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Politik

Immer mehr Menschen ratlos über das Gesundheitswesen

Dienstag, 12. Juni 2018

/contrastwerkstatt, stockadobecom

Berlin – Die Unabhängige Patientenberatung hat 2017 deutlich mehr Menschen rund um Fragen zum Gesundheitswesen beraten als im Vorjahr. Laut dem Bericht „Monitor Patientenberatung 2017“ haben 154.931 Beratungen stattgefunden, 2016 waren es noch 93.827 Beratungen, die hauptsächlich telefonisch, aber weiterhin oft auch persön­lich stattfinden. Auch die Themen sind seit Jahren ähnlich: Fragen zum Krankengeld, zu vermuteten Behandlungsfehlern sowie zur Durchsetzung von Rechten der Versicherten gegenüber Krankenkassen.

„Wir können hier gut sehen, wie Patienten das Gesundheitswesen wahrnehmen“, erklärte der UPD-Geschäftsführer Thorben Krumwiede bei der Vorstellung des Monitors heute in Berlin. Seit Jahren stehen Fragen und Probleme rund um das Thema Krankengeld sehr weit oben auf der Beratungsliste. Die Zahl der Beratungen hierzu ist vom Jahr 2016 mit 10.193 Beratungen auf 14.334 Beratungen im Jahr 2017 gestiegen.

Patienten müssen zu oft beraten werden

Hier gebe es immer wieder Probleme mit Lücken in der Arbeitsunfähigkeits­bescheinigung (AU) und weiteren Zahlungen von Krankengeld. Krumwiede sowie der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Ralf Brauksiepe, appellierten an die Krankenkassen, hier die Regeln einzuhalten und besser mit den Patienten über ihre Rechte zu kommunizieren. Auch forderten sie Ärzte auf, bei AU-Bescheinigungen darauf zu achten, dass keine Lücken entstehen. Dies könne für Patienten bedeuten, dass sie keinen Anspruch auf Krankengeld mehr haben.

„Auch müssen wir zu Themen wie Patientenrechte, Behandlungsfehler und Rechte auf Hilfsmittel noch viel zu oft die Patienten beraten“, sagt Krumwiede. Er macht dabei vor allem zwei Probleme ausfindig: Die großen Kommunikationsdefizite seitens Kranken­kassen, Ärzten und Krankenhäusern mit den Versicherten und Patienten. Hier müsse noch einiges geschehen, mahnt auch der Patientenbeauftragte. „Wir haben schon ein hohes Maß an Regelungsdichte. Es wäre aber schon viel gewonnen, wenn sich alle Akteure im Gesundheitswesen an die bestehenden Gesetze halten würden“, so Brauksiepe.

Fehlende Gesundheitskompetenz

Das zweite Thema, das UPD-Geschäftsführer Krumwiede als problematisch ansieht, ist die fehlende oder unvollständige Gesundheitskompetenz bei Patienten. Hier fehle es oft an gesundheitsrechtlichem Wissen, ebenso, wie medizinische Sachverhalte richtig eingeordnet werden und auf die persönliche Lebenssituation angewendet werden müssen. Deshalb sei die UPD unverzichtbar, um Patienten Hilfe bei der richtigen Einordnung zu bieten. „Die Defizite bei der Gesundheitskompetenz schmälern die Leistungsfähigkeit des deutschen Gesundheitssystems“, so Krumwiede.

Krankenkassen müssen besser kommunizieren

Er beklagte auch die widersprüchliche Kommunikation von Krankenkassen, wenn Versicherte ihre Ansprüche den Kassen gegenüber durchsetzen wollen. Hier wird mit Sorge betrachtet, dass immer mehr Krankenkassen den Versicherten Zwischenin­formationen schicken, die wie Entscheidungen aussehen. Zusätzlich werde in diesen Briefen nicht ausführlich aufgeklärt, welche rechtlichen Wege ein Versicherter hätte, würde er die ihm zustehenden Rechte ausschöpfen. „Verharmlosende Schreiben, die die Versicherten nicht eindeutig über ihre echten Rechte informieren und nach dem Eindruck der Ratsuchenden stattdessen häufig Lösungen anbieten, die für die Kassen günstiger sind, stehen nicht im Einklang mit den eigentlichen Aufgaben unserer Krankenkassen“, so Krumwiede.

Auch berät die UPD nach eigenen Angaben immer öfter zum Thema „Zugang zum Gesundheitswesen“, da Patienten den richtigen Arzt oder das richtige Krankenhaus suchen. 

„In der Beratung bemerken wir, wenn es gesetzgeberische Änderungen gibt“, so Krumwiede. So sei nach Inkrafttreten der Psychotherapie-Richtlinie der Beratungs- und Aufklärungsbedarf dazu sprunghaft angestiegen. Ähnliches gelte auch für die Verschreibung von medizinischem Cannabis.

Der Patientenbeauftragte Brauksiepe erklärte bei der Vorstellung des Monitors, er wolle mit den Daten und Fakten nun das Gespräch mit allen Beteiligten im Gesundheitswesen suchen, um hier auch ohne weitere Gesetzgebung Lösungen zu suchen.

Der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, wolle besonders die im UPD-Monitor beklagten Probleme in der Pflege angehen, kündigte er in einer Mitteilung an. „Richtig ärgerlich finde ich aber, dass der seit 2015 ausgeweitete Entlastungsbetrag der Pflegeversicherung von monatlich 125 Euro zum Beispiel für eine Haushaltshilfe aber auch Dienstleistungen wie zum Beispiel Besorgungen, Vorlesen oder Spazierengehen oft nicht abgerufen werden kann und damit verfällt“, so Westerfellhaus. Oftmals fehle das Angebot vor Ort und es gebe hohe Anforderungen der Länder. „Hier werde ich zeitnah auf die Länder zugehen, damit sie die Zulassungsvorraussetzungen stärker am Bedarf der Pflegebedürftigen ausrichten.“

Auch die Grünen im Bundestag fordern Verbesserungen für Versicherte: „Wir wollen Bewertungsportale, die spezifische qualitative Leistungsangebote und den Umgang mit Antragsleistungen transparent machen“, erklärte die gesundheitspolitische Sprecherin der Fraktion, Maria Klein-Schmeink. „Es muss sich für die Krankenkasse lohnen, sich für eine gute Versorgung vor Ort zu engagieren.“ Beim Thema Behandlungsfehler forderte sie die Union zum Umdenken auf und wiederholte ihre Vorstellungen zur Gründung eines Härtefallfonds.  © bee/aerzteblatt.de

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