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Ärztekammer Westfalen-Lippe: Wider­spruchslösung gefordert, Fernbehandlungs­verbot gelockert

Montag, 2. Juli 2018

/shootingankauf, stock.adobe.com

Münster – Die Kammerversammlung der Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL) hat sich am vergangenen Wochenende für die Einführung der Widerspruchslösung bei der Organspende mit Vetorecht der engsten Angehörigen ausgesprochen. „Wir Ärzte sollten das Leiden der vielen Patienten auf der Warteliste zum Anlass nehmen, um uns über Änderungen im Transplantationswesen Gedanken zu machen“, forderte ÄKWL-Präsident Theodor Windhorst mit Blick auf die Beschlüsse, die die diesjährige Gesundheits­minister­konferenz der Länder zur Steigerung der Organspende in Deutschland gefasst hat.

„Wir liegen hier in Nordrhein-Westfalen mit durchschnittlich 8,2 Organspenden auf eine Million Einwohner im deutschen wie auch im internationalen Vergleich hinten“, sagte Windhorst. Bundesweit gebe es 9,3 Organspenden auf eine Million Einwohner, in Spanien seien es sogar 39. Windhorst hält es für die „ehrlichste Lösung“, dass sich jeder Mensch selbst beim Thema Organspende entscheidet. „Wenn sich die Menschen bei der Zustimmungslösung aber nicht entscheiden wollen, dann muss man sie eben dahin bewegen, dass sie sich entscheiden müssen – und am besten pro Organspende.“ Die Widerspruchslösung mit einem Vetorecht für die engsten Angehörigen ist daher nach Ansicht des Ärztepräsidenten am sinnvollsten.

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Bisheriges System gescheitert

„Wir sollten von jedem mündigen Bürger verlangen können, dass er sich entscheidet“, forderte Dietrich Paravicini. Der Delegierte der Fraktion „Arzt im Krankenhaus“ sprach sich ebenfalls für die Widerspruchslösung aus. Damit stehe die Entscheidung bereits im Voraus fest und werde nicht den Angehörigen überlassen, die nach dem Tod eines Patienten ohnehin mit ganz vielen anderen Gedanken beschäftigt seien „Ich musste in meiner 40-jährigen Tätigkeit immer wieder mit Angehörigen sprechen“, schilderte der Anästhesist im Ruhestand. „Und die antworten in dieser Situation immer mit einem Nein, weil sie das dann eher für den mutmaßlichen Willen des Verstorbenen hielten.“

Die Delegierten waren sich weitgehend einig darüber, dass das bisherige System der Organspende versagt hat. „Bisherige Bemühungen haben es nicht geschafft, die Zahl der Organspenden zu steigern“, unterstrich Norbert Hartmann, Hausarzt in Hörstel im nördlichen Münsterland. Die Fraktion der Hausärzte sprach sich daher nicht nur für die Einführung der Widerspruchslösung mit Vetorecht aus, sondern forderte auch struk­turelle Verbesserungen im Transplantationswesen. Dazu gehöre mehr Geld für die Kliniken, in denen Organe entnommen werden, und die Freistellung der Transplantationsbeauftragten in den Kliniken.

„Wir brauchen Transplantationsbeauftragte, die Zeit und Raum haben, sich mit den Angehörigen auseinanderzusetzen. Das wird vieles erleichtern. Das hilft“, ist sich auch Ulrich Feltkamp, Anästhesist im Kreisklinikum Siegen und Delegierter des Marburger Bundes, sicher. Allerdings waren nicht alle Delegierten davon überzeugt, dass die Einführung einer Widerspruchslösung mit Vetorecht für die engsten Angehörigen die Zahl der Patienten, die auf der Warteliste für ein Spenderorgan stehen, reduzieren wird. Daher votierten bei der Abstimmung des entsprechenden Antrags zwei Delegierte mit Nein, drei enthielten sich. Die Gegner argumentierten, die Widerspruchslösung bringe die Menschen eher dazu, sich gegen die Organspende zu entscheiden.

Änderungen bei Telemedizin und Gelöbnis beschlossen

Beschlossen hat die Kammerversammlung auch zwei Änderungen der Berufsordnung für die westfälisch-lippischen Ärzte. So wird künftig die Neufassung des Genfer Gelöbnisses – wie vom 121. Deutschen Ärztetag im Mai in Erfurt empfohlen – der Berufsordnung vorangestellt. Einen entsprechenden Antrag haben die Delegierten mehrheitlich verabschiedet. Bei zwei Gegenstimmen und einer Enthaltung wurde auch das Fernbehandlungsverbot gelockert.

Damit gehört Westfalen-Lippe zu den ersten Kammerbezirken in Deutschland, in denen Ärzte künftig ihre Patienten ohne vorherigen Erstkontakt im Einzelfall ausschließlich telefonisch oder per Videokonferenz übers Internet behandeln dürfen. Eine entsprechende Änderung der Musterberufsordnung hatte der 121. Deutsche Ärztetag ebenfalls im Mai in Erfurt beschlossen. Kammerpräsident Windhorst wies noch einmal darauf hin, dass jeder Einzelfall durch den jeweiligen Arzt geprüft werden und der Patient der Fernbehandlung ausdrücklich zustimmen muss.

© ts/aerzteblatt.de

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