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Politik

Klinikvertreter berichten über Ausmaß des Pflegenotstands

Freitag, 8. Juni 2018

/dpa

Berlin – Der Pflegenotstand im Krankenhaus ist Realität. Darauf verwiesen Experten gestern auf dem Hauptstadtkongress in Berlin. „Wir können heute 120 der 2.000 Vollzeitstellen im Pflegedienst nicht besetzen“, sagte der Pflegedirektor des Universitätsklinikums Münster, Thomas van der Hooven. „Die Folge ist: Wir haben aktuell circa 50 Betten geschlossen. 12 Prozent unserer OP-Saal-Kapazitäten können wir nicht nutzen. Das hat natürlich auch Folgen für das wirtschaftliche Ergebnis.“

Der Vorstandsvorsitzende des Albertinen-Diakoniewerks aus Hamburg, Matthias Scheller, berichtete aus seinem Haus: „Wir mussten Betten schließen und wir mussten geplante Operationen absagen, weil wir nicht genügend Pflegekräfte haben.“ Im Pflegebereich „befinden wir uns in der Bundesrepublik in einer Negativspirale“. Durch den Personalmangel bei steigenden Fallzahlen komme es zu einer Arbeitsverdichtung, die wiederum noch mehr Pflegekräfte veranlasse, ihre Arbeitszeit zu verkürzen oder ganz aus dem Beruf auszusteigen. „Dieses Problem wurde von vielen Vorständen unterschätzt, die gehofft haben, dass es sie schon nicht treffen werde“, meinte Scheller. Doch „ich befürchte, dass wir das Ende der Abwärtsspirale noch nicht erreicht haben.“

Krankenhäuser suchen verstärkt Pflegekräfte im Ausland

Van den Hooven erklärte, wie das Universitätsklinikum Münster auf die Situation reagiert: „Wir sprechen Pflegekräfte an, die schon in Rente gegangen sind, oder Pflegekräfte, die unser Haus verlassen haben, ob sie nicht zu ihrer Arbeit bei uns zurückkehren wollen. Wir haben die Ausbildungszahlen aufgestockt. Und wir akquirieren Pflegekräfte in anderen Ländern.“ In diesem Jahr habe das Klinikum circa 200 Vollzeitstellen mit Pflegekräften aus dem Ausland besetzt: aus Vietnam, Brasilien, Kolumbien oder Italien. „Wir unternehmen enorme Anstrengungen in diesem Bereich“, sagte van den Hooven. „Das ist sehr aufwendig und kostenintensiv. Aber wir müssen das tun. Denn in Deutschland kriegen wir keine Pflegekräfte mehr.“ Und kaufmännisch betrachtet sei es noch teurer, Krankenhausbetten zu schließen.

Ähnlich ist es auch beim Albertinen-Diakoniewerk. „Wir akquirieren Pflegekräfte in Italien, Spanien, Portugal oder den Philippinen“, sagte Scheller. „Zudem kümmern wir uns um Wohnungen in Hamburg. Das ist ein wichtiger Faktor. Wir haben etwa 800 Wohnungen in unserem Bestand, die wir unseren Pflegekräften anbieten können.“ Zudem versuche das Diakoniewerk, Auszubildende an das Haus zu binden, damit diese nach Abschluss der Ausbildung bleiben. 

Vivantes hat Ausbildungskapazitäten verdoppelt

„Wir haben massiv unsere Ausbildungsplätze erhöht“, berichtete die Vorsitzende der Geschäftsführung des Berliner Krankenhausunternehmens Vivantes, Andrea Grebe. „Wir haben die Kapazitäten verdoppelt.“ Zudem habe Vivantes gute Erfahrungen damit gemacht, Pflegekräfte aus Vietnam zu beschäftigen.

Der Vorstandsvorsitzende der Rhön-Klinikum AG, Stephan Holzinger, erklärte: „Pflegekräfte aus dem Ausland haben ein anderes Selbstbewusstsein. Sie sind es gewöhnt, andere Aufgaben zu erledigen. In Deutschland fühlen sie sich unter Wert verkauft in einem Umfeld, in dem es Pflegekräften an Selbstbewusstsein mangelt. Mir ist nicht verständlich, dass eine so wichtige und so große Berufsgruppe ein so unterentwickeltes Selbstbewusstsein mit sich bringt.“ Zudem funktioniere die kulturelle Integration häufig nicht.

Neue Aufgabenverteilung gefordert 

Die Experten mahnen Strukturveränderungen an, um dem Pflegemangel zu begegnen. „Wir haben einen fantastischen Beruf, doch die Rahmenbedingungen sind nicht die, die wir uns wünschen“, sagte der gelernte Krankenpfleger van den Hooven. „Wir brauchen strukturelle Veränderungen und darin eine deutliche Stärkung der Pflege. Zusammen mit den anderen Berufsgruppen müssen wir uns überlegen, wie wir die Aufgaben besser verteilen können.“

Ihm geht es dabei jedoch nicht allein um die Aufgabenverteilung zwischen Ärzten und Pflegekräften. „Wir haben heute im Krankenhaus viele Hilfskräfte: Servicekräfte, Transportdienst, MFAs. Die können auch Arbeiten von Pflegefachkräften übernehmen – wenn auch vielleicht nicht in derselben Qualität wie eine ausgebildete Pflegekraft.“ Dennoch müssten Pflegekräfte bereit sein, auch andere Berufsgruppen zu akzeptieren.

Pflegekräfte müssten selbst Erlöse erwirtschaften

Van den Hooven wünscht sich eine Umgestaltung des DRG-Systems – aber eine andere als die, die die Bundesregierung anstrebt. Union und SPD wollen die Pflegekosten aus den DRGs herausrechnen lassen und extra vergüten. Van den Hooven fordert hingegen, dass die Pflege einen Wert im DRG-System bekommen müsse. „Heute ist die Pflege nur ein Kostenbestandteil, sie trägt aber nicht direkt dazu bei, dass das Krankenhaus Erlöse erwirtschaftet“, sagte er. Wenn sie dazu beitragen würde, stände die Pflege heute anders da.

Heiko Mania meinte, mithilfe von digitaler Unterstützung sei es möglich, im pflegerischen Bereich Erlöse zu generieren. Mania ist geschäftsführender Gesellschafter der NursIT Institute GmbH, die Prozessoptimierung für die Pflege anbietet. Wenn dies gelinge, müsse man nicht von Kosten im Pflegebereich sprechen, sondern davon, dass die Pflege ein Krankenhaus im Bereich der Pflege entlaste.

Ausmaß der Pflegedokumentation nicht mehr erträglich

Mania kritisierte, dass der Pflegebereich im Krankenhaus zu schlecht digitalisiert sei. „In nur 27 Prozent der Krankenhäuser ist die Arbeit der Pflegekräfte digitalisiert“, sagte er. „Die anderen arbeiten noch mit Papier und Bleistift und sie müssen sich mit Medienbrüchen, Nacharbeiten und Wartezeiten herumschlagen.“ So würden zum Beispiel vielerorts die Vitalwerte von Patienten noch nicht automatisch in das System übernommen. „Heute verbringen Pflegekräfte bis zu 70 Prozent ihrer Arbeitszeit mit dem Dokumentieren“, kritisierte Mania. Mithilfe der Digitalisierung müsse dieser Dokumentationswahnsinn reduziert werden.

Auch Holzinger von der Rhön-Kliniken AG sprach sich dafür aus, die Pflegedoku­mentation zu verringern. „Pflegekräfte entscheiden sich aufgrund ihrer hohen Empathie für den Beruf“, sagte er. Die Pflegedokumentation sei mittlerweile so sehr ausgeufert, dass es nicht mehr erträglich sei. „Das müssen wir ändern“, forderte er. „Wir brauchen mehr Empathie und weniger Bürokratie.“

Rhön arbeitet mit digitaler Anamnese

„Mehr digitale Prozesse in der Pflege finde ich super“, betonte Scheller vom Albertinen-Diakoniewerk. „Das Problem ist aber, dass sie nicht finanziert werden. Wir sollten das Geld, das die Politik jetzt für 13.000 neue Pflegekräfte ausgeben will, die es auf dem Markt gar nicht gibt, lieber in die Optimierung digitaler Prozesse stecken, um die Pflegekräfte zu entlasten, die heute bei uns arbeiten.“

Holzinger berichtete davon, dass die Rhön-Kliniken derzeit massiv in den Ausbau der Digitalisierung investierten. „Im ärztlichen Bereich arbeiten wir heute mit einer digitalen Anamnese, bei der den Ärzten in Sekundenschnelle sämtliche Patientendaten zur Verfügung gestellt werden.“ Zudem werte eine intelligente Software die täglichen Laufwege der Pflegekräfte aus und errechne die günstigsten Routen. Dabei werde auch nach Dringlichkeit unterschieden, wenn Patienten nach einer Pflegekraft klingelten: „Ist es ein Notfall, braucht der Patient ein neues Medikament oder möchte er nur eine neue Blumenvase haben.“

Weiterhin beschäftige sich Rhön derzeit auch mit Themen wie der Pflegerobotik oder der Arbeit mit Exoskeletten. In Japan gebe es zum Beispiel bereits intelligente Pflegebetten, die Patienten selbst umbetten oder sie zur Arztvisite fahren. Und zur Behandlung von Demenzkranken gebe es puppenähnliche Roboter, die mithilfe von Sensoren die Vitaldaten der Patienten messen, wenn diese die Puppe umarmen. Stimme und Mimik der Roboter seien dabei der Stimme und der Mimik der Angehörigen nachempfunden. Zudem befasse sich Rhön mit Exoskeletten, die die Pflegekräfte beim Heben schwerer Patienten unterstützen. „Nicht alle diese Technologien sind allerdings in Deutschland kulturell verträglich“, sagte Holzinger.

Kritik an Pflegepersonaluntergrenzen

Die Experten sprachen sich darüber hinaus gegen die Einführung von Pflegepersonal­untergrenzen aus, die die Politik plant. „Ich bin gegen starre Grenzen“, sagte Scheller. „Denn die Menschen, die wir einstellen sollen, gibt es auf dem Arbeitsmarkt ja gar nicht. In Hamburg haben wir zusammen mit Asklepios und dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf ausgerechnet, dass wir 25 Prozent unserer Patienten in der Herzchirurgie gar nicht mehr versorgen könnten, wenn die Personaluntergrenzen sofort kommen würden.“

Scheller sprach zudem das Problem der unzureichenden Investitionskosten­finanzierungen durch die Bundesländer an. „In Hamburg haben wir eine Investitionsquote von circa sechs Prozent, in Berlin liegt sie bei circa drei Prozent. Eigentlich müsste sie zwischen acht und zehn Prozent liegen. Jeder Gesundheits­minister schiebt neue Themen an, doch das eigentliche Problem, das Problem der unzureichenden Investitionskostenfinanzierung, wird nicht gelöst.“ © fos/aerzteblatt.de

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