NewsMedizinSchizophrenie: Plazenta könnte Verbindung von Genen und Umwelt erklären
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Schizophrenie: Plazenta könnte Verbindung von Genen und Umwelt erklären

Mittwoch, 30. Mai 2018

/Halfpoint, stockadobecom

Baltimore – Die Entwicklung der Schizophrenie wird sowohl von Genen als auch von Umweltfaktoren beeinflusst. Beide Faktoren wirken sich einer Studie in Nature Medicine (2018; doi: 10.1038/s41591-018-0021-y) zufolge auf die Plazenta aus. Dort könnte eine genetisch bedingte Funktionsstörung die Anfälligkeit für Umweltfaktoren erhöhen.

Die Schizophrenie ist zwar eine Erkrankung des frühen Erwachsenenalters. Die meisten Forscher sind sich jedoch einig, dass der Boden für die Erkrankung früher gelegt wird, möglicherweise bereits vor der Geburt. Dafür sprechen epidemiologische Untersuchungen, nach denen eine schwere Influenza während der Schwangerschaft bei den Kindern das Risiko auf eine spätere Schizophrenie erhöht. Merkwürdig ist auch, dass die Geburtsjahrgänge, deren Mütter den Hungerwinter in den Niederlanden im 2. Weltkrieg überlebten oder die während der Kulturrevolution in China unter extremem Hunger litten, später ein erhöhtes Risiko hatten, an einer Schizophrenie zu erkranken.

Anzeige

Andererseits wurde in den letzten Jahren in genomweiten Assoziationsstudien eine Anzahl von Risikogenen gefunden, die die starke Heredität der Schizophrenie erklärt, die auf 60 bis 70 Prozent geschätzt wird.

Bisher war es nicht möglich, Gene und Umweltfaktoren auf einen gemeinsamen Nenner zurückzuführen. Ein Team um Daniel Weinberger vom Lieber Institute for Brain Development in Baltimore glaubt jetzt, dass Natur und Umwelt („Nature and Nurture“) in der Plazenta aufeinandertreffen.

Die Forscher haben 2.885 Schizophreniepatienten mit gesunden Kontrollen verglichen. Alle Patienten hatten an genomweiten Assoziationsstudien teilgenommen, aus deren Ergebnissen sich ein polysemer Risikoscore (PRC) ableiten lässt, und für alle Patienten lagen Informationen über Komplikationen während und nach der Schwangerschaft vor („early-life complications“ ELC).

Beide, PRC und ELC, verstärkten sich gegenseitig: Personen im oberen Fünftel des PRC hatten ein mehr als 5-fach erhöhtes Risiko auf eine Schizophrenie, wenn gleichzeitig ELC vorlagen (Odds Ratio 8,36; 95-%-Konfidenzintervall 3,79–18,47). Ohne ELC war das Erkrankungsrisiko auch im oberen Fünftel des PRC nur leicht und nicht signifikant erhöht (Odds Ratio 1,55; 0,59–4,07).

Die Forscher haben daraufhin die Aktivität der Risikogene in der Plazenta untersucht. Die meisten Gene wurden in dem Organ, das den Feten und sein sich entwickelndes Gehirn mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt, vermehrt exprimiert. Bei Risiko­schwangerschaften war die Expression höher als bei normalen Schwangerschaften. Weinberger vermutet, dass die Risikogene in einer bisher nicht geklärten Weise die Plazenta schwächen, sodass Umweltfaktoren sich stärker auf die Entwicklung des Feten auswirken können. Dies würde das Zusammenspiel von „Nature und Nurture“ bei der Schizophrenie plausibel erklären.

Interessanterweise wurden die Risikogene in der Plazenta besonders stark exprimiert, wenn der Fetus ein männliches Geschlecht hatte. Dies könnte laut Weinberger erklären, warum Männer 2- bis 4-mal häufiger an einer Schizophrenie erkranken als Frauen. Männer erkranken auch häufiger an Autismus, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyper­aktivitätsstörung, Dyslexie und Tourettesyndrom, deren Ursache einige Forscher ebenfalls in der frühkindlichen Entwicklung vermuten.

Ob diese Hypothese weiteren Überprüfungen standhält, wird sich zeigen. Die beste Bestätigung wären Therapien, die eine Schädigung der Plazenta vermeiden und dadurch langfristig die Häufigkeit der Schizophrenie senken. Dies dürfte sich wegen der langen Latenz bis zur Manifestation der Psychose nur schwer in Studien nachweisen lassen. © rme/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

22. November 2019
New York/San Diego – Die verzögerte Abnabelung, die die Startchancen des Kindes nach der Geburt verbessert, hat sich in einer randomisierten Studie im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2019; 322:
Geburtshilfe: Verzögerte Abnabelung für die Mutter sicher, “Ausmelken“ für Frühgeborene riskant
20. November 2019
Emden – Nach einer vorübergehenden Schließung des Kreißsaals an den Wochenenden können schwangere Frauen ihre Kinder wieder täglich im Klinikum Emden bekommen. „Wir haben eine zusätzliche Hebamme
Geburtenstation im Klinikum Emden wieder täglich geöffnet
15. November 2019
Mainz – Die rheinland-pfälzische Landesregierung will 2020 ein Förderprogramm für ungewollt kinderlose Paare auf den Weg bringen. Sie sollen bei der Kinderwunschbehandlung finanziell unterstützt
Rheinland-Pfalz will ungewollt kinderlose Paare unterstützen
12. November 2019
Berlin – Rheinland-Pfalz, Bremen, Hamburg, Hessen und Thüringen setzen sich für Verbesserungen in der Geburtshilfe ein. Über eine Entschließung im Bundesrat wollen die Länder die Bundesregierung dazu
Länder starten Bundesratsinitiative für Verbesserungen in der Geburtshilfe
7. November 2019
London – Der britische Gesundheitsdienst NHS (National Health Service) will ab dem kommenden Jahr mehrere Gentests für Neugeborene anbieten. Mithilfe der Tests könnten Erbkrankheiten und
Großbritannien will künftig Gentests für Säuglinge anbieten
1. November 2019
Baltimore – Neugeborene, in deren Nabelschnurblut Metabolite des Schmerzmittels Paracetamol nachgewiesen wurden, erkrankten in einer prospektiven Beobachtungsstudie bis zum Alter von 10 Jahren
Paracetamol im Nabelschnurblut zeigt in Studie erhöhtes Risiko auf ADHS und Autismus an
25. Oktober 2019
Berlin – Säuglingsmilch-Produkte von Nestlé und Novalac sind mit gesundheitsgefährdendem Mineralöl belastet. Das belegen unabhängige Laboranalysen, die die Verbraucherorganisation Foodwatch gestern
LNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER