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Medizin

Frühwarnsystem auf Normalstation sorgt für weniger Herzstillstände

Freitag, 25. Mai 2018

Dresden – Die Überwachung von Vitalparametern kommt nicht nur Patienten auf einer Intensivstation zugute. In der Chirurgie des Dresdner Universitätsklinikums Carl Gustav Carus (UKD) wurden in einem Pilotprojekt bei Risikopatienten nach einer Operation lebenswichtige Funktionen zustandsabhängig mit einem mobilen Sensorset auch ohne Pflegekraft mehrmals täglich gemessen. Seitdem erreichen den Stationsarzt rund 7-mal mehr Meldungen zu kritischen Zuständen. Das Frühwarnsystem sorgte damit für weniger Herzstillstände und weniger ungeplante Intensivaufnahmen, berichten Forscher aus Dresden in einer kontrollierten Studie in den Annals of Surgery (2018; doi: 10.1097/SLA.0000000000002830).

Über einen Zeitraum von 24 Monaten wurden fast 4.000 Patienten beobachtet, die sich auf der Normalstation von einem chirurgischen Eingriff erholten. Dazu standen am Dresdner Uniklinikum auf 2 Normalstationen 8 Messgeräte für 56 Betten zur Verfügung. Beide Stationen waren mit je 2 fahrbaren Spot-Check-Monitoren ausgestattet und mit je 4 kabellosen Vitalmessgeräten, die ausschließlich in der Interventionsgruppe mit 1.931 Patienten zum Einsatz kamen.

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Die Rate der Herzstillstände sank signifikant von 5,3 auf 2,1 pro 1.000 Patienten in der Interventionsgruppe (p < 0,001). Zudem gab es weniger ungeplante Intensivaufnahmen (3,6 % versus 3,0 %, p < 0,001). In erster Linie wurde das Medizinische Einsatzteam (MET) aufgrund abnormaler EKG-Werte alarmiert, insbesondere Asystolie (n = 5) und pulslose elektrische Aktivität (n = 8).

In der Interventionsgruppe haben Pflegekräfte täglich mindestens 2-mal mit dem fahrbaren Spot-Check-Monitor SpO2, Atem- und Pulsfrequenz sowie Blutdruck gemessen. Die Werte wurden automatisch mit Änderungen des Bewusstseinszustands oder bestehendem Sauerstoffbedarf zu einem Multiparameter Early Warning Score (MEWS) zusammengefasst und per WLAN an ein Leitsystem gesendet. Anhand der Scorewerte, die den Patientenzustand abbilden, konnte die Pflegekraft die Messintervalle, falls notwendig, erhöhen. Diese Messungen erfolgten dann mit den ebenfalls WLAN-angebundenen mobilen Sensoren. In der Interventionsgruppe wurden bei einer MEWS-Grenzüberschreitung von 5 und mehr Stationsschwester und Stationsarzt über DECT-Telefone informiert. Das MET des UKD stand rund um die Uhr zur Unterstützung bereit. „Durch die automatische Anzeige einer Rangliste auf dem Stationsmonitor konnte kein kritischer Patient der Aufmerksamkeit der Ärzte entgehen“, sagt Axel Heller, stellvertretender Direktor der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie am UKD.

In der Kontrollgruppe erfolgte die Standardüberwachung mit mindestens 2-mal täglicher, bedarfsweise häufigerer manueller Messung der Patienten. Pflegekräfte alarmierten das Notfallteam (MET) bei pathologischen Auslenkungen der Atmung, des Pulses, bei neurologischen Problemen oder auch allgemeiner Sorge um den Patienten. Den wesentlichen Unterschied zur Interventionsgruppe erklärt Heller: „In der Kontrollgruppe wurden die Patienten nicht mit MEWS objektiviert und automatisiert dokumentiert.“ Zudem war die (De-)Eskalation der Messintervalle nicht an ein festes Protokoll gebunden.

Schweizer empfehlen MEWS seit einer Woche für Normalstationen

Heller ist überzeugt, dass der Haupteffekt der Studienergebnisse weniger durch die Elektronik selbst, als durch die konsequente Anwendung des MEWS und durch die hinterlegten Handlungsalgorithmen hervorgerufen wird. In einer früheren Studie konnte eine niederländische Arbeitsgruppe allerdings zeigen, dass die Compliance der Pflegekräfte nur bei 68 % liegt, wenn die MEWS-Kurven auf dem Papier geführt werden. „Die Elektronik sorgt somit für die bessere Protokolltreue bei den Messungen“, schlussfolgert Heller.

In der Schweiz hat die Stiftung Patientensicherheit erst in der vergangenen Woche eine Handlungsempfehlung zur Anwendung von MEWS auf Normalstationen ausgesprochen. In England ist es bereits verpflichtend und flächendeckend eingeführt, die Niederlande sind auch dabei. In Deutschland gebe es hingegen noch keine unmittelbare Empfehlung, sagt Heller. Im weiteren Sinne könnte man aber sagen, dass es die Lehrmeinung des Deutschen Rates für Wiederbelebung (German Resuscitation Concil) ist, der die Europäischen Leitlinien für Deutschland vertritt. © gie/aerzteblatt.de

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