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Medizin

Glioblastom-Therapie mit rekombinantem Polio-Virus noch nicht praxistauglich

Mittwoch, 27. Juni 2018

Das rekombinante Polio-Virus wird direkt in das Tumorgewebe injiziert. /Kateryna_Kon stock.adobe.com

Durham – Eine gentechnisch hergestellte Kombination aus Polio- und Rhinovirus könnte das Leben von Patienten mit Glioblastom verlängern. Das zumindest stellen Forschern der Duke University in einer unkontrollierten Phase-I-Studie in Aussicht, die sie gestern auf der International Conference on Brain Tumor Research and Therapy in Bergen vorgestellt und zeitgleich im New England Journal of Medicine publiziert haben (2018; doi: 10.1056/NEJMoa1716435). Es gibt aber auch Bedenken an der Interpretation der Ergebnisse.

Im Rahmen der Studie wurden 61 Patienten mit Glioblastom über einen Zeitraum von bis zu 5 Jahren mit den rekombinanten Viren therapiert. Von diesen Patienten lebten 2 Jahre nach dem Eingriff noch 8 (21 %) und 4 Jahre nach dem Eingriff noch mindestens 3 (bei den anderen 5 Versuchsteilnehmern sind noch keine 4 Jahre seit der Behandlung vergangen). 2 Patienten lebten auch noch fast 6 Jahren nach der Therapie.

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In einer historischen Kontrollgruppe mit 104 Patienten, die früher am selben Universitätskrankenhaus behandelt worden waren, lebten nach 2 Jahren noch 14 (13 %) und nach 4 Jahren noch 2 Patienten (2 %). Die Aussagekraft dieses Vergleichs ist jedoch stark limitiert. Denn die Interventionsgruppe unterscheidet sich deutlich von der retrospektiven Kontrollgruppe. Zudem erhielten immerhin 52 von 61 Patienten unmittelbar nach der Virotherapie eine zusätzliche Therapie, meist mit Bevacizumab.

Das Glioblastom ist ein Hirntumor, gegen den die Medizin trotz Operation, Bestrahlung und Chemotherapie bisher machtlos ist, weil er sehr schnell wächst und weil selbst bei erfolgreicher Therapie oft innerhalb eines Jahres ein Rezidiv auftritt.

Prinzipiell hält Wolfgang Wick vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) den Ansatz mit Polio-Rhinoviren für „nicht uninteressant“. Die Virus-Chimäre war so genetisch verändert, dass sie Zellen über den Poliovirus-Rezeptor CD155 infiziert, ohne dabei neurotoxisch zu wirken. Eine Lähmung konnte es beispielsweise nicht auslösen. Diese Toxizitätsergebnisse ordnet der Leiter der Klinische Kooperationseinheit Neuroonkologie am DKFZ als „gut“ ein. Hierfür war die Studie seiner Meinung nach ausgelegt. Nach Angaben der Forscher wird CD155 besonders häufig in Tumoren exprimiert. Indem sich das gentechnisch veränderte Virus in den Glioblastom-Zellen anreichert, soll es lokale Immunreaktionen auslösen.

Kritik an der Interpretation der Effektivitätsdaten

Nicht nachvollziehen kann Wick hingegen die Schlussfolgerung zur Effektivität der Virotherapie: „Dass versucht wird, aus den Effektivitätsdaten im Vergleich zu einer historischen Kontrolle der Hinweis oder sogar Beweis für eine relevante Effektivität der Studie abzuleiten, halte ich für unseriös.“

Andererseits sind spontan langzeitüberlebende Patienten in der bisherigen Entwicklung in der Neuroonkologie meist das Produkt molekularer Ausgangsvoraussetzungen im Tumorgewebe und unerfreulicher Weise nicht das Produkt der eigentlichen Therapie. Wolfgang Wick, DKFZ

Einerseits sei es beeindruckend, dass offenbar 8 Patienten längerfristig ein Plateau erreicht hätten und über einen Zeitraum von mehreren Jahren überlebten. „Andererseits sind spontan langzeitüberlebende Patienten in der bisherigen Entwicklung in der Neuroonkologie meist das Produkt molekularer Ausgangs­voraussetzungen im Tumorgewebe und unerfreulicher Weise nicht das Produkt der eigentlichen Therapie.“ Als Beispiel nennt Wick eine vermehrte IDH-Mutation in den virusbehandelten Patienten.

Auch Guido Wollmann von der Medizinischen Universität Innsbruck hält die aktuelle Überlebenskurve der Probanden für „beschönigt“: „Die Aussage, dass momentan bei 20 % Überlebenswahrscheinlichkeit ein Plateau erreicht ist, ist nicht unbedingt falsch, aber durchaus grenzwertig“, erklärt der Leiter des Christian Doppler Forschungslabors für virale Immuntherapie von Krebs. Denn bislang hätten lediglich 2 der 61 Probanden mindestens 6 Jahre überlebt. Von den anderen, die noch leben, haben einige erst vor rund einem Jahr das rekombinante Virus erhalten, keine Langzeit-Daten liegen noch nicht vor. „Wahrscheinlich werden einige von ihnen leider auch noch sterben“, vermutet Wollmann.

Wicks Fazit weicht daher etwas von dem der Studienautoren ab: „Die bereits mehrfach in Teilen präsentierten Studienergebnisse zeigen aus meiner Sicht die Durchführbarkeit des Ansatzes, helfen jedoch insbesondere wegen der massiven Co-Behandlung der Patienten und der konzeptionellen Mängel bei der Verwendung historischer Kontrollen nicht, die Therapie klinisch einzuordnen.“ Wick. Bereits früher gab es wissenschaftliche Publikationen zu dieser Langzeit-Studie (J Virol. 2014, PVSRIPO for Recurrent Glioblastoma). Die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA hatte im Jahr 2016 dem rekombinanten Virus die Bezeichnung „Durchbruch-Therapie“ für Patienten mit wiederkehrendem Glioblastom zuerkannt.

Was zunächst wie eine Revolution klingt, ist weit davon entfernt. Das Label diene dazu zu signalisieren, das eine Therapie vielversprechend scheint und schnell in einer Vergleichsstudie untersucht werden sollte, sagt Wollmann. Eine Phase-II-Studie soll jetzt prüfen, ob sich die Ergebnisse an einer größeren Patientengruppe reproduzieren lassen. © gie/aerzteblatt.de

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