NewsMedizinRiskante Langzeitverordnungen von Benzodiazepinen und Z-Substanzen betreffen vor allem Senioren
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Riskante Langzeitverordnungen von Benzodiazepinen und Z-Substanzen betreffen vor allem Senioren

Donnerstag, 31. Mai 2018

/dpa

Hamburg – Schlaf- und Beruhigungsmittel werden in Deutschland nicht immer leitliniengerecht verschrieben. Jeder sechste Kassenpatient könnte betroffen sein. Das zeigt eine Analyse von GKV-Abrechnungsdaten aus 4 Bundesländern, die in Suchttherapie erschienen ist (2018; doi: 10.1055/s-0043-109361). Vor allem ältere Patienten bekommen Benzodiazepine und Z-Substanzen oft zu lange und in zu hoher Dosierung, was eine Abhängigkeit zur Folge haben kann.

Die meisten Fälle einer Medikamentenabhängigkeit gehen auf eine über- und regelmäßige Einnahme von Schlaf- und Beruhigungsmitteln zurück. Oft beginnt die Abhängigkeit mit einer ärztlich verordneten Einnahme, die über den in den Leitlinien vorgegebenen Zeitrahmen von maximal 4 bis 8 Wochen hinaus fortgesetzt wird. Der Psychologe und Suchtforscher Uwe Verthein hat daher gemeinsam mit 3 Kollegen des Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg (ZIS) die Verschreibungspraxis anhand von Daten des Norddeutschen Apotheken-Rechenzentrums ausgewertet. Dort werden die Abrechnungen für gesetzlich Versicherte aus Niedersachen, Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen erfasst.

Anzeige

In den Jahren 2006 bis 2008 haben in den genannten Bundesländern insgesamt 1,2 Millionen Patienten Schlaf- und Beruhigungsmittel verschrieben bekommen. Das entspricht rund 13 % der dort gesetzlich Versicherten. Der Anteil der Frauen lag mit gut 64 % über dem der Männer.

Gut 16 % der Patienten wiesen jedoch problematische oder sogar riskante Verschreibungsmuster auf und wurden in die Kategorien ‚rot’  beziehungsweise ‚schwarz’ eingestuft. Uwe Verthein, Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg

Je nach Dosis und Dauer der Einnahme teilten die Forscher die Patienten in Risikoklassen ein. Dabei fielen im jeweils ersten Beobachtungsjahr drei Viertel in die unbedenkliche „grüne“ Kategorie: Die Patienten hatten die Mittel leitliniengerecht beziehungsweise nicht länger als 2 Monate erhalten. „Gut 16 % der Patienten wiesen jedoch problematische oder sogar riskante Verschreibungsmuster auf und wurden in die Kategorien ‚rot’ beziehungsweise ‚schwarz’ eingestuft“, so Verthein. Ihnen wurden die Mittel entweder länger als 6 Monate und/oder in deutlich erhöhter Dosierung verschrieben.

Dass solche Verschreibungsmuster zu Problemen führen können, zeigte sich im weiteren Verlauf der Auswertung: In den 2 auf die erste Verordnung folgenden Jahren verblieb jeweils ein großer Teil der als „rot“ (36,2 %) und „schwarz“ (41,2 %) klassifizierten Patienten noch im dritten Jahr in ihrer riskanten Gruppe. „Das deutet auf die Entwicklung einer Niedrig- oder sogar Hochdosisabhängigkeit hin“, sagt Verthein weiter. Dagegen kamen 85 % der leitliniengerecht behandelten Patienten in den beiden Folgejahren ganz ohne die Substanzen aus.

Vor allem alte Menschen erhalten riskante Verschreibungen

Zudem fiel auf, dass der Anteil leitlinienkonformer Verschreibungen mit zunehmendem Alter der Patienten abnahm. „Liegt dieser bei den unter 30-Jährigen noch bei rund 92 %, so sinkt er bei den älteren Patientengruppen kontinuierlich auf bis zu etwa 54 %. In der Altersgruppe ab 75 Jahre macht der Anteil an Patienten mit problematischen beziehungsweise riskanten Verschreibungen fast ein Drittel aus (32 %), bei den Patienten unter 30 sind es hingegen nur etwa 4 %.“

Die dauerhafte Einnahme werde oft nicht als Problem wahrgenommen, erklärt Verthein. „Viele der Betroffenen empfinden sich nicht als süchtig.“ Das gelte vor allem für Patienten, die längere Zeit niedrige Wirkstoffdosen erhielten. Es sei daher nicht verwunderlich, aber dennoch alarmierend, dass nicht einmal jeder 100. Betroffene Angebote einer Suchthilfestelle in Anspruch nehme. „Vermutlich spielen hier zudem hohe Zugangsschwellen und nicht passende Angebote eine Rolle“, sagt Verthein.

Die in der Studie untersuchten Benzodiazepine und Z-Substanzen (Zolpidem, Zopiclon und Zaleplon) werden hauptsächlich gegen Ein- und Durchschlafstörungen verschrieben. Die Z-Substanzen gehen dabei mit geringeren Nebenwirkungen einher als Benzodiazepine, können aber – ebenso wie diese – abhängig machen. Zum einen kommt es bei plötzlichem Absetzen oft verstärkt zu Schlafstörungen, zum anderen können Entzugserscheinungen wie Ängste, Wahrnehmungsstörungen oder Delirien auftreten. © gie/EB/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #79783
Practicus
am Samstag, 2. Juni 2018, 23:34

Abhängigkeit

ist nach der ICD-10 durch das Vorliegen von 3 aus 6 Items in den letzten 12 Monaten definiert. Starkes Verlangen nach der Substanz, Toleranzentwicklung bzw Dosissteigerung, Kontrollverlust, Vernachlässigung anderer Aufgaben oder Vergnügungen, Fortsetzung des Konsums trotz EINGETRETENER Schadwirkungen, Entzugserscheinungen bei Reduktion oder Einstellung des Konsums.
Bei Langzeiteinnahme der BZD oder Z-Drugs gibt es Entzugserscheinungen, die bei anderen Medikamenten einfach "Rebound" heißen. Die Patienten nehmen treu und brav ihre tägliche Dosis, die auch die erwartete Wirkung entfaltet. sie erleben keine nachteiligen Folgen, fühlen sich besser als ohne die Medikation - warum zum Teufel sollen 80-Jährige einem langdauernden und quälenden Entzug unterworfen werden, oft mit der Gabe sicher lebensverkürzender Neuroleptica nur halbwegs erträglich gemacht, den sie gar nicht wollen? Dahinter steckt eine faschistoide Bevormundungsideologie!
Avatar #689858
brunnenau
am Samstag, 2. Juni 2018, 08:01

Abhängigkeit von Z-Substanzen

Nennen Sie eine wiss. Arbeit von Schlafmedizinern, die zum Schluss kommt, Z-Substanzen würden abhängig machen.
LNS

Nachrichten zum Thema

5. Dezember 2018
Seoul – Senioren, die in Regionen mit der größten Lichtverschmutzung leben, erhalten in Südkorea am häufigsten Schlafmittel verordnet. Dies zeigen die Ergebnisse einer Kohortenstudie im Journal of
Lichtverschmutzung kann Schlafstörungen bei älteren Menschen auslösen
29. November 2018
Tampa – Die um sich greifende Drogenepidemie und eine zunehmende Zahl von Suiziden lassen die durchschnittliche Lebenserwartung der US-Bürger sinken. Die Lebenserwartung habe 2017 bei 78,6 Jahren
Drogenmissbrauch und steigende Suizidrate lassen Lebenserwartung in USA sinken
28. November 2018
Berlin – Nur fünf Prozent der schnarchenden Menschen erkennen, dass womöglich ärztliche Hilfe angebracht ist. Das zeigt eine heute veröffentlichte forsa-Umfrage für die Initiative „Deutschland schläft
Nur wenige Schnarcher denken an ärztliche Hilfe
27. November 2018
Brüssel – Das Ende der Zeitumstellung im Frühjahr und Herbst kommt wohl noch nicht im kommenden Jahr. Die EU-Staaten wollten mehr Vorlaufzeit, bestätigten EU-Diplomaten heute in Brüssel. Deshalb
Ende der Zeitumstellung wohl noch nicht 2019
26. November 2018
Hannover – Suchtprävention müsste nach Ansicht von Experten schon viel früher einsetzen als bisher. Arztpraxen, Kitas oder Sportvereine sollten dabei besser einbezogen werden, heißt es in einer Studie
Suchtprävention muss früher beginnen
7. November 2018
Berlin – Die Drogenbeauftragte der Regierung, Marlene Mortler (CSU), hat zu einem unverstellten Blick auf die Realität von Suchterkrankungen in Deutschland aufgerufen. „Jeder und jede in diesem Land
Drogenbeauftragte fordert Entstigmatisierung der Suchtkranken
7. November 2018
Bochum – Die EU-Kommission hat im Sommer dieses Jahres vorgeschlagen, ab kommendem Jahr den Wechsel zwischen Sommer- und Winterzeit abzuschaffen. Nachdem die EU und die DAK eine Umfrage zur
LNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

Anzeige
NEWSLETTER