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Kinderärzte beklagen zu wenig Zeit für junge Patienten mit psychosomatischen Störungen

Freitag, 22. Juni 2018

/goodmoments, stockadobecom

Berlin – Kinder- und Jugendärzte in Deutschland verfügen über immer weniger Ressourcen, um der steigenden Anzahl von Patienten mit psychosomatischen Störungen nachhaltig zu helfen. „Wir sehen viele Kinder mit Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, gestörtem Essverhalten und anderen psychosomatischen Störungen.

Den Ursachen dafür auf den Grund zu gehen, braucht Zeit, auch für Gespräche mit der Familie“, sagte Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte Deutschlands (BVKJ) heute vor Beginn des 48. Kinder- und Jugendärzte­tages in Berlin. Zeit, die kaum vorhanden sei. „Wir sind infolge der chronisch mangelhaften Versorgungsplanung der Politik zurzeit mehr als überlastet“, betonte der Kinder- und Jugendarzt aus Solingen.

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Jedes fünfte Kind zeigt psychische Auffälligkeiten

Zwar nehmen psychosomatische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen laut Klaus-Michael Keller, wissenschaftlicher Leiter des Kinder- und Jugendärztetages grundsätzlich nicht zu, betroffene Familien suchten aber vermehrt die Praxen auf. „Rund 17 Prozent der drei- bis 17-Jährigen in Deutschland, also jedes fünfte Kind, zeigen psychische Auffälligkeiten“, berichtete Keller mit Blick auf die „Bella-Studie“, die Befragung zum seelischen Wohlbefinden und Verhalten, einem Modul der KiGGS-Studie, des Kindergesundheitssurveys des Robert-Koch-Instituts. Rund 17.600 Kinder und Jugendliche werden seit 2003 dabei fortführend zu ihrem Gesundheitszustand befragt.

Nur knapp 22 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit psychischen Auffälligkeiten hatten in den letzten zwölf Monaten Kontakt zu Kinder- und Jugendpsychiatern oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, berichte Keller weiter. „Die Gründe hierfür sind Versorgungslücken, Erreichbarkeit von Angeboten oder fehlendes Wissen der Eltern, wohin sie sich wenden sollen.“ Rund 88 Prozent der betroffenen Heran­wachsenden seien jedoch „zum Glück“ Kinder- und Jugendärzten oder Hausärzten vorgestellt worden.

Überforderte Eltern, Armut, unkontrollierbarer Medienkonsum

Die Gründe für psychische Auffälligkeiten von Kindern und Jugendlichen sieht BVKJ-Präsident Fischbach unter anderem in „überforderten Eltern, die zwischen Beruf und Kindererziehung aufgerieben werden“. Viele Kinder lebten in von Armut geprägten chaotischen Lebensverhältnissen ohne adäquate Entwicklungsanregung, dafür aber mit unkontrollierbarem Medienkonsum. Auch neue Formen von Gewalt, wie Cybermobbing, spielten zunehmend eine Rolle.

Neue Kassensitze und weniger Bürokratie

In Ermangelung von Hilfsstrukturen würden die betroffenen Kinder dann zum Arzt geschickt, erklärte Fischbach. „Wir kennen dabei die Grenzen psychosomatischer Grundversorgung und überweisen bei Bedarf an die Spezialisten“, betonte er. Doch Psychiater und Psychotherapeuten hätten oftmals lange Wartezeiten. Für seine Fachgruppe jedenfalls forderte der BVKJ-Präsident „neue Kassensitze in schlecht versorgten Gebieten, in Städten ebenso wie auf dem Land“. Ebenso brauche es motivierte junge Kollegen, die diese auch besetzen wollen. Zudem müsse der „ausufernde Bürokratiewahn“, der einen Großteil der Arbeitszeit und -kraft einnehme, ein Ende finden. © PB/aerzteblatt.de

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