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Medizin

Pille statt Operation? Medikament vermindert Glucose­resorption im Darm

Dienstag, 12. Juni 2018

/Brigham and Women's Hospital and Randal Mckenzie

Boston – Eine chemische Modifikation von Sucralfat, einem seit den 1980er-Jahren eingesetzten Schleimhautprotektivum, hat in präklinischen Studien in Nature Materials (2018; doi: 10.1038/s41563-018-0106-5) die Glucoseresorption im Darm vermindert. Die Forscher hoffen, dass das Mittel eine ähnliche Wirkung erzielen könnte wie eine Adipositasoperation.

Eine Verkleinerung des Magens und die Verkürzung der Resorptionsstrecke im Darm haben sich als die effektivste Methode zur Behandlung einer Adipositas erwiesen. Bisher kann dieser Effekt nur durch eine Operation erzielt werden. Sie hat sich in klinischen Studien auch als erfolgreich erwiesen. Bei vielen Patienten konnte ein Typ-2-Diabetes „geheilt“ werden – oft bevor die Patienten an Gewicht verloren. Viele Patienten schrecken allerdings vor einem chirurgischen Eingriff zurück, der nicht völlig frei von Risiken ist und dessen Folgen nicht rückgängig gemacht werden können.

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Eine Alternative könnte nach Ansicht von Jeffrey Karp vom Brigham and Women's Hospital in Boston ein Medikament sein, dass die Schleimhaut bedeckt und dadurch vorübergehend die Resorption von Glucose verhindert. Ein solcher Wirkstoff steht im Prinzip seit Längerem mit dem Schleimhautprotektivum Sucralfat zur Verfügung. Das Mittel wird zum Schutz der Magenschleimhaut bei Patienten mit floridem Ulkus eingesetzt. Die Mischung aus einem anionischen Saccharosesulfat und einem kationischen Polyaluminium-Komplex haftet großflächig an der Magenschleimhaut und verhindert dadurch, dass sich Magengeschwüre vergrößern. 

Im Darm bildet Sucralfat jedoch keinen Schutzfilm, sondern kleine Aggregate, die die Schleimhaut nicht schützen und auch die Resorption der Nährstoffe nicht behindern. Dass Sucralfat nur im Magen wirkt, hängt mit der Magensäure zusammen, die an die Hydroxylgruppen von Sucralfat bindet und dadurch die Aggregatbildung verhindert. Damit Sucralfat auch die Darmschleimhaut bedeckt, haben die US-Forscher das Mittel bereits vor der Einnahme mit Salzsäure vorbehandelt. Die neue Formulierung lässt sich nach einer Dehydrierung als Pulver in säurefesten Kapseln verpacken, die dafür sorgen, dass LuCI („luminal coating of the intestine“) erst im Dünndarm aktiv wird. 

Erste Experimente an Ratten zeigen, dass LuCI die Glucoseresorption vermindert. In einem klassischen oralen Glucosetoleranztest wurden die postprandialen Glucosespitzen gesenkt. LuCI hätte gegenüber der Operation den Vorteil, dass der Effekt nach wenigen Tagen reversibel ist, weil LuCI wie Sucralfat allmählich über den Darm ausgeschieden wird. Sucralfat hat sich in klinischen Tests als sicher erwiesen. Ob dies auch für LuCI gilt, müsste zunächst in klinischen Studien untersucht werden. Dort würde sich auch zeigen, ob der Effekt auf den Blutzucker ebenso ausgeprägt ist wie nach einer bariatrischen Operation. © rme/aerzteblatt.de

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