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Politik

Zahl der Behandlungsfehler weiter gesunken

Dienstag, 5. Juni 2018

/DoraZett, stockadobecom

Berlin – Sowohl die Zahl der vermuteten als auch die Zahl der bestätigten Behand­lungs­fehler ist im vergangenen Jahr im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Das geht aus der Jahresstatistik 2017 des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS) und des Medizinischen Dienstes der Kran­ken­ver­siche­rung (MDK) hervor, die heute in Berlin vorgestellt wurde. Demnach sank die Zahl der Gutachten des MDK von 14.828 im Jahr 2016 auf 13.519 im vergangenen Jahr. Die Zahl der von den Gutachtern bestätigten Behandlungsfehler sank im gleichen Zeitraum von 3.564 auf 3.337.

Die Gutachter des MDK prüfen bei vermuteten Behandlungsfehlern, ob ein Fehler vorlag, ob dieser Fehler zu einem Schaden geführt hat und ob der Schaden in einem Zusammenhang zu dem Behandlungsfehlervorwurf steht. In den 13.519 untersuchten Fällen fanden sie 3.778 Mal einen Fehler, der allerdings in 441 Fällen nicht zu einem Schaden geführt hat. Von den 3.337 Schäden standen 2.690 in einem kausalen Zusammenhang zu dem erhobenen Vorwurf.

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Ein Drittel aller Vorwürfe bezieht sich auf chirurgische Eingriffe

Zwei Drittel der Vorwürfe bezog sich auf Behandlungen im Krankenhaus, ein Drittel auf Behandlungen von niedergelassenen Ärzten. 31 Prozent aller Vorwürfe betrafen die Orthopädie und Unfallchirurgie, 13 Prozent die Innere Medizin und Allgemeinmedizin, neun Prozent die Allgemeinchirurgie, acht Prozent die Zahnmedizin, ebenfalls acht Prozent die Frauenheilkunde und fünf Prozent die Pflege. Dass sich so viele Vorwürfe auf chirurgische Eingriffe beziehen, liege daran, dass Behandlungsfehler in der Chirurgie von den Patienten leichter erkannt werden könnten als zum Beispiel Medikationsfehler, erklärte die Leitende Ärztin des MDK Bayern, Astrid Zobel. 

Am häufigsten bestätigten die MDK-Gutachter Fehlervorwürfe in der Pflege (49,8 Prozent), gefolgt von der Zahnmedizin (35,2 Prozent) und der Frauenheilkunde (27 Prozent). „Eine hohe Zahl an Vorwürfen lässt aber nicht auf eine hohe Zahl an tatsächlichen Behandlungsfehlern schließen und sagt auch nichts über das Risiko in einem Fachgebiet aus“, sagte Zobel.   

DKG: Krankenhäuser haben Fehlervermeidungsstrategien entwickelt

„Die vom MDK vorgelegten Zahlen unterstreichen, dass Behandlungsfehler sehr seltene Ereignisse sind“, kommentierte der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Georg Baum, in einer Pressemeldung. „Fest steht auch: Wo Menschen arbeiten, passieren Fehler.“

Deshalb hätten die Krankenhäuser in den vergangenen Jahren verstärkt Fehler­vermeidungs- und Risikominimierungsstrategien entwickelt, um in systematischer Form Fehler oder Risiken der Patientenversorgung zu verhindern. Ziel dabei sei es, Fehler durch strukturierte und kontrollierte Abläufe so weit wie möglich auszu­schließen. Komponenten seien dabei die Vermeidung von OP-Verwechslungen, die Nutzung von OP-Checklisten oder Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen. Zudem könnten die Mitarbeiter über ein Fehlermeldesystem anonym und sanktionsfrei Fehler melden. Diese würden transparent gemacht, um aus ihnen zu lernen.

Die Zahl der von Patienten erbetenen Gutachten infolge eines Behandlungsfehler­verdachts ging im zweiten Jahr in Folge zurück. 2015 lag sie noch bei 15.094. Die Zahl der bestätigten Behandlungsfehler lag in jenem Jahr bei 4.064. Dennoch zeigte sich der MDS unzufrieden. „Unsere Bilanz fällt ernüchternd aus“, meinte der Leitende Arzt und stellvertretende Geschäftsführer des MDS, Stefan Gronemeyer. Denn „wir sehen immer wieder die gleichen Fehler und zwar auch solche, die nie passieren dürften, weil sie gut zu vermeiden wären – vom im Körper vergessenen Tupfer bis hin zu Verwechslungen von Patienten und falschen Eingriffen.“

Zudem sei die Dunkelziffer hoch, meinte er. Schätzungen gingen von mehr als 100.000 Fällen aus. „Die in Deutschland verfügbaren Daten zu Behandlungsfehlern sind nicht repräsentativ für das Fehlergeschehen und erlauben daher kaum Rückschlüsse auf die Patientensicherheit“, sagte der Leiter Patientensicherheit beim MDS, Max Skorning. Er forderte eine Meldepflicht für „fehlerbedingte Schadensereignisse“. Diese sollten systematisch erfasst und analysiert werden, um gezielter Fehler vermeiden zu können.

Skorning verwies darauf, dass Arbeitsunfälle in Deutschland seit Jahrzehnten verpflichtend erfasst und ausgewertet würden. Seit 1996 habe sich die Unfallquote fast halbiert. Zudem verwies er auf das Ausland. „In anderen Ländern ist es so, dass die Leistungserbringer selbst verpflichtet sind, Behandlungsfehler zu melden“, sagte er. „Diese Informationen gehen an eine unabhängige zentrale Stelle, die die Daten anonymisiert.“ Trotzdem könnten auf diese Weise belastbare Zahlen generiert werden.

Linke fordert Beweislastumkehr vor Gericht

Auch die Sprecherin der Linksfraktion für Arzneimittelpolitik und Patientenrechte, Sylvia Gabelmann, forderte in einer Pressemitteilung die Einrichtung eines Behandlungsfehlerregisters. Daraus könnten die Behandelnden lernen und Fehler vermeiden.

Auch sie sprach von einer hohen Dunkelziffer. Realistisch müsse man von 500.000 bis einer Million Behandlungsfehler pro Jahr ausgehen, behauptete sie. Dafür verantwortlich seien nicht zuletzt der Personalmangel und der Druck, der auf den Beschäftigten in den Kliniken laste. Sie forderte, den geschädigten Patienten schnell und unbürokratisch zu helfen. Dafür müsse ein Entschädigungsfonds eingerichtet werden.

Schließlich forderte Gabelmann, dass nicht mehr Patienten vor Gericht beweisen müssten, dass sie einen Schaden erlitten hätten, sondern dass die Ärzte darlegen müssten, dass der Schaden unabwendbar gewesen sei und auch bei Einhaltung des Facharztstandards nicht auszuschließen gewesen wäre. „Falls sie das nicht können, sollten sie zu Schadensersatz verpflichtet werden“, meinte sie.

Im April hatte auch die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Ingrid Fischbach, angekündigt, die Regeln für Nachweise von Behandlungsfehlern auf den Prüfstand stellen zu wollen. „Um für einen gerechten Ausgleich zwischen Patienten und Behandlern zu sorgen, sollte das Beweis­maß für den Ursachenzusammenhang zwischen Fehler und Gesundheitsschaden auf die überwiegende Wahrscheinlichkeit abgesenkt werden“, hatte sie erklärt. © fos/aerzteblatt.de

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