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Politik

Versorgungs­forschung: Viel hilft nicht immer viel

Donnerstag, 17. Mai 2018

Berlin – Nicht für jeden Patienten besteht die beste Behandlung darin, alle verfüg­baren Therapieoptionen zu nutzen. „Viel hilft nicht immer viel“ – darin waren sich die Teilnehmer des Symposiums „Praxis Versorgungsforschung" der Techniker Kranken­kasse (TK) und des Instituts für angewandte Gesundheitsforschung (InGef), ein Tochterunternehmen von spectrumK, heute in Berlin grundsätzlich einig.

„Wir diskutieren viel über Unter- und Fehlversorgung, dabei gibt es im Gesundheits­wesen genügend Beispiele für Überversorgung. Ein Maximum an möglicher medizinischer Therapie dient nicht immer nur dem Wohl des Patienten, sondern kann unter Umständen auch Leid verursachen“, sagte Thomas Ballast, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der TK.

Fokus muss auf Lebensqualität gerichtet sein

Bewusst ausgeklammert werden sollten bei dieser Diskussion nach Ansicht von Ballast die ökonomischen Aspekte. „Wir als Kassen wollen Anwalt der Versicherten sein“, betonte er. Bei der Debatte müsse die Lebensqualität für den Patienten im Zentrum stehen.

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„Es gibt die medizinische und gesellschaftliche Verpflichtung alles zu tun, was sinnvoll ist und dem Patienten tatsächlich hilft“, sagte Eckhard Nagel, geschäftsführender Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bayreuth in seiner Keynote zum „Maß der Dinge: sinnhafte medizinische Versorgung im Zeitalter des medizinischen Fortschritts“. Dies könne aber auch einfach Beistand und Barmherzigkeit sein, sagte der Arzt und Philosoph.

Nagel verwies auf den medizinischen Fortschritt und die „Explosion des Machbaren“. Eine Herausforderung sei es nun zu differenzieren, was tatsächlich dem Patienten nütze. Problematisch werde es jedoch, wenn der medizinische Fortschritt durch ökonomische Überlegungen infrage gestellt werde. „Dann geht die Diskussion in eine falsche Richtung.“

Übertherapie bei todkranken Patienten

Sehr intensiv diskutierten die Teilnehmer die Versorgung am Lebensende: Matthias Thöns, Palliativarzt in der häuslichen Sterbebegleitung und Buchautor, kritisierte die medizinische Überversorgung todkranker Patienten in deutschen Krankenhäusern. Viele der teuren Behandlungen wären unnötig und würden den Menschen an ihrem Lebensende nicht helfen, sondern sie nur quälen. So würden viele Krebspatienten über die Aussichtslosigkeit wie auch die Nebenwirkungen einer Chemotherapie im Dunkeln gelassen oder Patienten trotz Patientenverfügung sinnlosen Wiederbelebungs­versuchen ausgesetzt.

Ein Hauptproblem sieht er in finanziellen Fehlanreizen, wie beispielsweise Bonus­zahlungen oder hohe Vergütungen großer Eingriffe bei Schwerstkranken. Thöns betonte, dass eine umfassende Palliativversorgung im Vergleich zu intensiv­medizinischen Behandlungen deutlich günstiger sei und zudem das Wohlbefinden der Patienten steigern könne.

„Die Therapieindikationen müssen medizinisch und sozial richtig gestellt werden“, forderte Johannes Bruns, Generalsekretär der Deutschen Krebsgesellschaft. Es fehle ein Lotse, der den Patienten beistehe und helfe, die Versorgung, die am ehesten dem Patientenwohl entspreche, zu finden. © ER/aerzteblatt.de

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