NewsÄrzteschaftÄrztetag gegen Harmonisierung der Nutzenbewertung in Europa
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Ärzteschaft

Ärztetag gegen Harmonisierung der Nutzenbewertung in Europa

Freitag, 11. Mai 2018

/Budimir Jevtic, stockadobecom

Erfurt – Der 121. Deutsche Ärztetag 2018 hat eine Zentralisierung der Bewertung des klinischen Nutzens von Arzneimitteln und Medizinprodukten innerhalb der Europäischen Union (EU) abgelehnt. Das geht aus einem Antrag hervor, den die Delegierten gestern verabschiedeten. Sie begrüßten darin, dass die mit Health Technology Assessment (HTA) befassten Institutionen in der EU auf freiwilliger Basis zusammenarbeiten.

Hintergrund der Entschließung ist ein Verordnungsentwurf der Europäischen Kommission. Dieser sieht vor, die Nutzenbewertung von Arzneimitteln und Medizinprodukten europaweit zu vereinheitlichen und an zentraler Stelle zu bündeln. Die Ergebnisse sollen für alle Mitgliedstaaten bindend sein, eigene klinische Bewertungen würden obsolet werden.

Anzeige

„Der Marktzugang für innovative Technologien wird behindert“

Berlin/Brüssel – Die Europäische Kommission will die Nutzenbewertung von Arzneimitteln und Medizinprodukten vereinheitlichen. Aus Deutschland hat sie für diesen Vorstoß eine Rüge des Bundestages erhalten, weil dieser den Grundsatz der Subsidiarität verletzt sieht. Fünf Fragen an Vytenis Andriukaitis, EU-Kommissar für Gesundheit [...]

Die Kommission will damit die Planungssicherheit für Arzneimittel- und Medizin­produktehersteller erhöhen und den Marktzugang erleichter. Patienten sollen laut EU-Kommission auf diese Weise schneller von Innovationen profitieren können. Die Bewertung ethischer, ökonomischer und sozialrechtlicher Dimensionen, etwa zu Preisgestaltung und Kostenerstattung, soll den Mitgliedstaaten hingegen überlassen bleiben.

Aus Sicht der Delegierten des Ärztetags wird der Verordnungsentwurf der methodischen und wissenschaftlichen Komplexität der Erstellung von HTAs nicht gerecht. „Das Ergebnis einer Nutzenbewertung wird maßgeblich von der Einhaltung strenger Qualitätskriterien bestimmt, nach denen die verfügbare Evidenz zu recherchieren, aufzubereiten und zu bewerten ist. Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass die notwendige methodische Kompetenz und die prozessuale Transparenz an beliebiger Stelle in Europa abrufbar ist“, heißt es in der Begründung des Antrags.

Einen HTA-Bericht isoliert auf den klinischen Nutzen ausrichten und ethische, ökonomische und soziale Bewertungen nachträglich ergänzen zu wollen, sei zudem „praxisfern“. Gleiches gelte für die Vorstellung, ein einmal festgestelltes zentrales Bewertungsergebnis würde ungeprüft europaweit übernommen werden. „Dazu sind die Ansprüche, die gesetzlichen Rahmenbedingungen der einzelnen Sozialsysteme, aber auch die Wertvorstellungen zu divers“, monieren die Delegierten.

Sie wiesen darauf hin, dass das Ziel der Herstellung eines Binnenmarktes zugunsten möglichst freier Waren- und Dienstleistungsflüsse nicht dazu führen dürfe, die in Deutschland in einem langen Prozess erworbene Methodenkompetenz im Bereich der Arzneimittelnutzenbewertung, aber auch der Bewertung von medizinischen Versorgungsleistungen insgesamt einem unkalkulierbaren Mittelmaß anzupassen. Der Ärztetag könne nicht erkennen, dass das EU-Vorhaben Nutzen und Sicherheit für Patienten erhöhe. Vielmehr steigere es Einflussmöglichkeiten der Industrie. Zugleich gehe „für das deutsche Gesundheitswesen (...) ein weiteres Stück Souveränität verloren“. © may/EB/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

18. April 2019
Köln – Neugeborene in Deutschland können von einem allgemeinen Screening auf die Sichelzellkrankheit (sickle cell disease, SCD) profitieren. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im
IQWiG bewertet Neugeborenscreening auf Sichelzellerkrankung positiv
17. April 2019
Köln/Berlin – Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) sieht keinen Vorteil einer Gabe von Melatonin zur Behandlung von Schlafstörungen bei Kindern und Jugendlichen
Kein Zusatznutzen von Melatonin bei Schlafstörungen von Kindern und Jugendlichen
16. April 2019
Köln – Frauen nach der Menopause mit bestimmten lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem Brustkrebs haben von einer Therapie mit Ribociclib in Kombination mit einem Aromatasehemmer oder Fulvestrant
Ribociclib bei fortgeschrittenem Brustkrebs: Überlebensvorteile, aber schwere Nebenwirkungen
9. April 2019
Berlin – Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Bundes­ärzte­kammer (BÄK) und Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) dringen darauf, dass die neue Software mit
Ärzte lehnen zusätzliche Kosten für Arzneimittelinformationssystem ab
28. März 2019
Berlin – Bei der sekundären Wundheilung mit der Vakuumversiegelungstherapie (VVS) sieht das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in seinem Endbericht einen
IQWiG sieht Mehrwert bei Vakuumversiegelungstherapie
25. März 2019
Berlin – Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) hat fünf Wirkstoffen neuer Arzneimittel einen „beträchtlichen“ Zusatznutzen bescheinigt. Dies gilt für Dabrafenib und Trametinib zur Behandlung des
Fünf Wirkstoffe mit beträchtlichem Zusatznutzen
22. März 2019
Berlin – Das von der Bundesregierung geplante Arztinformationssystem (AIS) könnte zu deutlich höheren Kosten für die Wirtschaft – und damit wahrscheinlich auch für niedergelassene Ärzte – führen, als
LNS LNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

Anzeige
NEWSLETTER