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Medizin

Infektionen nach ambulanten Endoskopien häufiger als angenommen

Freitag, 1. Juni 2018

/sudok1, stock.adobe.com

Baltimore – Im Anschluss an Endoskopien des Gastrointestinaltrakts kommt es offenbar häufiger zu schweren Infektionen als bislang angenommen. Das Risiko ist laut einer Studie in Gut (2018; doi: 10.1136/gutjnl-2017-315308) nach diagnostischen Endoskopien höher als bei Screening-Untersuchungen.

Obwohl der Gastrointestinaltrakt zahlreiche Mikroorganismen enthält, wird das Infektionsrisiko allgemein als sehr gering eingestuft. Die Inzidenz schwerer Infektionen wird mit eins zu einer Million angegeben. Strenge Hygienemaßnahmen bei der Aufbereitung von Endoskopen und Zubehör sollen verhindern, dass Keime von einem Patienten auf den anderen übertragen werden.

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Welche Folgen eine Sicherheitslücke haben kann, musste vor drei Jahren eine Klinik in Kalifornien erfahren. Die Verwendung von zwei kontaminierten Duodenoskopen hatte zu einer Serie von schweren Infektionen mit Carbapenem-resistenten Enterobac­teriaceae geführt, an deren Folgen zwei Patienten starben. Die FDA hat seither die Anforderungen für die Reinigung der Endoskope erhöht.

Die Analyse von Versichertendaten aus sechs US-Staaten zeigt nun, dass das Problem offenbar größer ist als angenommen. Ein Team um Susan Hutfless von Johns Hopkins Medicine in Baltimore hat die Endoskopien an ambulanten Operationszentren mit Notfallaufnahmen oder ungeplanten Kranken­haus­auf­enthalten in der Zeit danach in Beziehung gesetzt.

Von 1.000 Patienten, bei denen eine Screening-Koloskopie durchgeführt worden war, mussten im Mittel 1,1 Patienten innerhalb der folgenden sieben Tage wegen einer schweren Infektion behandelt werden. Nach einer diagnostischen Koloskopie erkrankten 1,6 auf 1.000 Patienten. Nach einer Endoskopie des oberen Gastro­intestinaltrakts betrug die Inzidenz 3,0 auf 1.000 Untersuchungen. Am meisten gefährdet waren Patienten, die in der Zeit vor der Endoskopie in einer Klinik behandelt worden waren. Hutfless ermittelte eine Inzidenz von 45 auf 1.000 Screening-Endoskopien und von 59 auf 1.000 Endoskopien des oberen Gastrointestinaltrakts.

Allerdings sind nicht alle Infektionen auf die Endoskopien zurückzuführen. Die Inzidenz war jedoch höher als nach einem Mammographie-Screening, das mit keinerlei Infektions­risiko verbunden ist, weshalb die Inzidenz von 0,6 auf 1.000 Unter­suchungen als Hintergrundinzidenz gewertet werden kann.

Die gastroenterologische Endoskopie ist keinesfalls die einzige Untersuchung, die mit einen Infektionsrisiko verbunden ist. Auch nach Zystoskopien (4,4 auf 1.000 Untersuchungen) und Bronchoskopien (15,6 auf 1.000 Untersuchungen) kam es häufiger zu Infektionen.

Unter den einzelnen ambulanten Operationszentren gab es große Unterschiede. Das Infektionsrisiko nach einer Screening-Koloskopie schwankte zwischen 0 und 115 pro 1.000 Patienten. Bei diagnostischen Koloskopien reichte die Bandbreite von 0 bis 132 und nach Endoskopien des oberen Gastrointestinaltrakts von 0 bis 62 pro 1.000.

Die Ursache konnte die Untersuchung nicht klären. Ein Teil des Problems könnte laut Hutfless darin bestehen, dass in dem stark segmentierten Gesundheitswesen in den USA die ambulanten Zentren nicht erfahren, wenn die Patienten nach einer Infektion in anderen Kliniken behandelt werden und deshalb nur schwer Maßnahmen zur Qualitätssicherung durchführen können./rme © rme/aerzteblatt.de

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am Mittwoch, 13. Juni 2018, 12:11

Traum oder Wirklichkeit: Endoskopie ohne Infektionsgefahr

 
Das Problem der Kontamination im Anschluss an Endoskopien wird immer wieder durch neue Studien ins Bewusstsein gerufen.
 
https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/95585/Infektionen-nach-ambulanten-Endoskopien-haeufiger-als-angenommen
Wang P, et al. Gut 2018;0:1–11. doi:10.1136/gutjnl-2017-315308
Spätestens seit der Hygea-Studie vor 16 Jahren steht fest, dass in der Endoskopie die Hygiene ein Problem darstellt und Handlungsbedarf besteht. (1,2,3,4,5,6) Das im Endoskop fest eingebaute (integrierte) Kanalsystem lässt sich durch Wash-disinfectors nicht mit 100%er Sicherheit, d.h. hygienisch einwandfrei reinigen. (2)
Zu unterscheiden sind grundsätzlich Endoskope mit und ohne Arbeitskanäle (3). Bei Endoskopen ohne Kanalsystem reicht eine manuelle Reinigung mit anschließendem Einlegen in entsprechende Reinigungslösung aus, wie Untersuchungen gemeinsam mit P. Heeg belegen, wobei Dauer und Konzentration der Lösung wichtig sind (2).  
Die neuesten Untersuchungen im BMJ zeigen in einer sehr guten Zusammenstellung die Infektionszahlen nach Endoskopien in diagnostischem oder Vorsorge-Kontext.
Da nicht nur Ideen sondern auch weiterführende Vorarbeiten zur Lösung des Problems existieren, wäre eine Konzentration der Entwicklungsaktivität auf hygienisch sichere Endoskopie-Techniken wünschenswert (4). Sie könnte in Deutschland die Kontaminationsrisiken durch Endoskope beseitigen und zu einem Kapitel der Endoskopiegeschichte werden lassen, ohne dass die Bildqualität leidet. – Voraussetzung ist, dass das Zusammenspiel zwischen Ärzteschaft, Fachgesellschaften, Medizintechnik, Endoskop-Hersteller, Krankenkassen und Patientensicherheitsinstanzen funktioniert. (4,5,6,7,8,9,10).  
 
Lit: 
1. Bader L, Blumenstock G, Birkner B et al. (2002) Hygea: Studie zur Qualität der Aufbereitung von flexiblen Endoskopen in Klinik und Praxis, Z. Gastroenterol; 40: 157-70
2. Herrmann IF, Heeg P, Strahl HM, Werner HP, Boyce W, Giuli R (2008) Silent risks and hidden dangers in endoscopy: what to do now? Acta Endosc 5, 493-502
3. Boban J, Lenz P, Mellmann A, Herrmann IF. Endoscopy-associated infections – a comprehensive review of literature with analysis of transmission causes. Endoscopy 2018; 50(04): S109
4. Herrmann IF (2012) Ergänzung zu Kap.5.17: Hygienesicherheit durch neuartiges Verfahren: Einwegkanalsysteme werden an lumenlose flexible Endoskope gekoppelt. In: Kramer A et al (Hrsg): Krankenhaus- und Praxishygiene. Urban-Fischer-Verlag, München 2012 

5. Herrmann IF, Meisel M, Strahl HM (2012) Die neue Videopanendoskopie – flexibel, hygienisch und preiswert. Forum HNO 2012 (14) 208-12
6. Hervé R, Keevil CW (2013) Current limitations about the cleaning of luminal endoscopes. Journal of Hospital Infections; 83: 22-29 
7. Stephenson K (2016) Visual inspection of flexible endoscope working channels. Vendor Vantage; Communiqué; 66-8
8. Arens C, Herrmann IF, Rohrbach S, Schwemmle C, Nawka T (2015) Position Paper of the German Society of Oto-Rhino-Laryngology, Head and Neck Surgery and the German Society of Phoniatrics and Pediatric Audiology – Current State of Clinical and Endoscopic Diagnostics, Evaluation, and Therapy of Swallowing Disorders in Children and Adults. Laryngo-Rhino-Otol 2015; 94(S 01): 306-354

9. Wang P et al. (2018) Rates of infection after colonoscopy and esophagogastro-duodenoscopy in ambulatory surgery centres in the USA.  Gut; 0: 1-11. doi: 10.1136/gutjnl-2017-315308

10. Herrmann IF, Gadebusch Bondio M, Domagk D, Strahl M, Arens C (2018) Neue Wege der Funktionsendoskopie mit Retroflexion HNO im Druck  
  

Mit den besten Grüßen
Prof. Dr. C. Arens,
Prof. Dr. D. Domagk,
Prof. Dr. IF Herrmann,
Dr. M. Strahl
LNS

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