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Politik

Notfallversorgung: Patientenströme lassen sich nicht steuern

Freitag, 22. Juni 2018

/dpa

Berlin – Patientenströme in die Notaufnahme von Krankenhäusern kann man nicht steuern. Diese Ansicht äußerten heute verschiedene Experten auf einem Fachgespräch der Grünenfraktion in Berlin. „Wir müssen uns die Sicht des Patienten aneignen. Wenn ein Patient ein Problem hat, dann hat ist er aus seiner Sicht auch ein Notfall. Ob das objektivierbar ist, wird erst später entschieden“, sagte der Chefarzt der Zentralen Notaufnahme am Klinikum Bremen-Nord, Frank Wösten. Der Patient wisse, dass ihm im Krankenhaus geholfen und dass er dort relativ zügig behandelt werde. Er müsse dort nicht länger auf einen Termin warten. „Und Patienten haben heute eine All-inclusive-Mentalität“, so Wösten. „Wir werden die Patienten nicht erziehen können.“

Diese Meinung äußerte auch der Ärztliche Leiter der Rettungsstelle Campus Benjamin Franklin der Berliner Charité, Rajan Somasundaram. „90 Prozent der Patienten schätzen ihren Fall als dringlich ein“, sagte er. Und ob diese Ansicht später bestätigt werden könne, sei unerheblich. „Hinterher sind wir immer schlauer“, betonte er. „Hinterher kann man sagen, dass 40 Prozent der Patienten gar nicht in der Notaufnahme hätten behandelt werden müssen. Aber vorher kann man das nicht wissen: Der Rettungsdienst kann es nicht wissen, der Hausarzt nicht und auch die Ärzte in den Krankenhäusern nicht. Machen Sie also auch nicht den Patienten dafür verantwortlich, dass er sich als Notfall einstuft.“ Eine Gebühr für die Behandlung in Notaufnahmen lehnte er strikt ab:  „Die Notfallversorgung der Bevölkerung ist Daseinsvorsorge, ein essenzieller Bestand­teil des Gesundheitswesens.“ 

Kappert-Gonther: Patienten brauchen höhere Gesundheitskompetenz

Seit Jahren steigen die Patientenzahlen in den Notaufnahmen der Krankenhäuser an – auch die Zahl der Patienten, die eigentlich ambulant behandelt werden könnte. Politik und Selbstverwaltung versuchen daher seit Längerem, eine Lösung für dieses Problem zu finden. „Wir brauchen eine Notfallanlaufstelle, die vom stationären und vom ambulanten Sektor gemeinsam betrieben wird und wo die Patienten eine Erst­einschätzung erhalten“, betonte die Sprecherin der Grünenfraktion für Gesundheits­förderung, Kirsten Kappert-Gonther. Die Frage sei allerdings, wer diese Erstein­schätzung vornehme. 

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Wichtig sei zudem eine höhere Gesundheitskompetenz der Patienten, meinte die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Dabei gehe es nicht darum, dass die Patienten die Strukturen im Gesundheitswesen besser kennenlernen, sondern dass sie lernen, wann es sinnvoll sei, in die Notaufnahme zu gehen und wann vielleicht ein Hausmittel ausreiche.

Forderung nach einem Facharzt für Notfallmedizin

Der Geschäftsführer des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi), Dominik von Stillfried, wies darauf hin, dass die steigende Zahl von Notfallpatienten ein weltweiter Trend sei. „Es ist also nicht so, dass nur die deutschen Versorgungs­strukturen dafür verantwortlich sind, dass die Zahlen steigen“, betonte er. „Ich habe den Eindruck, dass diese Entwicklung damit zusammenhängt, dass die Menschen die maximale Versorgung erwarten. Und sie haben die Erwartung, dass in den Kranken­häusern alle Kapazitäten und Fachgruppen vorhanden sind.“ Das treffe in der Realität auf viele Krankenhäuser allerdings nicht zu.

Wösten kritisierte in diesem Zusammenhang, dass es in Deutschland keinen Facharzt für Notfallmedizin gibt. Aus Mangel an Ressourcen könne es daher im Krankenhaus heute vorkommen, dass junge Ärzte in der Notaufnahme eingesetzt würden, was für die Qualität der Versorgung nicht immer gut sei. Zudem könne es ein „Abteilungs­denken“ in der Notfallversorgung geben, das häufig nicht zielführend sei. „Ein Neurologe ist ein Neurologe, auch wenn er in der Notaufnahme arbeitet“, so Wösten. Patienten kämen aber nicht als neurologische Fälle, sondern immer als Notfälle.

Auch Somasundaram befürwortete die Einführung eines Facharztes für Notfallmedizin. Oft gebe es unklare Befundlagen, die zeitkritisch abgeklärt werden müssten, sagte er. Dabei gebe es eine extreme medizinische Breite, die eine fachliche Expertise benötige. „Und man muss die Erkrankungen nicht nur identifizieren und diagnostizieren, sondern auch therapieren“, betonte der Notfallmediziner und fragte: „Wie wollen wir ohne Facharzt für Notfallmedizin den Facharztstandard halten?“ © fos/aerzteblatt.de

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klausenwächter
am Montag, 25. Juni 2018, 22:33

Mangelnde Transparenz bei der deutschen Notfallversorgung

Mit der Zentralisierung der Notfallversorgung haben die Hausärzte ihre Kompetenz am Wochenende abgegeben. Die Fallzahlen in klinischen Einrichtungen sind angestiegen. Die Kostenumlagen des kassenärztlichen Notfalldienstes stiegen ebenfalls an.
In den Notfallzentralen sollen die Mitarbeiter mit Software zu standardisierten Ratschlägen angeleitet werden. Standards werden in zentralisierten Einrichtungen erforderlich, wo zuvor Ärztevereine lokale Standards praktizierten. Unter diesen Standards nahmen die Notfallkonsulationen ab.
Wissenschaftliche Veröffentlichungen deutscher Fallzahlen zur Notfallversorgung und zu ihren Ergebnissen fehlen. Dagegen berichtet das National Center for Health Statistics auführlich zu Gründen der Inanspruchnahme. Der Einfluß von Armut auf die Konsultationswahrscheinlichkeit wird offen benannt. In Deutschland war die Anwendung des ICD-Codes für Armut als sozial diskriminierend bezeichnet worden. Armut wie sie aufgrund von Einkommensverteilungen berechenbar ist, erscheint nicht in den medizinischen Diagnosen. Mutmaßungen ersetzen in Deutschland Datenerhebung und Analytik. Der Zusammenhang zwischen Notdienstreform und Explosion der Notfallversorgungen wird nicht untersucht.
andreabraun
am Sonntag, 24. Juni 2018, 14:30

Andrabra

Der gute alte FA Notfallmedizin aus USA soll es richten?
Richtig dass die youngsters überfordert sind, aber es gibt die Anästhesisten, Chirurgen und Internisten, die auch die Notarzteinsatzfahrzeuge fachärztlich besetzen. Die können sehr wohl in den Notaufnahmen Patienten einschätzen, erstversorgen und ggf. zum richtigen fachärztlichen Konsil überweisen.
Merke: wir brauchen mehr Fachärzte in den Kliniken, aber die sind eben teurer als Ärzte in Weiterbildung! Oder überhaupt Ärzte.
Österreich ist da besser aufgestellt, Dienste im Haus werden grundsätzlich von Fachärzten ausgeübt.
Auch verlangt Österreich von seinen Notärzten alle 2 Jahre einen Refresher-Kurs Notfallmedizin, vielleicht sollten wir das erst mal so übernehmen in Deutschland.

Uckermärker
am Sonntag, 24. Juni 2018, 10:35

Facharzt für Notfallmedizin

In meine hausärztliche Praxis kommen an jedem Tag Akutpatienten, die in der Notfallambulanz immer als Notfälle bezeichnet werden, aber eigentlich meist doch nur Menschen mit akut aufgetretenen Erkrankungen sind. Um diese akuten Erkrankungen zu diagnostizieren und dann zu behandeln reichte bisher mein Wissen und meine Erfahrung als Hausarzt aus. Warum dafür ein Facharzt für Notfallmedizin ?
Practicus
am Sonntag, 24. Juni 2018, 00:13

Falsch!

Die ersten 6 Monate nach der Einführung der Praxisgebühr haben es ganz eindeutig gezeigt: Eine finanzielle Beteiligung der Patienten an der Inanspruchnahme des Notdienstes kann diese ganz erheblich reduzieren!
10€ Gebühr als "Eintritt" in die Notaufnahme können die "Patientenströme" sehr wohl in die Notfallpraxen der KVen umsteuern!

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