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Medizin

Mehr Schlaganfall­patienten sollen von Thrombolyse profitieren

Donnerstag, 17. Mai 2018

Blutgerinnsel Thrombus/Anatomy Insider stock.adobe.com
Bei rund 20 % aller Patienten mit akutem Schlaganfall ist der genaue Zeitpunkt des Symptombeginns unbekannt. Eine Thrombolyse kam für sie bisher nicht infrage – das könnte sich jetzt ändern. /Anatomy Insider, stock.adobe.com

Hamburg/Göteborg – Auch Patienten, die im Schlaf einen Schlaganfall erleiden und die Symptome erst am nächsten Morgen feststellen, können von einer Thrombolyse profitieren. Die medikamentöse Wiedereröffnung des verstopften Blutgefäßes im Gehirn ist bisher nur möglich, wenn der Symptombeginn bekannt ist und nicht länger als 4,5 Stunden zurückliegt.

Ursache eines Schlaganfalls ist in der Regel der Verschluss eines Blutgefäßes im Gehirn (Ischämie) durch einen Thrombus. Das durch das verschlossene Gefäß versorgte Hirngewebe sirbt ab. Das Blutgerinnsel kann medikamentös durch die Behandlung mit einer Thrombolyse aufgelöst werden. Geschieht dies rechtzeitig, können bleibende neurologische Symptome oder eine Behinderung verhindert werden.

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In der WAKE-UP-Studie gelang es, mittels Magnetresonanztomographie (MRT) geeignete Patienten für die Thrombolyse auszuwählen, auch ohne den Zeitpunkt des Schlaganfalls zu kennen. Bei ihnen traten geringere neurologische Symptome oder Behin­derungen auf als bei anderen Patienten. Die Ergebnisse, die bei der European Stroke Organisation Conference in Göteborg präsentiert wurden, sind im New England Journal of Medicine erschienen (2018; doi: 10.1056/NEJMoa1804355).

Mit MRT geeignete Patienten für Thrombolyse identifizieren

In die WAKE-UP-Studie wurden Patienten mit akutem ischämischem Schlaganfall und unbekanntem Zeitpunkt des Symptombeginns im Alter von 18 bis 80 Jahren einge­schlossen. Die Auswahl der Patienten für die Behandlung erfolgte mittels MRT. Verwendet wurden 2 spezielle Untersuchungssequenzen, die diffusiongewichtete Bildgebung (Diffusion Weighted Imaging, DWI) und die „Fluid-Attenuated Inversion Recovery“-Bildgebung (FLAIR). Aus früheren Untersuchungen war bekannt: Zeigt sich im DWI eine akute Schlaganfallschädigung, im FLAIR jedoch nicht eindeutig („DWI-Flair-Mismatch“), dann befindet sich der Patient mit großer Sicherheit noch in einem Zeitfenster, in dem die Thrombolyse effektiv und sicher angewandt werden kann.

In der WAKE-UP-Studie wurden 503 solcher Patienten behandelt – entweder mit dem Wirkstoff Alteplase oder einem Scheinmedikament (Placebo). „Nach 90 Tagen war das klinische Ergebnis in der mit Alteplase behandelten Gruppe signifikant besser als in der Placebogruppe“, erklärte Studienleiter Götz Thomalla, Leitender Oberarzt in der Klinik für Neurologie des Universitätsklinikum Eppendorf (UKE). So erreichten 53,3 % der mittels Thrombolyse behandelten Patienten ein sehr gutes klinisches Ergebnis, während dies nur bei 41,8 % der Patienten in der Placebogruppe der Fall war.

Die Behandlung auf der Basis der MRT-Bildgebung ohne Wissen um den Zeitpunkt des Symptombeginns stellt einen Paradigmenwechsel für die Thrombolyse beim Schlaganfall dar. Götz Thomalla, Universitätsklinikum Eppendorf

Thomalla: „Dies entspricht einer absoluten Zunahme von Patienten, die den Schlaganfall ohne Behinderung überstanden haben, von 11,5 %.“ Patienten in der Alteplasegruppe hatten eine um 62 % höhere Chance, drei Monate nach dem Schlaganfall geringere neurologische Symptome oder Behinderungen zu haben als die Patienten der Placebogruppe. Auch in der Selbsteinschätzung hinsichtlich Gesundheits­zustand und Lebensqualität nach drei Monaten hatten die Patienten in der Alteplase­gruppe signifikant profitiert

Die Ergebnisse der Studie eröffnen die Möglichkeit, viele Patienten mit einer Thrombolyse zu behandeln, die bisher grundsätzlich ausgeschlossen waren, sagt Thomalla. „Die Behandlung auf der Basis der MRT-Bildgebung ohne Wissen um den Zeitpunkt des Symptombeginns stellt einen Paradigmenwechsel für die Thrombolyse beim Schlaganfall dar.“

Auch Christian Gerloff, Direktor der Klinik für Neurologie und Stellvertretender Ärztlicher Direktor des UKE, schätzt die Bedeutung der Studie hoch ein: „Die Ergebnisse von WAKE-UP werden einen direkten Effekt auf die klinische Praxis der Schlaganfallbehandlung haben.“ Bei vielen Schlaganfallpatienten könnte eine bleibende Behinderung verhindert werden.

Die intravenöse Thrombolyse mit dem Wirkstoff Alteplase ist eine effektive Akutbehandlung für den ischämischen Schlaganfall, wenn der Therapiebeginn innerhalb der ersten 4,5 Stunden nach Symptombeginn erfolgt. „Bei rund 20 % aller Patienten mit akutem Schlaganfall ist der genaue Zeitpunkt des Symptombeginns jedoch unbekannt, etwa weil die Symptome erst beim morgendlichen Erwachen bemerkt werden oder weil Patienten unbeobachtet einen Schlaganfall erleiden und aufgrund von Sprachstörungen keine Auskunft über den Symptombeginn geben können“, erläutert Thomalla. Diese große Gruppe von Patienten kam bislang allein aufgrund des fehlenden Wissens um das Zeitfenster für eine Thrombolyse nicht in Frage.

WAKE-UP ist eine europäische, multizentrische, nichtindustriegeförderte klinische Studie zur MRT-basierten Thrombolyse bei Patienten mit akutem ischämischem Schlaganfall und unbekanntem Zeitpunkt des Symptombeginns, zum Beispiel Bemerken der Schlaganfallsymptome beim Erwachen. Die durch das 7. Rahmen­programm der Europäischen Union mit 11,6 Millionen Euro geförderte Studie wurde von Götz Thomalla und Christian Gerloff geleitet und an 70 Zentren in acht europäischen Ländern durchgeführt. © gie/EB/aerzteblatt.de

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