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Ärzteschaft

Ärztetag stellt Versorgung psychisch kranker Menschen in den Mittelpunkt

Mittwoch, 9. Mai 2018

/Maybaum

Erfurt – Der 121. Deutsche Ärztetag stellte in diesem Jahr das Thema psychische Erkrankungen in den Mittelpunkt und dabei besonders die Versorgung aus ärztlicher Sicht. „Die hohen Prävalenzahlen beschäftigen nicht nur Psychiater und Psycho­therapeuten, das Thema ist in der Gesellschaft angekommen, beschäftigt Politiker und aufgrund der hohen Krankheitskosten auch Betriebswissenschaftler“, sagte Ulrich Clever, Vorstandsbeauftragter der Bundes­ärzte­kammer für die ärztliche Psychotherapie, heute vor den Delegierten in Erfurt.

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Rund 40 Milliarden Euro direkte Krankheitskosten pro Jahr ermittelte das Statistische Bundesamt 2016. „Unser Tages­ordnungs­punkt stellt den psychisch kranken Menschen in den Mittel­punkt, dessen Leiden, im Gegensatz zu körperlichen Erkrankungen, nicht immer auf den ersten Blick sichtbar sind und trotzdem auch tödlich sein können“, erklärte der baden-württembergische Ärztekammerpräsident.

Psychische Erkrankungen sind zweithäufigste Ursache für Fehltage

„Psychische Erkrankungen sind nach Muskel- und Skeletterkrankungen die zweit­häufigste Ursache für Fehltage, bei denen wir einen dramatischen Anstieg sehen“, berichtete Stephan Zipfel, Professor für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Medizinische Universitätsklinik Tübingen, der die Delegierten in das Thema einführte. Für Frühverrentungen seien sie sogar der häufigste Grund. Risikofaktoren für psychische Erkrankungen,­ bei denen Depressionen an erster Stelle stehen, sei insbesondere bei Männern der Faktor Arbeit, gefolgt von hohen Anforderungen an sich selbst und ständiger Verfügbarkeit für die Arbeit auch in der Freizeit.

Zipfel verdeutlichte die bio-psycho-sozialen Wechselbeziehungen, die jeder Krankheit zugrunde lägen. Depression gelte als Risikofaktor für koronare Herzerkrankungen, dadurch erhöhe sich sowohl die Morbidität als auch die Mortalität. In der Onkologie litten aufgrund der ­ – grundsätzlich positiven – deutlich erhöhten Fünf-Jahres-Überlebensrate viele Patienten unter deutlich erhöhtem psychoonkologischen Distress, was unbehandelt zu komorbider Depression oder Angststörungen führen könne. Auch funktionelle beziehungsweise somatoforme Störungen wie Bauchschmerzen, Rückenschmerzen oder Gelenkschmerzen würden häufig zusammen mit Depression und posttraumatischen Belastungsstörungen auftreten.

Stephan Zipfel /Gebhardt

Die Magersucht gelte mit der sechsfach erhöhten Mortalität als gefährlichste Form unter den Essstö­run­gen. Die Todesursachen wie Infektionen und Herz-Kreislauf-Versagen seien dabei somatischer Natur. Zipfel betonte: „Patienten mit Magersucht profitieren von strukturierten Therapieangeboten sowie einer engen Interaktion von Psycho­therapeuten und Hausärzten.“

Die ärztliche Psychotherapie hat eine lange Tradition

Der Psychosomatiker Zipfel betonte, dass „Psychotherapie Bestandteil der Medizin ist“, sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich. „Wir dürfen uns das nicht wegnehmen lassen“, erklärte er mit Blick auf die für den folgenden Tag vorgesehene Diskussion zur anstehenden Ausbildungsreform der Psychologischen Psychothera­peuten. Die ärztliche Psychotherapie habe eine lange Tradition, schließlich sei sie seit 1957 Teil der Versorgung. Der Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psycho­therapie habe im vergangenen Jahr 25-jähriges Bestehen gefeiert.

Mit Forderungen an die Gesundheitspolitik beendete Zipfel seinen Vortrag: Grund­sätzliche bedürfe es einer besseren Vernetzung der ambulanten, stationären und rehabilitativen Versorgungsangebote und einer Verminderung der bürokratischen Hürden, wobei die Digitalisierung entscheidend sei. Außerdem bedürfe es einer eigenständigen Bedarfsplanung  für die Fachgebiete Neurologie, Psychiatrie , Psychosomatische Medizin sowie Kinder- und Jugendpsychiatrie, um die ambulante Versorgung zu stärken. Schließlich sei eine gezielte Förderung der „sprechenden Medizin“ und der ärztlichen Psychotherapie in der Forschung notwendig.

Diagnose psychischer Erkrankungen wird weiter zunehmen

Die Ärztliche Direktorin des Alexianer-St.-Josef-Krankenhauses Berlin-Weissensee, Iris Hauth, verwies in ihrem Vortrag aus psychiatrischer Sicht zunächst auch auf die hohen Prävalenzzahlen. Jeder dritte Erwachsene habe einmal im Jahr eine Diagnose aus dem psychischen Bereich. „Psychische Erkrankungen haben jedoch nicht zugenommen“, betonte sie, „aber der Andrang ist deutlich größer geworden.“ Es sei indes positiv, dass immer mehr Menschen mit psychischen Problemen zum Arzt gingen. „Meine Prognose ist, dass es noch viel mehr werden“, sagte Hauth.

Zahlen zur Versorgung

An der vertragsärztlichen Versorgung nehmen 4.140 Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie teil, sowie 5.877 Psychiater, Neurologen und Nervenärzte. Daneben gibt es 13.660 Fachärzte mit Zusatzbezeichnung Psychotherapie sowie 55.000 Haus- und Fachärzte, die psychosoma­tische Grundversorgung anbieten. Außerdem bieten 25.297 Psychologische Psycho­therapeuten ihre Leistungen an.
(Quelle: Zipfel und Hauth)

In spezialisierter Behandlung befinde sich indes nur jeder fünfte psychisch Kranke; Menschen mit psychotischen Störungen eher als Suchtkranke. Die Folgen im persönlichen Bereich seien immens: Psychische Erkrankungen wirkten sich auf die Arbeitsfähigkeit, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben aus, die Betroffenen litten häufig unter Stigmatisierung und dem dadurch bedingten Stress. Psychisch Kranke haben nach Angaben von Hauth eine um zehn Jahre verringerte Lebens­erwartung.

Hauth, die ehemalige Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psycho­therapie und Nervenheilkunde (DGPPN), problematisierte die langen Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz, die im Bundesdurchschnitt nach Zahlen der Bundes­psychotherapeutenkammer rund fünf Monate betragen.

Dabei habe die Zahl der Psychologischen Psychotherapeuten seit 2006 um 64 Prozent zugenommen, merkte Hauth an; bei den ärztlichen Psychotherapeuten betrug der Zuwachs 37 Prozent. Von den Psychotherapeuten würden jedoch in erster Linie Patienten mit affektiven Störungen sowie neurotischen, Belastungs- und somato­formen Störungen behandelt. Patienten mit schweren Störungen wie Psychosen, Suchterkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen müssten hingegen überwiegend von Psychiatern und Nervenärzten versorgt werden.

Regelversorgung muss besser vergütet werden

Während die Fallzahl in einer psychotherapeutischen Praxis bei rund 40 bis 50 Fällen pro Quartal liege, bei einem Honorar von rund 90 Euro pro Stunde, behandelten Psychiater und Nervenärzte im Schnitt 480 bis 880 Fälle pro Quartal. „Dafür werden sie mit 65 beziehungsweise 85 Euro pro Fall und Quartal mangelhaft honoriert“, kritisierte die ehemalige DGPPN-Präsidentin. Die Regelversorgung müsse deutlich besser vergütet werden.

Für die psychiatrischen Kliniken beklagte die Psychiaterin „eine enorme Leistungs­verdichtung“. Während die Fallzahlen seit 1990 nach ihren Angaben um mehr als das doppelte angestiegen sind, ist die Verweildauer um mehr als die Hälfte, die Bettenzahl und die Berechnungstage um ein Viertel gesunken. „Die Kliniken versorgen die Patienten mit der gleichen Personalausstattung wie 1990“, gab Hauth zu bedenken.

Strukturierte Koordination

Problematisch sei auch – nach wie vor – ein „zersplittertes Versorgungs- und Finanzierungskonzept“ für schwer psychisch kranke Patienten. „Eigentlich müsste der Patient in der Mitte stehen und von ihm aus, im Sinne eine Case-Managements, koordiniert werden“, erklärte Hauth.

Das Gegenteil sei der Fall. Beispiele für vernetze Versorgungs- und Finanzierungs­formen gebe es zwar, doch nur als Modellvorhaben oder Projekte des Innovationsfonds. „Wir brauchen eine strukturierte verbindliche Koordination aller Leistungserbringer in der Regelversorgung und eine funktionierende sektorenübergreifende Versorgung“, forderte sie. © PB/aerzteblatt.de

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Avatar #79783
Practicus
am Donnerstag, 10. Mai 2018, 15:46

Leider oft unbedacht

Ganz oft wird unüberlegt dem Krankschreibungsbegehren der Patient*innen mit einer "Psycho-Diagnose" nachgegeben - wie schnell steht da die F48.0 oder die F45.9, ohne einen Gedanken an die Folgen zu verschwenden.
Mit einer beliebigen "F-Diagnose" in der Krankengeschichte verwehren Sie jungen Menschen für 10 Jahre oder mehr den Zugang zu Berufsunfähigkeits- oder Risikolebensversicherungen oder auch private Zusatzversicherung.
Ich appeliere an Sie: Überlegen Sie gut, ob Sie wirklich eine F-Diagnose angeben müssen oder lieber auf eine der deskriptiven Z-Diagnosen ausweichen.

Avatar #667459
nabilabdulkadirdeeb.germany
am Donnerstag, 10. Mai 2018, 12:34

Psychische Erkrankungen sind zweithäufigste Ursache für Fehltage !!!


Nabil Abdul Kadir DEEB ,
Arzt .
53140 Bonn Bad Godesberg :


Die Psychosomatik befasst sich mit Krankheiten und Leidenszuständen, an deren Verursachung psychosoziale und psychosomatische Faktoren (einschließlich dadurch bedingter körperlich-seelischer Wechselwirkungen) maßgeblich beteiligt sind.

Der Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie wurde 2003 eingeführt und ersetzte den bis dahin nach Musterweiterbildungsordnung erwerbbaren Arzt für Psychotherapie.


Mit freundlichen Gruessen

Nabil Abdul Kadir DEEB ,
Arzt .
Postfach 20 10 53 ;
in 53140 Bonn Bad Godesberg :

nabilabdulkadirdeeb.germany@gmail.com

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