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Bauchaorten­aneurysma: Rückgang der Raucher stellt Nutzen des Screenings infrage

Montag, 18. Juni 2018

/auremar, stockadobecom

Göteborg – Eine sinkende Zahl von männlichen Rauchern, die die wichtigste Risikogruppe für das Bauchaortenaneurysma sind, könnte das Ultraschallscreening auf die lebensgefährliche Ausweitung der Hauptschlagader auf Dauer überflüssig machen. Nach einer Studie im Lancet (2018; 391: 2441–2447) besteht bereits heute in Schweden ein Missverhältnis zwischen einer hohen Zahl von Überdiagnosen und einem nicht signifikanten Rückgang der Sterblichkeit durch das Screening.

Die Evidenz des Screenings, das nach den USA, Großbritannien und Schweden seit Anfang des Jahres auch in Deutschland eingeführt wurde, gründet sich auf die Ergebnisse aus 4 randomisierten kontrollierten Studien, die in den 1980er- und 1990er-Jahren durchgeführt wurden. Damals gab es weitaus mehr Männer als heute, die über Jahrzehnte ihre Blutgefäße durch Tabakrauchen geschädigt haben. In Schweden ist die Zahl der Raucher von 44 % in 1970 auf 15 % in 2010 zurückgegangen.

Dies hatte zur Folge, dass in Schweden ein Rückgang der Todesfälle am Bauchaorten­aneurysma bereits 10 Jahre vor der Einführung des Screenings eingesetzt hat. Zwischen den frühen 2000er-Jahren und 2015 kam es zu einem Rückgang von 36 auf 10 Todesfälle pro 100.000 Männer im Alter von 65 bis 74 Jahren.

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Da das Screening in Schweden nicht sofort landesweit, sondern zwischen 2006 und 2015 nach und nach in den einzelnen Bezirken des Landes eingeführt wurde, konnten Minna Johansson von der Universität Göteborg und Mitarbeiter den Einfluss einer sinkenden Anzahl männlicher Raucher von der Effektivität des Screenings trennen. 

Der Rückgang der Mortalität setzte sich nach 2006 in allen schwedischen Bezirken in ähnlicher Weise fort und zwar auch dort, wo das Screening noch nicht angeboten wurde. Das Screening scheint den Rückgang etwas beschleunigt zu haben. Die von Johansson ermittelte adjustierte Odds Ratio von 0,76 verfehlte mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,38 bis 1,51 jedoch das Signifikanzniveau, sodass ein Vorteil streng genommen nicht belegt werden konnte.

Der Vorteil wäre zudem gering gewesen. Laut Johansson hat das Screening (und die darauffolgende Operation) gerade einmal 2 von 10.000 Männern vor einem Tod am Bauchaortenaneurysma bewahrt. Nach den Ergebnissen der MASS-Studie, der größten der 4 randomisierten Studien, hätte das Screening in 7 Jahren 27 Todesfälle am Bauchaortenaneurysma vermeiden sollen. 

Dem begrenzten Nutzen standen nach den Berechnungen von Johansson 49 auf 10.000 Männer gegenüber, bei denen durch das Screening ein Bauchaortenaneurysma entdeckt wurde, das unbehandelt niemals zum Tode geführt hätte (Überdiagnose), und 19 von 10.000 Männer wurden unnötigerweise einer Operation unterzogen, die nicht ohne Risiken ist (Übertherapie).

Für Johansson stellen diese Ergebnisse das Screening zumindest für Schweden infrage. Sie schlägt vor, das Screening, an dem sich derzeit über 80 % aller älteren Männer beteiligen, auf aktuelle oder ehemalige Raucher oder Männer mit anderen Betroffenen in der Familie zu beschränken, die das höchste Erkrankungsrisiko haben. 

Es ist jedoch auch möglich, dass die Vorteile des Screenings nach 6 Jahren noch nicht erkennbar sind. Anders Wanhainen von der Universität Uppsala und Mitarbeiter kamen in einer früheren Analyse in Circulation (2016; 134: 1141–1148) zu dem Ergebnis, dass durch das Screening nach 10 Jahren einem von 667 gescreenten Männern und einem von 1,5 operierten Männern das Leben gerettet werde. Die Kosten für jedes gewonnene Lebensjahr betrugen 7.770 Euro, was weit unter der Grenze liegt, die für ein kosten-effektives Screening gefordert wird. © rme/aerzteblatt.de

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