Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Gesundheitsökonom sagt Zusammenbrüche von Krankenkassen voraus

Donnerstag, 17. Mai 2018

/dpa

Berlin – Der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem hat erneut den Plan von Bundesge­sund­­­heitsminister Jens Spahn (CDU) kritisiert, die Krankenkassen zum Abschmelzen ihrer Rücklagen zu zwingen, so wie es im GKV-Versichertenentlastungsgesetz vorgesehen ist. Kassenwechsler seien sehr beitragssensitiv und in der Regel gute Risiken, sagte Wasem vorgestern auf einer Veranstaltung der Stiftung Marktwirtschaft in Berlin. Als gute Risiken werden vor allem junge, gesunde Versicherte bezeichnet, von denen die Krankenkassen finanziell profitieren.

Wenn die Kassen mit hohen Rücklagen nun verpflichtet würden, ihre Zusatzbeiträge deutlich zu senken, würde dies vor allem diese gesunden Versicherten anziehen, erklärte Wasem. In den Krankenkassen, aus denen sie kommen, würden sie allerdings finanzielle Defizite hinterlassen. Innerhalb weniger Jahre könne dies zum finanziellen Zusammenbruch dieser Krankenkassen führen, denen es vielfach bereits heute schon schlecht geht. Ob der Nutzen solcher Kassenzusammenbrüche die gesellschaftlichen Kosten übersteige, könne bezweifelt werden, so Wasem.

Kein Selbstzweck

Spahn hatte zuvor die Sinnhaftigkeit eines Wettbewerbs zwischen Krankenkassen betont. Wettbewerb sei ein wichtiges Mittel, um die Versorgungsqualität aufrecht­zuerhalten, sagte er. Allerdings sei Wettbewerb nur ein Mittel zum Zweck und kein Selbstzweck, schon gar nicht im Gesundheitswesen. Wettbewerb könne auch zu Verwerfungen führen, wie man zuletzt im Bereich der Hilfsmittel gesehen habe. Die Barmer und die DAK waren dabei in die Kritik geraten, weil sie bei Ausschreibungen nur nach dem Preis und nicht nach der Versorgungsqualität gegangen seien.

In diesen Fällen sei die Schwerpunktsetzung der Krankenkassen falsch gewesen, sagte Spahn. „Natürlich müssen die Preise runter bei den Hilfsmitteln, aber nicht um jeden Preis“, erklärte er. Bei Fehlentwicklungen müsse die Politik entsprechend gegensteuern.

Bei den Rabattverträgen seien jedoch keine Einschränkungen für die Krankenkassen geplant, erklärte Spahn auf Nachfrage. Auf ihrer Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz wollen die Bundesländer in diesem Jahr darüber beraten, ob sie Rabattverträge für wichtige Arzneimittel verbieten oder einschränken wollen, um die Liefersicherheit dieser Medikamente aufrechtzuerhalten. Man müsse schauen, dass die Liefersicherheit gewährleistet bleibe, sagte Spahn. Grundsätzlich sei das Instrument der Rabattverträge jedoch gut. Es habe bis heute viele Milliarden Euro gespart.

Spahn kündigte an, im Herbst dieses Jahres über eine Umgestaltung des morbiditäts­orientierten Risiko­struk­tur­aus­gleichs (Morbi-RSA) zu diskutieren, wenn alle Gutachten vorlägen. Denn „der Morbi-RSA funktioniert noch nicht so treffsicher, wie wir uns das wünschen“. Ein Anzeichen dafür sei auch die Anhäufung übermäßiger Rücklagen bei einzelnen Krankenkassen.

Nach der Veröffentlichung eines Sondergutachtens zur Reform des Morbi-RSA im vergangenen Jahr durch den Wissenschaftlichen Beirat zur Weiterentwicklung des Risiko­struk­tur­aus­gleichs hatte das Bundesgesundheits­ministerium weitere Gutachten in Auftrag gegeben, zum Beispiel zu einer möglichen Regionalisierung des RSA.

Eine Regionalisierung des Morbi-RSA sei prinzipiell dazu geeignet, Wettbewerbs­verzerrungen zu vermindern, sagte Wasem, der dem Beirat angehört. Heute gebe es Regionen, in denen die Krankenkassen systematisch mehr Geld aus dem RSA erhielten als in anderen Regionen. Wenn nun eine bundesweit agierende Krankenkasse mit einer regionalen in einem solchen Gebiet im Wettbewerb stehe, sei dies für die regionale Kasse von Vorteil. Denn da sie nur in dieser Region aktiv sei, müsse sie die Überdeckung in dieser Region nicht mit Unterdeckungen in anderen Regionen ausgleichen.

Risikoselektion vermeiden

Auch in anderen Bereichen müsse der Morbi-RSA reformiert werden, sagte Wasem. Zum Beispiel bekämen heute Krankenkassen für alte multimorbide Versicherte zu viel Geld aus dem RSA, während Krankenkassen für junge multimorbide Versicherte zu wenig Geld erhielten. Wasem warnte zudem vor einer Zweckentfremdung des RSA, indem über ihn Geld zwischen Krankenkassen beziehungsweise Kassenarten umverteilt wird. Er sei das geeignete Instrument, um eine Risikoselektion durch die Kranken­kassen zu vermeiden. Für andere Ziele sollte er nicht genutzt werden. © fos/aerzteblatt.de

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Nachrichten zum Thema

17. Mai 2018
Hamburg – Ab August dieses Jahres können einige Beamte in Hamburg wählen, ob sie sich für ihre Kran­ken­ver­siche­rung eine Pauschale auszahlen lassen oder die übliche Kombination von privater
Hamburg beschließt Alleingang bei Beamtenversicherung
8. Mai 2018
Berlin – Bei den Krankenkassen soll es mehr als eine halbe Million Karteileichen geben. Unter den 56,5 Millionen Mitgliedern der Krankenkassen seien mindestens 510.000 mutmaßlich „virtuelle“
Mehr als eine halbe Million „Karteileichen“ bei Krankenkassen
8. Mai 2018
Mannheim – Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) hält nichts von höheren Krankenkassenbeiträgen für Raucher. „Wenn Sie anfangen, Verhalten zu stark zu bestrafen, widerspricht das dem Kerngedanken
Spahn hält nichts von höheren Krankenkassenbeiträgen für Raucher
2. Mai 2018
Berlin – Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) will zeitnah ein Konzept zur Reform des morbiditätsorientierten Risiko­struk­tur­aus­gleichs (Morbi-RSA) vorlegen. Wie aus der Antwort der Bundesregierung
Reform des Risiko­struk­tur­aus­gleichs zeitnah geplant
26. April 2018
Berlin – Beamten sollte der Weg in die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) erleichtert werden. Das fordern die Linken im Bundestag in einem Antrag. Obgleich Beamte zu Beginn ihrer Laufbahn frei
Linke will Beamte gesetzlich krankenversichern
16. April 2018
Berlin – Gesundheitsexperten der Großen Koalition haben angekündigt, eine Diskriminierung älterer Versicherter durch die Krankenkassen gesetzlich zu unterbinden. Entsprechende Vorwürfe des
Koalition will Benachteiligung älterer Krankenversicherter verhindern
13. April 2018
Berlin/Wuppertal – Die Polizei hat Büros der Barmer in Wuppertal und Berlin durchsucht. Bereits seit Ende 2016 werde wegen des Verdachts des Betrugs und der Bestechlichkeit ermittelt, sagte Martin

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
J
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige