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Politik

Verpflichtende Entscheidungslösung soll Organspendermangel beheben

Donnerstag, 31. Mai 2018

/dpa

Kiel – Schleswig-Holsteins Ge­sund­heits­mi­nis­ter Heiner Garg (FDP) will mit einer neuen Idee das Problem des Organspendermangels in Deutschland lösen. Ähnlich wie in den USA sollten die Menschen beim Beantragen von behördlichen Dokumenten wie Personalausweis, Reisepass oder Führerschein angeben müssen, ob sie im Fall ihres Todes Organspender sein wollen oder nicht, sagte Garg anlässlich des Tages der Organspende am 2. Juni.

Falls jemand bereit sei zur postmortalen Organspende, würde ein Sticker – etwa in Herzform – auf dem Dokument befestigt. Garg sprach von einer verpflichtenden Entscheidungslösung. „Das Recht auf Nichtentscheidung wäre bei dieser Lösung nicht mehr gegeben – und das ist von mir auch so gewollt“, sagte Garg.

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Vorschlag für Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz

Nach der bisher geltenden Entscheidungslösung muss sich niemand erklären, ob er Organspender sein will oder nicht. Nur wer sich aktiv dafür erklärt, gilt als Organspender. Garg selbst favorisiert die Widerspruchslösung, die in den Niederlanden und anderen europäischen Staaten gilt. Danach gelten alle Menschen als Organspender, es sei denn, sie haben sich ausdrücklich dagegen ausgesprochen.

Die Widerspruchslösung sei aber nach intensiven Debatten 2011/2012 auf starken Widerspruch gestoßen und in Deutschland gescheitert, sagte Garg. Über die eingeführte Entscheidungslösung wiederum würden jedoch nicht genügend Organspender gefunden, die Zahl sinke seit Jahren. Garg will für die Einführung einer „verpflichtenden Entscheidungslösung“ auf der Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz der Länder am 20./21, Juni in Düsseldorf bei seinen Länderkollegen und Bundesgesund­heitsminister Jens Spahn (CDU) werben.

Schnelle Einigung gefragt

Notwendig werde wahrscheinlich ein Gesetzgebungsverfahren, sagte Garg. „Ich glaube, dass mein Vorschlag relativ schnell umsetzbar wäre und auch von hohem Pragmatismus geprägt ist“, sagte der FDP-Politiker. „Es wäre eine gute Möglichkeit, sehr rasch dafür zu sorgen, dass mehr Menschen in Zukunft ein lebensrettendes Organ bekommen. Was ich nicht möchte, ist jetzt eine jahrelange Debatte über das Für und Wider zur Widerspruchslösung in dieser Legislaturperiode des Bundestages.“

Die USA hätten mit ihrem Modell die Zahl der Organspenden deutlich erhöht, betonte Garg. Es sei relativ simpel zu handhaben. Wer seine Bereitschaft zur Organspende nach einigen Jahren revidiere, müsse dies lediglich digital einem Melderegister mitteilen. Den Sticker könne man dann entfernen, ein neuer Ausweis oder Führerschein wäre nicht notwendig.

Die Sächsische Lan­des­ärz­te­kam­mer machte sich heute angesichts sinkender Spenderzahlen für mehr Aufklärung über Organspende stark. Man müsse irrationale Ängste und Vorurteile abbauen, sagte Lan­des­ärz­te­kam­merpräsident Erik Bodendieck. Zugleich befürwortete er die Abkehr vom Spenderausweis und stattdessen die Lösung, dass ohne ausdrücklichen Widerspruch einer Organspende zugestimmt wird. Deutschland müsse wie viele andere europäische Länder die Widerspruchslösung einführen, forderte er. Wichtig sei, schon zeitig über das Thema Organspende aufzuklären. Zuletzt hatte der Deutsche Ärztetag gefordert, die Wiederspruchslösung in das Transplantationsgesetz aufzunehmen. Auch die Ärztekammer Sachsen-Anhalt sprach sich heute für eine Widerspruchslösung aus.

Bei der Union stößt diese Lösung auf strikte Ablehnung. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Spahn hatte zuletzt aufgerufen, dass sich mehr Menschen in Deutschland über eine mögliche Organspende klar werden. Eine Auseinandersetzung mit dieser Frage müsse „für uns alle zur Selbstverständlichkeit werden“, hatte der CDU-Politiker gesagt.

In einer Umfrage der Barmer unter 1.000 Versicherten haben sich unterdessen 58 Prozent der Befragten für die Einführung der Widerspruchslösung ausgesprochen. Demnach beseitzen zudem 36 Prozent einen Organspendeausweis. Das sind sechs Prozentpunkte mehr als 2017 und deckt sich mit aktuellen Zahlen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Frauen haben mit 39 Prozent häufiger als Männer mit 31 Prozent einen Spenderausweis. Fast ein Drittel der Frauen (30 Prozent) hat sich schon einmal intensiv mit dem Thema Organspende beschäftigt. Bei den Männern ist es nur etwas mehr als jeder Fünfte (22 Prozent).

„Jeder soll frei und gut informiert entscheiden können und diese Entscheidung auf dem Organspendeausweis dokumentieren“, erklärte Barmer-Chef Christoph Straub. Mit Kampagnen allein werde man dem Thema jedoch nicht gerecht. Für mehr Vertrauen seien auch strukturelle Veränderungen nötig. „Wir brauchen strengere Qualitäts­vorgaben für Transplantationszentren, etwa durch gesetzlich fixierte Mindestmengen für Transplantationen“, forderte Straub. Zudem müssten Transplantationszentren und die mit der Nachsorge befassten Praxen enger zusammenwirken.

Rund 10.000 Menschen stehen in Deutschland auf den Wartelisten für ein Spender­organ. Im vergangenen Jahr erreichte nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) die Zahl der Organspender mit 797 einen Tiefpunkt. Weil im Todesfall oft mehrere Organe gespendet werden, erhielten 2.700 Menschen eine Organspende. © dpa/afp/aerzteblatt.de

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