NewsMedizinAntidepressiva führen zur Gewichtszunahme
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Antidepressiva führen zur Gewichtszunahme

Sonntag, 27. Mai 2018

/Vladimir Zhupanenko, stock.adobe.com

London – Viele Patienten, die mit Antidepressiva behandelt werden, nehmen vor allem im zweiten und dritten Behandlungsjahr deutlich an Gewicht zu, wie die Ergebnisse einer Kohortenstudie im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2018; 361: k1951) zeigen.

Nicht nur die Zahl der übergewichtigen und fettleibigen Menschen hat in den letzten Jahren zugenommen. In Großbritannien sind es bereits 61 % der Erwachsenen. Auch Depressionen werden immer häufiger. In Großbritannien stieg die Zahl der Verord­nungen zuletzt auf 129,9 pro 1.000 Personenjahre, und von den Hausarzt­patienten hat laut einer jüngsten Untersuchung fast jeder vierte schon einmal ein Antidepressivum verschrieben bekommen (in einem 17-Jahres-Zeitraum). Eine Adipositas ist zudem ein bekannter Risikofaktor für eine Depression.

Vor diesem Hintergrund könnte eine Gewichtszunahme durch die Einnahme von Antidepressiva ein ernst zu nehmendes „Public Health“-Problem sein.

Anzeige

Rafael Gafoor vom King's College London hat hierzu die Daten von 300.000 erwachsenen Patienten ausgewertet, die in der UK Clinical Practice Research Datalink (CPRD) gespeichert wurden und bei denen im Verlauf von 10 Jahren mindestens dreimal das Körpergewicht notiert worden war.

Die Forscher fanden heraus, dass die Inzidenz einer Gewichtszunahme um wenigstens 5 % bei Patienten, denen keine Antidepressiva verordnet wurden, 8,1 pro 100 Personenjahre betrug. Bei den Patienten, die Antidepressiva einnahmen, waren es 9,8 Gewichtszunahmen pro 100 Personenjahre.

Der Unterschied mag gering erscheinen. Er bedeutet allerdings, dass auf 59 Patienten, die Antidepressiva einnehmen, innerhalb von 10 Jahren einer kommt, der deutlich an Gewicht zunimmt.

Das Risiko war im zweiten und dritten Behandlungsjahr am größten. Gafoor ermittelte für das zweite Behandlungsjahr eine Rate Ratio auf eine Gewichtszunahme um mindestens 5 % von 1,46 (95-%-Konfidenzintervall 1,43–1,49) und für das dritte Behandlungsjahr von 1,48 (1,45–1,51). Danach sinkt das Risiko, es blieb aber über den gesamten Zeitraum erhöht.

Die Einzelbetrachtung zeigt für alle 12 untersuchten Wirkstoffe ein erhöhtes Risiko. Die Bandbreite der Rate Ratio reichte von 1,05 (1,00–1,10) für Paroxetin bis zu 1,50 (1,45–1,56) für (das eher selten verordnete) Mirtazapin.

Nach Einschätzung der Editorialisten Alessandro Serretti und Stefano Porcelli von der Universität Bologna lässt sich derzeit nicht vorhersagen, bei welchen Patienten es unter der Therapie zu einer Gewichtszunahme kommt. Deshalb sollte vorsichtshalber allen Patienten geraten werden, auf ihr Gewicht zu achten und durch Ernährung und Sport einer Gewichtszunahme frühzeitig gegenzusteuern. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

dr.med.thomas.g.schaetzler
am Montag, 28. Mai 2018, 22:03

Nicht mal "Birne-Apfel"-Vergleich!

Nein, mit dieser ebenso hochtrabend wie niederträchtig publizierten Studie wurde keineswegs die Gewichtszuname von depressiven Patienten unter Antidepressiva-Einnahme mit den Gewichtsveränderungen depressiv Erkrankter ohne Medikation verglichen.

Es wurden auch keineswegs krankheitsspezifische Co-Morbidität und Mortalität bzw. Gesamt-Morbidität und Mortalität mit/ohne Medikation bei Depressionen detektiert.

Mit einer kruden, naiv-empiristischen Beobachtung wurden lediglich mindesten 3 BMI-Angaben im zeitlichen Verlauf auf dem Boden vager Vermutungen kreiert, ohne auch nur einen Gedanken darauf zu verwenden, dass die Vergleichs- und Kontrollgruppe weder an Depressionen litt, noch ohne jegliche medizinische Indikation ebenfalls Antidepressiva genommen hätte.

Festzuhalten bleibt die Quintessenz dieser pseudowissenschaftlichen Analyse von präformiert vorhandenen Patienten-Daten und -Akten:

Bei Patientinnen und Patienten, die wegen ihrer klinisch relevanten Depressionen Pharmakotherapie mit "tricyclic and related antidepressants (TCAs), monoamine oxidase inhibitors (MAOIs), selective serotonin reuptake inhibitors (SSRIs), serotonin-noradrenaline (norepinephrine) reuptake inhibitors (SNRIs), and other antidepressant drugs" therapiert wurden, analysierte man deren Gewichtszunahme per BMI. Im Einzelnen wurde dann untersucht: "We then analysed individual antidepressant drugs: mirtazapine, duloxetine, sertraline, venlafaxine, citalopram, fluoxetine, escitalopram, trazodone, amitriptyline, paroxetine, nortriptyline, and dosulepin."
https://www.bmj.com/content/361/bmj.k1951


Die Inzidenz einer Gewichtszunahme um wenigstens 5 % bei Patienten, denen keine Antidepressiva verordnet wurden, betrug 8,1 pro 100 Personenjahre. Bei den Patienten, die Antidepressiva einnahmen, lag diese Inzidenz mit 9,8 Gewichtszunahmen pro 100 Personenjahre nur ganze 1,7 Prozent höher!

Und das auch noch bei einer durchschnittlichen Beobachtungszeit von 10 Jahren. Die jährliche Inzidenz einer signifikanten  Gewichtszunahme betrug also nur 0,17 Prozent. Methodologisch betrachtet, war das nicht mal ein schiefer Birne-Apfel-Vergleich, sondern wissenschafts- und erkenntnistheoretisch völlig verunglückt.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Nachrichten zum Thema

9. August 2018
Berlin – Auf die hormonellen und nichthormonellen Gründe von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen hat die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) hingewiesen. Laut der
Schilddrüsenunterfunktion nur selten Grund für Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen
8. August 2018
Osnabrück – Mehr als zehn Prozent der Kinder starten laut einem Zeitungsbericht in Norddeutschland mit Übergewicht ins Schulleben. Das berichtet die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) und beruft sich auf
Übergewicht bei mehr als jedem zehnten Schulanfänger
31. Juli 2018
Bristol – Jugendliche, die im Alter von 17 Jahren (und davor) übergewichtig waren, hatten bereits im Alter von 21 Jahren einen erhöhten Blutdruck sowie Zeichen einer vermehrten Herzbelastung. Dies kam
Übergewicht schädigt das Herz bereits im Jugendalter
25. Juli 2018
München – Die erhöhten Blutzuckerwerte, denen die Kinder von Frauen mit Typ-1-Diabetes vor der Geburt ausgesetzt sind, könnten langfristige Folgen haben. Die Analyse von 2 Kohortenstudien in
Kinder von Frauen mit Typ-1-Diabetes neigen zu erhöhtem Körpergewicht
20. Juli 2018
Winston-Salem/North Carolina – Ein effektives und vermutlich unterschätztes Mittel gegen Schmerzen bei einer beginnenden Gonarthrose ist eine Gewichtsabnahme. Die sekundäre Analyse einer
Gonarthrose: Gewichtsabnahme lindert Schmerzen dosisabhängig
19. Juli 2018
Rostock – Mit zwei neuen Spezialfahrzeugen können an der Rostocker Unimedizin künftig auch besonders schwere Patienten transportiert werden. Mit den vollautomatischen Schwerlasttragen könnten bis zu
Rostocker Uniklinik führt Tragen für übergewichtige Patienten ein
13. Juni 2018
Leipzig – Im Kampf gegen Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht und Diabetes bündeln künftig Forscher in Leipzig ihre Kompetenzen. Mit der Unterzeichnung der Gründungsvereinbarung startete heute das

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Anzeige

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER