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Ärzteschaft

Hausärzte fühlen sich von Krankenkassen zunehmend gegängelt

Freitag, 29. Juni 2018

/dpa

Köln – Der Deutsche Hausärzteverband (DHÄV) hat dem GKV-Spitzenverband in einem offenen Brief vorgeworfen, sich in die ärztliche Selbstverwaltung einzumischen sowie Ärzte und ihre Patienten gegeneinander ausspielen zu wollen. Damit reagierten die Hausärzte auch auf Äußerungen des GKV-Spitzenverbands, die vom Gesetzgeber gewollte Ausweitung der Sprechstundenzeiten nicht finanzieren zu wollen.

„Ihre zunehmenden Bestrebungen, unmittelbar in den Praxisalltag der Ärzte einzugreifen, beispielsweise im Rahmen der Ausgestaltung der Sprechstundenzeiten, sind ein Versuch, den freien Beruf des Arztes zu normieren“, heißt es in dem Schreiben. Dies werde der Hausärzteverband nicht hinnehmen.

Hausärzte weisen Vorwürfe zurück

Auch den Vorwurf der Krankenkassen, Probleme bei der Sicherstellung der haus­ärztlichen Versorgung seien auf mangelnde Leistungsbereitschaft der niedergelassenen Allgemeinmediziner zurückzuführen, wies der Verband entschieden zurück. Die Aussagen der Kassen belegten eine zunehmende Entfremdung mit dem Versorgungs­alltag, kritisierte Verbandschef Ulrich Weigelt mit Verweis auf die überdurchschnittlich hohe Arbeitsbelastung der Hausärzte.

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Jüngste Erhebungen zeigten im Gegenteil, dass Hausärzte im Durchschnitt 53 Stunden pro Woche arbeiteten. Ein Grund für die hohe Belastung sei die stetig zunehmende bürokratische Belastung. „Zu dieser tragen die Krankenkassen maßgeblich bei“, schrieb Weigeldt.

Statt sich in hausärztliche Belange einzumischen, solle der GKV-Spitzenverband sich lieber für eine Neuausrichtung der Gesundheitsversorgung am gesellschaftlichen Bedarf einsetzen. Dazu gehöre unter anderem, Hausbesuche auf Basis einer betriebswirtschaftlichen Kalkulation zu vergüten und die Hausarztverträge, Geratrie, Palliativmedizin und Gesprächsleistungen zu stärken. Außerdem müsse es eine gemeinsame Initiative von Krankenkassen und Ärzten zur „Bekämpfung des Bürokratiewahnsinns“ geben.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) will die Mindestzahl an wöchentlichen Sprechstunden von 20 auf 25 erhöhen. Damit sollen unter anderem die Wartezeiten für Patienten verkürzt werden. Die Ärzte kritisieren die Pläne. © hil/sb/afp/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Montag, 2. Juli 2018, 14:02

Es reicht!

Unsere ersten Patientinnen und Patienten erwarten nicht nur im haus-/primärärztlichen Bereich Rat und Hilfe bereits vor der offiziellen Praxisöffnung, wo sie sich schon am Eingang drängen. Und beim regulären Sprechstunden-Ende ist das Wartezimmer oft immer noch voll, dass nachgearbeitet werden muss.

Eine 20-H-Sprechstunde bedeutet demnach mindestens 25 Zeit-Stunden, nicht nur bei saisonal gehäuften Influenza- und Atemwegserkrankungen: Das ist bei gestiegener Anspruchs- und Erwartungshaltung, dem demografischen Faktor und der Ausdünnung haus- bzw. fachärztlicher Versorgung in Stadt und Land bei allen Organ-, Psycho- und Systemkrankheiten die Regel.

Eine staatlich geforderte Verpflichtung, statt 20 nunmehr 25 Sprech-Stunden pro Woche für unsere GKV-Patientinnen und -Patienten vorzuhalten, geht zumindest für meine Berufsgruppe der Haus- und Familien-Mediziner einschl. der Kinderärzte und hausärztlichen Internisten an den vertragsärztlichen Realitäten meilenweit vorbei und demotiviert zugleich: Durch den beschriebenen Patientenüberhang vor/nach einer 25h-Sprechstunde wäre damit eine effektive wöchentliche Patienten-Belastung von mindestens 30 Zeit-Stunden verbunden.

Und unsere Medizinischen Fachangestellten (MFA) arbeiten bei 20 offenen Sprechstunden pro Woche mit über 25 Wochenstunden gewährtem Publikumsverkehr regelmäßig an ihrer Leistungsgrenze mit 40 Wochenstunden die überbürokratisierten "back-up"-, Verwaltungs- und Organisations-Aufgaben auf.

Die oft aufgehetzte Kommunikation über ärztliche Arbeitszeiten in Politik, Medien, Öffentlichkeit und Sozialversicherungs-Bürokratie spricht Bände. Am heftigsten gegen GKV-Vertragsärztinnen und -Vertragsärzte polemisieren GKV-Funktionäre der Krankenkassen und des Spitzenverbandes Bund (SpiBu) bzw. "Experten", die nicht ein einziges Mal hinter den Anmeldetresen geschaut, Mitarbeiter/-innen oder Familienangehörige befragt bzw. bei ihrem "Hausarzt" hospitiert haben.

Schon bei 20-25 Wochen-Stunden reiner Sprechstunden-Zeit kommen hinzu:

1. Fahrt-/Rüstzeiten, Logistik 5h
2. EDV-Einrichtung, Verwaltung, Datenpflege, Abrechnung 5h
3. Fort- und Weiterbildung, Fachliteratur, Recherchen 5h
4. Fahrtzeiten Haus-/Heim-/Palliativ-Besuche, Verweilen 5h
5. Meist Medizin-ferne Anfragen/Gutachten/Bescheinigung 5h

So kommt man bei einer reinen GKV-Sprechstunden-Zeit von 20-25 Stunden auf die empirisch bisher mehrfach belegte durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 45-50 Stunden bei in der ambulanten Krankenversorgung tätigen Vertragsärzten.

Zusätzlich versuchen in der Regel Medizin-bildungsfremde Krankenkassen insbesondere bei psychischen Erkrankungen als Gesetzliche Krankenkassen der GKV, aber auch als Private Krankenkassen der PKV, in die ärztliche Praxis hineinzuregieren:

Die DAK Gesundheit schreibt dazu:
"Psychische Erkrankungen: Angebote und Hilfe von der DAK-Gesundheit
Informationen zu Therapien, Coachings und neuen Behandlungskonzepten
Der Anstieg der psychischen Erkrankungen in den vergangenen Jahren ist beispiellos. Essstörungen, Phobien, Depressionen oder Burnout - so unterschiedlich und vielschichtig psychische Erkrankungen auch sind, sie alle haben eines gemeinsam: Die Betroffenen leiden und sind in ihrer Lebensqualität eingeschränkt.
Exklusive Therapien für DAK-Kunden mit psychischen Erkrankungen
Um unsere psychisch erkrankten Kunden optimal zu versorgen, geht die DAK-Gesundheit neue Wege mit innovativen Behandlungskonzepten. Neben der klassischen Psychotherapie bieten wir mit Deprexis und Veovita flexible Formate an, die sich an den jeweiligen Lebensumständen und individuellen Anforderungen der Versicherten orientieren.
Hier erhalten Sie alle Informationen zu psychischen Erkrankungen und den klassischen und neuen Therapiemöglichkeiten."
https://www.dak.de/dak/leistungen/psychische-erkrankungen-1796614.html

Dazu ein Fallbeispiel aus meiner Praxis:
Patientin, Anfang 40, Alleinerziehend, 1 Kind, DAK versichert, kam mit einer Schizoaffektiven Störung (F25.1+G) bereits vor einigen Jahren zu mir als Hausarzt. Zusätzlich bestehen Suchtstoffabhängigkeit (F19.2+G), Abhängige Persönlichkeitsstörung (F60.7+G), Familienbezogene Störung des Sozialverhaltens (F91.0+G) und Soziale Anpassungsstörung mit emotionaler Beeinträchtigung (F43.2+G). Dazu hatte die DAK ein Beratungstelefon geschaltet mit mehrfachen telefonischen Aufforderungen an die betroffene Patienten, verschiedene externe Beratungs- und Hilfsorganisationen nach Terminabsprache aufzusuchen, was die zugrunde liegenden schizoaffektiven Störungen nur noch verschlimmern konnte.
Nicht nur, weil dieses Procedere krankheitsbedingt kontraindiziert war, sondern auch, weil es die Patientin völlig überforderte, waren mehrfache haus- bzw. fachärztliche Kriseninterventionen notwendig.

Im PKV-Bereich gibt es mit "CARELUTIONS" unter dem Motto "Begleiten. Unterstützen. Dranbleiben." bei der DEBEKA und der SDK Vergleichbares:
"Eine gesunde Mischung - Wir kombinieren herkömmliche Methoden mit Digitalmedizin
CareLutions ist ein Spezialist im Bereich der Vernetzung von digitalmedizinischen und klassischen medizinischen Ansätzen in der Gesundheitsbranche. Hierbei bieten wir Case Management Lösungen für Kran­ken­ver­siche­rungen, integrierte Versorgungsprogramme für Pharmaunternehmen, BGM- & BEM-Programme für Unternehmen und eine individualisierte Patientenbetreuung für Versicherungen und Privatpersonen an.
- Einsatz neuester, digital- und telemedizinischer Methoden in allen unseren Projekten
- Patientenbetreuung durch Ärzte, Psychologen, Pharmazeuten und medizinisches Fachpersonal
- Management von herausfordernden Projekten zwischen Kran­ken­ver­siche­rungen und Pharmaunternehmen
- Neuartige Gesundheitsprogramme mit starker digitaler Komponente für Unternehmen (BGM, BEM)"
http://www.carelutions.de/de/
Den Vogel schießt dabei ein Klappentext von CareLutions ab:
"Wir machen Menschen nicht gesund - aber gesünder
Wie wir das erreichen wollen?
Unser Gesundheitssystem ist eines der teuersten der Welt – die Gesundheit in Deutschland ist aber nur Mittelmaß..."
http://www.carelutions.de/de/leistungen/

Das ist keine kompetente und assistierende Zusammenarbeit mit in der täglichen Krankenversorgung engagierten Ärztinnen und Ärzte, sondern pures Ärzte-"Bashing"!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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