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Medizin

Blutdruck-Medi­kamente können im hohen Alter schaden

Freitag, 29. Juni 2018

/russellg10, stockadobecom

Basel – Die Senkung eines erhöhten systolischen Blutdrucks ist im hohen Alter nicht immer sinnvoll. In einer prospektiven Beobachtungsstudie hatten Senioren, die im Alter von über 85 Jahren noch Antihypertensiva einnahmen, häufiger kognitive Einschränkungen und ein erhöhtes Sterberisiko, wie eine in Age and Ageing (2018; 47; 545-550) veröffentlichte Studie ergab.

Die „Leiden 85-plus“-Studie begleitet seit 1997 eine Gruppe von Senioren der Jahrgänge 1912 bis 1914 aus der niederländischen Stadt. Von den 570 Teilnehmern nahmen 249 (44 Prozent) zu Beginn der Studie Medikamente zur Behandlung der im Alter häufigen systolischen Hypertonie ein.

Forscher der Universitäten Bern und Leiden können nun zeigen, dass die Senkung des Blutdrucks mit einem erhöhten Sterberisiko verbunden war. Je tiefer der Blutdruck gesenkt wurde, desto höher war die Mortalität. Sven Streit vom Berner Institut für Hausarztmedizin und Mitarbeiter ermitteln eine Hazard Ratio von 1,29 pro 10 mmHg im systolischen Blutdruck.

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Die Studie kann zwar nicht beweisen, dass die Senkung des Blutdrucks für das erhöhte Sterberisiko verantwortlich ist. Die Tatsache, das es bei Patienten, die keine Antihypertensiva einnehmen, keine ähnliche inverse Assoziation zwischen Blutdruck und Sterblichkeit gab, ist jedoch ein Indiz für eine mögliche Kausalität.

Bei den Patienten, die Blutdruckmedikamente einnahmen, war ein niedriger systolischer Blutdruck auch mit einem beschleunigten kognitiven Abbau assoziiert. Besonders deutlich war dies bei Senioren mit einer niedrigen Greifkraft, die ein Marker für die körperliche Gebrechlichkeit im Alter ist. 

Die Ergebnisse der Studie widersprechen den aktuellen US-Empfehlungen, die auch für über 60-Jährige Zielwerte von unter 130 mmHg für den systolischen Blutdruck fordern. Die Empfehlungen in den Leitlinien beruhen häufig auf den Ergebnissen von Studien, die alte und gebrechliche Menschen mit hoher Multimorbidität ausschließen, die mehrere Medikamente einnehmen, kritisiert Streit. Die Ergebnisse dieser Studien seien deshalb keine geeignete Grundlage für Therapieempfehlungen für hochbetagte Menschen. 

Eine Stärke der „Leiden 85-plus“-Studie ist laut Streit, dass sie keine Selektion vornimmt. Alle Bewohner der Stadt Leiden in den Niederlanden ab 85 Jahre wurden zur Teilnahme eingeladen. Darunter waren auch Patienten, die an einer Demenz litten, im Pflegeheim wohnten oder sonst gebrechlich waren. © rme/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Dienstag, 17. Juli 2018, 11:36

ESC-Paradigmenwechsel - SPRINT irrelevant

Die bisherige Definition von Bluthochdruck ab Werten von RR 140/90 aufwärts bleibt in der neuen europäischen Hypertonie-Leitlinie der ESC erhalten. In der Therapie hat sich allerdings laut Prof. Dr. med. Roland Schmieder, Uniklinik Erlangen, Hypertensiologie, Leitlinien-Autor, einiges geändert:

"Als Hypertonie Stadium I wird – wie auch in der Version von 2013 – ein Blutdruck zwischen 140 und 160 mmHg systolisch und 90 und 100 mmHg diastolisch definiert.

Als "wirklich neu und einzigartig" in der neuen Leitlinie bezeichnet der Hypertensiologe die Einführung einer Blutdruck-Untergrenze. "Man sollte nicht unter 120/70 mmHg gehen!"
Ein "Paradigmenwechsel" hat sich Schmieder zufolge in der Hypertonie-Therapie vollzogen. Prinzipiell solle man mit einer Fixkombination starten.

Hier seien ACE-Hemmer oder Angiotensin-Rezeptorblocker (aber nicht beide) in Kombination mit einem Kalziumantagonisten oder Diuretikum zu bevorzugen.

Die Gabe einer einzelnen Substanz ist in der Leitlinie von 2018 nur noch für Hypertoniker im Stadium I und ältere Patienten vorgesehen.

Anders als bisher müsse man sich nun also rechtfertigen, warum man mit einer Monotherapie beginne und nicht mit einer Zweifachkombination." (Zitat Ende)
https://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/herzkreislauf/bluthochdruck/article/968155/leitlinien-verfasser-berichtet-paradigmenwechsel-bluthochdruck-therapie.html

"Eine aggressive Senkung des systolischen Blutdrucks erhöht das Risiko für chronische Nierenerkrankungen, was insbesondere Patienten mit Typ-2-Diabetes betrifft", ist das Fazit aus Sekundär-Analysen der SPRINT- und der ACCORD-Studie von Prof. Dr. Srinivasan Beddhu, Division of Nephrology and Hypertension, University of Utah School of Medicine (Salt Lake City) und Kollegen im Lancet: "Intensive systolic blood pressure control and incident chronic kidney disease in people with and without diabetes mellitus: secondary analyses of two randomised controlled trials" von Srinivasan Beddhu et al.
https://www.thelancet.com/journals/landia/article/PIIS2213-8587(18)30099-8/fulltext

Parallel dazu wurde publiziert: "Lower blood pressure during antihypertensive treatment is associated with higher all-cause mortality and accelerated cognitive decline in the oldest-old. Data from the Leiden 85-plus Study" von Sven Streit et al.
https://academic.oup.com/ageing/article-abstract/47/4/545/4993723

Damit ist die SPRINT-Studie ohne echte Randomisierung, Verblindung und andere RCT-Standards als offene Beobachtungsstudie im "wait-and-see-what-happens"-Design. Undifferenziert wurden Blutdruckziele von 120/80 mit 140/90 mmHg im naiven Empirismus verglichen.

Ältere, geriatrische, multimorbide Hypertonie-Patienten wurden ausgegrenzt, um nichtsdestotrotz in ex-post Publikationen zu behaupten, deren Leitlinien-Therapien müssten ebenfalls neu geschrieben werden. Die Liste der SPRINT-Studien-Ausschlüsse umfasst 20 Items: Typ-2-Diabetiker, Rollstuhlfahrer, Pflegeheim-, Grad 3-Hypertonie-, therapieresistente Hypertonie- und Schlaganfall-Patienten. Orthostase-Syndrome, fehlende Adhärenz/Compliance, Zustand nach ACS, Myokardinfarkt und PCI bis hin zu Zystennieren, Glomerulonephritis. Herzinsuffizienz mit linksventrikulärer Ejektionsfraktion kleiner 35 %, zu dicker oder zu dünner Armumfang, Krebsdiagnose und -therapie innerhalb der letzten 2 Jahre. Alkoholabusus, Umzugspläne und unbeabsichtigter Gewichtsverlust von mehr als 10% waren von der SPRINT-Teilnahme ebenfalls ausgeschlossen. Wie auch immer geartete Nierenfunktionsstörungen wurden weder detektiert noch im Studiendesign nachverfolgt.

Erfreulich in der neuen ESC-Leitlinie ist die Einführung einer Blutdruck-Untergrenze: "Man sollte nicht unter 120/70 mmHg gehen!" so Prof. Schmieder.

Erfrischend pragmatisch ist die Therapieausrichtung mit Verbesserung der Compliance durch 2- und 3-fach-Kombinationen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
JohnR
am Freitag, 29. Juni 2018, 20:11

Blutdruck natürlich senken

Mit Olivenblättertee lässt sich erhöhter Blutdruck nebenwirkungsfrei senken.

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