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Politik

Nicht nur der Ärztetag debattiert über Ausweitung der Fernbehandlung

Dienstag, 8. Mai 2018

/dpa

Berlin/Erfurt – Beim Deutschen Ärztetag in Erfurt wird in diesem Jahr auch über die Ausweitung der Fernbehandlung debattiert. Am Rande des Ärztetags diskutieren auch Krankenkassen und Patientenschützer über das Thema. Einig sind sie sich nicht.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz kritisierte heute, die Behandlung per Internet werde für die meisten alten Patienten nicht zu Verbesserungen führen. „Wenn ihnen die Kraft zum Arztbesuch fehlt, drohen sie so noch mehr abgehängt zu werden“, sagte Vorstand Eugen Brysch der Neuen Osnabrücker Zeitung. Es fänden sich kaum noch Mediziner, die ins Haus kommen. Stattdessen solle es nun die Fernbehandlung am Computer richten. „Noch nie waren Ärztefunktionäre weiter weg von den Nöten der alten, pflegebedürftigen und schwerstkranken Menschen“, meinte Brysch.

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Kassen ermuntern Ärzte

Die Krankenkassen haben die Ärzte heute hingegen ermuntert, sich für mehr Fernbehandlungen mit digitaler Technik zu öffnen. „Videosprechstunden und Online-Konsultationen als Ergänzung des traditionellen Arzt-Patienten-Verhältnisses sind überfällig“, sagte der Vize-Vorstandschef des GKV-Spitzenverbands, Johann-Magnus von Stackelberg. Wichtig dabei sei aber, „dass niemand, der einen Arzt von Angesicht zu Angesicht sprechen möchte, zu einem virtuellen Kontakt gedrängt werden darf“.

Der Verband der Ersatzkassen (vdek) sieht die Ausweitung unterdessen nur als ersten Schritt. „Wenn der Arzt Diagnosen per Telefon oder Video stelle, müssten zeitnah auch das elektronische Rezept und die elektronische Arbeits­unfähigkeits­bescheinigung eingeführt werden“, forderte vdek-Chefin Ulrike Elsner.

Wegfall von Anfahrtswegen und Wartezeiten

Die TK verwies heute auf ihre guten Erfahrungen mit dem Projekt „Online-Video-Sprechstunde“. Zwei von drei Patienten (69 Prozent), die die Online-Video-Sprechstunde der TK getestet haben, bewerteten den Videochat als gute und praktische Ergänzung zum Arztbesuch in der Praxis, erklärte die TK. Das zeige die Auswertung des 15-monatigen Pilotprojekts zur Onlinekommunikation zwischen Facharzt und Patient, das die TK gemeinsam mit Dermatologen, Hals-Nasen-Ohrenärzten und dem Start-up „Patientus“ durchgeführt habe. TK-Versicherte konnten sich dabei ihren Arzt per Videochat ins Wohnzimmer holen und ihre medizinischen Anliegen besprechen.

Als entscheidenden Vorteil der Videosprechstunde nannten zwei Drittel der Teilnehmer den Wegfall von Anfahrtswegen und Wartezeiten in der Arztpraxis. Zudem empfanden sie den Kontakt über den Bildschirm persönlicher und direkter als ein Telefonat. „Mit der Videosprechstunde haben wir gezeigt, dass die Digitalisierung im Gesundheits­wesen funktioniert“, erklärte Thomas Ballast, stellvertretender Vorsitzender des Vorstands der TK. „Die vorliegenden Ergebnisse liefern gute Argumente dafür, Bedenkenträger von den Vorteilen digitaler Anwendungen zu überzeugen und bestehende Hürden im System – wie zum Beispiel das geltende Fernbehandlungs­verbot – zu überwinden.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) wies vor seinem Auftritt beim Ärztetag die Bedenken der Patientenschützer in Bezug auf die Telemedizin zurück. Es gehe auch darum, „mehr Zeit für Pflegebedürftige, für Schwerkranke“ zu gewinnen, sagte er auf NTV. Untersuchungen zufolge gehe es bei 50 bis 70 Prozent der Arzt-Patienten-Kontakte darum, etwas schnell abzuklären oder Folgerezepte auszustellen. Onlinesprechstunden könnten in diesen Fällen den Patienten Wartezeiten ersparen und die Ärzte entlasten, betonte Spahn. Onlinesprechstunden seien zudem ein „zusätzliches Angebot“ vor allem für ländliche Regionen, die von Ärztemangel betroffen sind.

Bislang sind Telefon-, Video- und Onlinesprechstunden nur erlaubt, wenn die Patienten die Arztpraxis zuvor bereits aufsuchten. Eine Beschlussvorlage der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) sieht vor, dass eine Beratung und Behandlung künftig ausschließlich über elektronische Kommunikationswege ohne vorherigen persönlichen Kontakt erfolgen kann. Dies soll „im Einzelfall“ erlaubt sein, wenn dies ärztlich vertretbar sei, heißt es in der Vorlage des Vorstands der BÄK.

In Schleswig-Holstein hat die Lan­des­ärz­te­kam­mer in Deutschland in der vergangenen Woche die Berufsordnung geändert. Ärzte in Schleswig-Holstein sollen Patienten künftig auch ohne vorherigen persönlichen Kontakt telefonisch oder per Internet beraten dürfen. Voraussetzung: Es muss medizinisch vertretbar sein. Die Neuerungen sollen im Sommer in Kraft treten. Auch in Baden-Württemberg gibt es erste Modellprojekte.

Patienten für Digitalisierung

Dass Patienten die Online-Sprechstunde begrüßen, zeigt auch eine Befragung der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (apoBank) unter 1.000 Personen. Demnach bedeute die Digitalisierung für 56 Prozent der Befragten einen vereinfachten Zugang zur ärztlichen und pharmazeutischen Versorgung. Entsprechend erwarten sie vor allem gut funktionierende Basisanwendungen, die ihnen die Kommunikation erleichtern.

Priorität hat dabei die Online-Terminvereinbarung (59 Prozent). Den Austausch mit Ärzten und Apothekern per E-Mail halten 32 Prozent für wichtig, kurz danach stehen die Telefonsprechstunde (27 Prozent) und die Onlinesprechstunde (26 Prozent) auf der Wunschliste sowie die digitale Patientenakte (24 Prozent). Dabei ist die Datensicherheit für die Mehrheit der Patienten kein Hindernis: 62 Prozent signalisieren eine hohe bis sehr hohe Bereitschaft, ihre Gesundheitsdaten im Rahmen einer elektronischen Gesundheitsakte an Ärzte und Apotheker weiterzugeben.

„Der Patient fordert die Digitalisierung, die er von anderen Lebensbereichen gewohnt ist, auch in der medizinischen Versorgung ein“, sagte Daniel Zehnich, Leiter des Bereichs Gesundheitsmärkte und Gesundheitspolitik bei der apoBank. Den Komfort, mit wenigen Klicks zum gewünschten Ergebnis zu kommen, erwarte der Patient zunehmend auch von den Heilberuflern und fordert neue digitale Angebote, Innovationen und Services – dies trifft insbesondere auf jüngere Patienten zu. © dpa/afp/may/aerzteblatt.de

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