morgens sein, und damit auf einen Zeitraum, der in der Länge dann dem gesetzlich definierten Nachtzeitraum entspreche.

Zu den Einschränkungen der Studie gehört, dass die Lärmbelästigung erfragt wurde, der physikalische Lärm jedoch nicht gemessen wurde. Da es sich um eine Querschnittstudie handelt, ist die Aussagekraft der Studie insgesamt gering. Bessere Argumente liefern in der Regel prospektive Beobachtungsstudien wie die Framingham-Studie, in der Menschen über viele Jahre immer wieder befragt und untersucht werden, um die Auswirkungen von Risikofaktoren auf die Gesundheit zu erforschen.

Eine frühere Auswertung der Framingham-Studie hatte ergeben, dass Menschen mit einer erhöhten Stressneigung („Typ A-Persönlichkeit“) häufiger an Vorhofflimmern erkranken (Circulation 2004; 109: 1267–71).

© rme/aerzteblatt.de

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