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Medizin

Pest wurde schon in der Bronzezeit durch Flöhe übertragen

Montag, 11. Juni 2018

Pesterreger (Yersinia pestis) /dpa

Jena – Die Beulenpest, die zur Zeit des oströmischen Kaisers Justinian eine verheerende Epidemie auslöste und später im Mittelalter als Schwarzer Tod ganze Landstriche entvölkerte, war bereits in der Bronzezeit verbreitet. Dies zeigen genetische Analysen an 2 Skeletten, die laut einem Bericht in Nature Communications (2018; 9: 2234) vor etwa 3.800 Jahren in der Region Samara im heutigen Russland begraben wurden. 

Der Pesterreger, den Alexandre Yersin 1894 entdeckt hat, ist ein Verwandter des für den Menschen meist harmlosen Durchfallerregers Y. pseudotuberculosis. Beide waren lange auf in Wäldern lebende Nagetiere beschränkt, bis Y. pestis einige Virulenz­faktoren erwarb, die beim Menschen zu vernichtenden Infektionen führen. Zu den Pestepidemien kam es jedoch erst, als Y. pestis sein Erbgut um weitere Gene ergänzte, die es dem Erreger erlaubten, Flöhe als Überträger zu nutzen. Dies bereitete den Boden für die Justinianische Pest, die Historiker für den Untergang des römischen Weltreiches mit verantwortlich machen, und für die Pestepidemien, die die mittel­alterliche Ordnung in Europa erschütterten.

Das Genom von Y. pestis konnte bereits 2002 entschlüsselt werden und die Forscher haben heute ein klares Bild von den für die Virulenz und Pathogenität verant­wortlichen Faktoren. In den letzten Jahren wurden in Skeletten mehrfach genetische Spuren des Erregers entdeckt, die allmählich eine Rekonstruktion der Entwicklungs­geschichte des Erregers ermöglichten. Der jüngste Fund stammt aus einem Gräberfeld in der Nähe von Samara, einer Stadt an der Wolga nahe der russischen Steppe. In der Zahnpulpa von 2 von 9 Skeletten wurden neben menschlichen Genen auch jene von Y. pestis gefunden, die ein Team um Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena genauer analysieren konnte.

Sie stießen dabei auf das ymt-Gen, das es den Bakterien ermöglicht, im Mitteldarm von Flöhen zu überleben. Diese Eigenschaft fehlte anderen Genomen, die in den letzten Jahren isoliert werden konnten. Das Überleben von Y. pestis im Darm der Flöhe ist Voraussetzung für die Beulenpest, die durch den Biss der Flöhe übertragen wird. Dabei gelangen die Erreger in die Haut des Menschen, von wo aus sie mit der Lymphe in die Lymphknoten transportiert werden. Die Proliferation der Bakterien, die zu einer Vergrößerung und durch Einblutungen zur bläulich-schwarzen Verfärbung der „Bubonen“ führt, ist Ausgangspunkt einer Sepsis, die unbehandelt zum Tod der meisten Patienten führt.

Der Nachweis der Y.-pestis-Gene in den Zähnen der Skelette lässt vermuten, dass die Pest bei ihnen die Todesursache war. Dass gleich 2 Personen an gleicher Stelle begraben wurden, deutet darauf hin, dass die Pest bereits vor 3.800 Jahren in der Bronzezeit verbreitet war. Es waren aber sicherlich nicht die ersten Opfer der Pest gewesen. Die beiden Opfer waren mit genetisch unterschiedlichen Bakterien infiziert. Die Forscher schätzen, dass der gemeinsame Ahn der beiden Bakterien noch einige Jahrhunderte bis Jahrtausende früher entstanden ist. 

Da die Erreger (fast) alle Gene der heutigen Erreger enthalten, sind sie vermutlich die Vorfahren der heutigen Stämme, welche die Justinianische Pest, den Schwarzen Tod und die Pestepidemien des 19. Jahrhunderts in China auslösten. Dass die Pest keineswegs ausgestorben ist, zeigte sich im letzten Jahr, als es in Madagaskar zu einem Ausbruch mit mehreren Tausend Erkrankten kam. © rme/aerzteblatt.de

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