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Ärzteschaft

Sprechstundenzeiten: Längst mehr als 25 Stunden

Freitag, 22. Juni 2018

/dpa

Berlin – Die im Koalitionsvertrag geforderte Verlängerung der Mindest-Sprechstunden­zeiten bei den niedergelassenen Ärzten geht an der Versorgungsrealität vorbei. Der Grund: Die meisten Ärzte sind längst länger als 25 Stunden in ihren Praxen. Das berichtet das Zentralinstitut für kassenärztliche Versorgung (Zi) in einer neuen Untersuchung.

Derzeit sind Vertragsärzte verpflichtet, persönlich mindestens 20 Stunden wöchentlich in Form von Sprechstunden zur Verfügung zu stehen. Nach dem Willen der Politik sollen es künftig mindestens 25 Wochenstunden sein.

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Das Zi hat untersucht, wie die Arbeitszeiten in den Praxen im Einzelnen aussehen. Datengrundlage waren die Angaben von rund 3.800 Einzelpraxen und 1.000 Gemein­schaftspraxen von Vertragsärzten und -psychotherapeuten aus dem Jahr 2015, die im Rahmen des jährlich durchgeführten Zi-Praxis-Panels (ZiPP) erhoben werden.

Da keine rechtlich bindende Definition des Begriffs „Sprechstunde“ existiert, haben die Zi-Wissenschaftler die sogenannten Betriebszeiten zum Vergleich herangezogen. Damit sind die Stunden gemeint, in denen ein Arzt in der Praxis anwesend ist. Laut Zi liegen die Betriebszeiten bei durchschnittlich 38,8 Wochenstunden. Insgesamt gaben rund 92 Prozent der Praxen Betriebszeiten von 25 Stunden und mehr pro Woche an. „Die derzeitige Diskussion zur Erhöhung der Mindestanzahl von Sprechstunden pro Woche betrifft nur eine sehr kleine Zahl von Praxen“, erläuterte  Dominik von Stillfried, Geschäftsführer des Zi. Es sei nicht zu erwarten, dass mit einer gesetzlichen Vorgabe „auch nur ein einziges Versorgungsproblem gelöst wird“, so der Zi-Geschäftsführer.

Bürokratieabbau effektiver

Laut Zi arbeiten Praxisinhaber im Durchschnitt 51,5 Wochenstunden. Davon widmen sie ihren gesetzlich versicherten Patienten 35,8 Wochenstunden. Auf Privatpatienten entfallen 5,8 Stunden, wobei es in ländlichen Gebieten und weiten Teilen der neuen Bundesländer verhältnismäßig wenige Privatpatienten gibt und deren Behandlung im Praxisalltag dort kaum eine Rolle spielt. Allerdings müssen Praxisinhaber etwa 14 Stunden pro Woche für Aufgaben ohne direkten Patientenkontakt einsetzen. Hierzu zählen Dokumentationen, Befundstellungen, Praxismanagement und die Teilnahme an Fortbildungen. Um mehr Zeit für die Patienten zu schaffen, wäre es laut Zi daher sinnvoll, die Ärzte und Psychotherapeuten von bürokratischen Aufgaben zu entlasten.

Budgetdeckel lockern

Stillfried wies darauf hin, dass bei einer Ausweitung der gesetzlichen Sprechstunden­zeiten die Vergütung grundlegend verändert werden müsste. „Die Anreize für längere Arbeitszeiten am Patienten werden durch die gegenwärtigen Budgetdeckel ausge­bremst. Wer wie die niedergelassenen Ärzte durchschnittlich zehn Prozent seiner Arbeit nicht erstattet bekommt, wird nicht bereit sein, noch mehr Zeit zu investieren“, erklärte von Stillfried. © hil/aerzteblatt.de

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Avatar #37858
jmh-mgh
am Mittwoch, 27. Juni 2018, 14:51

KV-System überholt

Sehr geehrter Kollege Schaetzler,

Bravo für den Ausspruch!

Ich werde nach nur 4 Jahren als niedergelassener Hausarzt mein Praxis wieder schliessen, da ich im KV-System nicht weiter als Erfüllungsgehilfe arbeiten möchte.
Mit 37 bin ich 2014 mit großem Elan gestartet, jetzt mit 41 ist mir die Puste ausgegangen, denn 25 Stunden waren und sind nicht das Problem, ich schaffe eh schon 30-32 pro Woche.
Als Einzelkämpfer sehe ich mich aber immer mehr unter Druck durch Großpraxen und MVZs, die den Patienten suggerieren, wir Ärzte stünden immer zur Verfügung.
Ich bin so froh, dass ich jetzt den Ausstieg planen kann, und allen genauso jungen Ärzten wie ich, die sich in die hausärztliche Versorgung begeben wollen, kann ich nur sagen: "Gebt Acht, worauf Ihr Euch da einlasst!"
Einzelkämpfer ist in diesem Bereich ein allumfassender Begriff.
Die KV tut wenig bis nichts, solange keine Unterversorgung festgestellt wird, die Politik ergeht sich in immer neuen Forderungen, die Versorgungswirklichkeit erfordert immer mehr Einsatz und Wissen, und die All-inclusiv-Haltung vieler Patienten kann zum Energie-Vampirismus ausarten.
Zugewandte, persönliche, sprechende und zuhörende Medizin, Aufklärung, Begleitung zur Entscheidungsfindung, das war mal.
Jetzt gibt es immer mehr Grosshandelsware!
Mit der Forderung nach mehr Pflichtsprechstunde ohne entsprechende Anpassung der Honorierung kommt nur noch mehr solcher Medizin!
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Samstag, 23. Juni 2018, 00:21

Wir sind nicht bei LIDL, EDEKA, REWE oder NETTO!

Die Tätigkeiten freiberuflich niedergelassener Vertrags-Ärztinnen und -Ärzte sind nun mal kein Gewerbe, wie z. B. der Lebensmittel-Einzelhandel mit festen Service-Öffnungs- und -Schließungszeiten.

Unsere ersten Patientinnen und Patienten erwarten nicht nur im haus-/primärärztlichen Bereich Rat und Hilfe bereits vor der offiziellen Praxisöffnung, wo sie sich schon am Eingang drängen. Und beim regulären Sprechstunden-Ende ist das Wartezimmer oft immer noch voll.

Eine 20-H-Sprechstunde bedeutet demnach mindestens 25 Zeit-Stunden, nicht nur bei saisonal gehäuften Influenza- und Atemwegserkrankungen: Das ist bei gestiegener Anspruchs- und Erwartungshaltung, dem demografischen Faktor und der Ausdünnung hausärztlicher Versorgung in Stadt und Land in der Basisversorgung bei allen Organ-, Psycho- und Systemkrankheiten die Regel.

Eine staatlich geforderte Verpflichtung, statt 20 nunmehr 25 Sprech-Stunden pro Woche für unsere GKV-Patientinnen und -Patienten vorzuhalten, geht zumindest für meine Berufsgruppe der Haus- und Familien-Mediziner einschl. der Kinderärzte und hausärztlichen Internisten an den vertragsärztlichen Realitäten meilenweit vorbei und demotiviert zugleich: Durch den beschriebenen Patientenüberhang vor/nach einer 25h-Sprechstunde wäre damit eine effektive wöchentliche Patienten-Belastung von mindestens 30 Zeit-Stunden verbunden.

Und unsere Medizinischen Fachangestellten (MFA) arbeiten bei 20 offenen Sprechstunden pro Woche mit über 25 Wochenstunden gewährtem Publikumsverkehr regelmäßig an ihrer Leistungsgrenze mit 40 Wochenstunden "back-up"-, Verwaltungs- und Organisations-Aufgaben auf.

Doch diese Problematik erschließt sich unseren Medizin-bildungsfernen "Gesundheits"-Politikern nicht, weil sie sich unsere Arbeit mit kranken Menschen gar nicht vorstellen wollen oder können.

Die oft aufgehetzte Kommunikation über ärztliche Arbeitszeiten in Politik, Medien, Öffentlichkeit und Sozialversicherungs-Bürokratie spricht Bände. Am heftigsten gegen GKV-Vertragsärztinnen und -Vertragsärzte polemisieren Funktionäre, weltfremde Banker, Berater und "Experten", die nicht ein einziges Mal hinter den Anmeldetresen geschaut, Mitarbeiter/-innen oder Familienangehörige befragt bzw. bei ihrem "Hausarzt" hospitiert haben.

Schon bei 20-25 Wochen-Stunden reiner Sprechstunden-Zeit kommen hinzu:

1. Fahrt-/Rüstzeiten, Logistik 5h
2. EDV-Einrichtung, Verwaltung, Datenpflege, Abrechnung 5h
3. Fort- und Weiterbildung, Fachliteratur, Recherchen 5h
4. Fahrtzeiten Haus-/Heim-/Palliativ-Besuche, Verweilen 5h
5. Meist Medizin-ferne Anfragen/Gutachten/Bescheinigung 5h

So kommt man bei einer reinen GKV-Sprechstunden-Zeit von 20-25 Stunden auf die empirisch bisher mehrfach belegte durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 45-50 Stunden bei in der ambulanten Krankenversorgung tätigen Vertragsärzten.

Die Praxis eines freiberuflich niedergelassenen Haus-, Familien- oder Facharztes ist nun mal keine Einzelhandels-Filialkette mit festen Öffnungs- und Schließungszeiten. Im Gegenteil, unsere Patientinnen und Patienten erwarten eine medizinische rund-um-die Uhr Versorgung und füllen auch noch kurz vor Ablauf der offenen Praxis-Sprechstundenzeiten die Wartezimmer.

Und wem diese Argumentation nicht passt, dem kann man nur zurufen:
"Dann geh' doch zu NETTO!"

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Avatar #539999
klausenwächter
am Freitag, 22. Juni 2018, 18:12

25 Stunden Arbeitseinsatz

25 Stunden Arbeitseinsatz erreichten Ärzte einst und wurden kriminalisiert. Mindestsprechzeiten begrenzen vor allem ausufernde Leistungen. Das Honorar und die ausgewiesenen Sprechzeiten können abgeglichen werden. Notdienste mit 48 Stunden Dienstzeit müssen auf die rettungstechnische Versorgung umgeleitet oder auf die Regelversorgung verwiesen werden.
Avatar #539999
klausenwächter
am Freitag, 22. Juni 2018, 18:10

Das Ministerium will es

Um dem Gesetz zu genügen, müssen die Hausbesuche massiv gesenkt werden. Das Ministerium will Präsenz in der Praxis. Dies wiederspricht der praktizierten aufsuchenden Gesundheitsfürsorge.
Eine Entbudgetierung wurde nicht beschlossen, somit soll insbesondere der Hausarzt seine Angebote neu konfektionieren. Das Ministerium will es.
LNS

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