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Ausland

Referendum soll „Abtreibungs­tourismus“ irischer Frauen stoppen

Freitag, 18. Mai 2018

Plakate im Stadtzentrum von Dublin, die für ein „Ja“ (links) und ein „Nein“ (rechts) beim Referendum am 25. Mai plädieren. /dpa

Dublin – Aisha Chithira lebt mit ihrer Tochter und ihrem Mann in Irland. Die aus Afrika stammende Frau ist schwanger. Aber weil sie unter einer Erkrankung leidet und bereits Zwillinge tot gebar, entscheidet sie sich für eine Abtreibung. Doch das ist in Irland verboten. Wie viele andere Frauen in Irland will sie den Eingriff daher in England vornehmen lassen. Einen Monat wartet sie auf das Visum und reist in der 22. Schwangerschaftswoche nach London. Sie kehrt nie zurück: Chithira kollabiert kurz nach dem Eingriff im Taxi und stirbt. 

Im katholischen Irland gilt eines der strengsten Abtreibungsverbote in Europa. Es zwingt Kritikern zufolge viele Frauen zu längeren Schwangerschaften und Eingriffen in fremden Ländern. Damit könnte bald Schluss sein: Am 25. Mai dürfen mehr als drei Millionen Iren über die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen abstimmen.

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„Wir wissen, dass jedes Jahr Tausende irische Frauen – aus jedem Bezirk des Landes – für Abtreibungen ins Ausland reisen. Wir wissen, dass viele Frauen Abtreibungspillen per Post erhalten, um ihre Schwangerschaften zu beenden“, rechtfertigte Ministerpräsident und Mediziner Leo Varadkar die anstehende Volksabstimmung.

In Irland ist ein Abbruch nur gestattet, wenn das Leben der Schwangeren bedroht oder sie selbstmordgefährdet ist – 25 Eingriffe wurden 2017 aus diesem Grund in Kliniken vorgenommen. Selbst nach Vergewaltigung, Inzest und bei einem kranken Fötus ist ein Abbruch untersagt. Wer dagegen verstößt, kann mit bis zu 14 Jahren Gefängnis bestraft werden – jedoch nicht, wenn die Frau im Ausland abtreibt.

„Nur Malta, Andorra und San Marino haben innerhalb Europas noch strengere Abtrei­bungs­gesetze als Irland“, sagte Leah Hoctor vom Zentrum für reproduktive Rechte. Dort seien Abtreibungen sogar verboten, wenn das Leben der Schwangeren in Gefahr ist. Strenge Gesetze hätten auch Lichtenstein, Monaco, Polen und das britische Nordirland, erklärte die Expertin der Nichtregierungsorganisation.

Das Problem in Irland: Per Verfassungszusatz sind ungeborene Kinder genauso in ihrem Recht auf Leben geschützt wie ihre Mütter. Das macht Kritikern zufolge Abtreibungen in dem Land faktisch unmöglich. Die Frauen in Irland würden „wie Gebärmaschinen behandelt“, klagte ein Report der Menschenrechtsorganisation Amnesty International an.

Sogar der UN-Menschenrechtsausschuss bezeichnete das Abtreibungsverbot als „grausam, unmenschlich und erniedrigend“. Er forderte die irische Regierung auf, es zu überarbeiten. Gegner und Befürworter des Abtreibungsverbots veranstalten Protestmärsche.

Durch das Referendum soll der Verfassungszusatz nun gestrichen werden. Das Parlament hätte dann die Möglichkeit, Abtreibungen bis zur zwölften Schwanger­schafts­woche zu legalisieren. In Ausnahmefällen soll der Abbruch sogar bis zur 22. Woche erlaubt sein. Die meisten Iren sind Umfragen zufolge für das Streichen des Verfassungszusatzes.

Bislang suchten viele Frauen in ihrer Not Hilfe im Ausland: Mehr als 168.700 Schwangere ließen von 1980 bis 2016 den Eingriff in Großbritannien vornehmen. Das geht aus britischen Statistiken hervor, für die die Heimatadressen der behandelten Frauen ausgewertet wurden. Auch in anderen Ländern – etwa in den Niederlanden –lassen Schwangere aus Irland abtreiben. Jedoch sind die Zahlen niedriger.

Die katholische Kirche stellt sich gegen die Legalisierung von Abtreibungen. Pikant: Nur drei Monate nach dem Referendum reist Papst Franziskus von Rom nach Irland. In der Hauptstadt Dublin wird er am 25. und 26. August am Weltfamilientreffen teilnehmen.

Im Vergleich zu Irland ist die Gesetzgebung in Deutschland liberal. Hier kann eine Abtreibung bis zur zwölften Woche straffrei vorgenommen werden, wenn der Frau bescheinigt wurde, dass sie ausreichende Gründe für den Abbruch hat. Die Zahl der Eingriffe ist nach jahrelangem Rückgang im vergangenen Jahr wieder gestiegen – um 2,5 Prozent auf rund 101.200. Mehr als 1.000 Frauen kamen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes aus dem Ausland – insbesondere aus Polen, wo Frauen nur nach einer Vergewaltigung oder bei Gefahr für ihr Leben abtreiben dürfen.

Die irische Gesellschaft für Familienplanung ist überzeugt: Chithira könnte noch am Leben sein, wenn der Eingriff in Irland erlaubt gewesen wäre. Es sei inakzeptabel, dass eine Schwangere mit einer solchen medizinischen Vorgeschichte sich selbst um einen Abbruch in einem anderen Land kümmern müsse, sagte Geschäftsführer Niall Behan.

Für Abtreibungsgegner wie die britische Gesellschaft zum Schutz des ungeborenen Kindes (SPUC) ist der Todesfall hingegen ein Beleg für „die geringen ethischen Standards der Abtreibungsindustrie“, die Menschenleben nicht ausreichend achte.

Chithira starb an inneren Blutungen. In London stehen Mitarbeiter der Klinik vor Gericht. Ein unabhängiger Experte sagte kürzlich aus, Komplikationen seien falsch eingeschätzt worden; die Ärzte hätten Fehler gemacht. Der Prozess macht die Frau nicht mehr lebendig. Aber Chithiras Tod und ähnliche Fälle könnten das Ergebnis des Referendums stark beeinflussen, hoffen Gegner des Abtreibungsverbots in Irland. © dpa/aerzteblatt.de

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