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Westfälischer Ärztetag: Digitalkompetenz für Ärzte stärken

Montag, 9. Juli 2018

/dpa

Münster – Der 11. Westfälische Ärztetag hat sich für eine Stärkung der Digitalkom­petenz von Ärzten ausgesprochen. Dazu sollten digitale Informationen rund um Medizin und Gesundheit so aufbereitet und bereitgestellt werden, dass sie dem Arzt-Patient-Gespräch nutzen und Ärzte ihre Patienten gut durch die Informationsflut lotsen können.

„Wir müssen uns fragen: Wie begegnen wir dem Patienten, der sich über Krankheiten und Behandlungsoptionen informiert hat?“, sagte Theodor Windhorst zur Eröffnung des Ärztetags, der sich in diesem Jahr mit dem (über)informierten Patienten beschäftigt hat. Der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL) betonte vor rund 150 Teilnehmern, dass das Wissen, das sich Patienten heute aneignen könnten, „einer bestimmten Filterung und Kanalisation“ bedarf. Es müsse so verarbeitet sein, dass es vertrauensvoll in der Arzt-Patient-Kommunikation eingesetzt werden kann.

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Zuhören und erklären können

„Das ganze Wissen nutzt nichts, wenn man nicht mit dem richtigen Wissen zur richtigen Zeit am richtigen Patienten ist.“ Daher müsse es mit dem vorhandenen Fachwissen abgeglichen und für den Patienten eingeordnet sein. „Und das kann nur der Arzt“, ist Windhorst überzeugt. „Wir müssen zuhören und erklären können. Das war früher bereits wichtig, ist es aber heute in der Informationsgesellschaft umso mehr.“

Allerdings sollte der Arzt auch ruhig zugeben, wenn er Wissenslücken hat und bestimmte medizinische Inhalte noch einmal nachlesen muss. Das lasse ihn menschlich wirken und könne Vertrauen schaffen. Nach Ansicht des Kammer­präsidenten ist der gut informierte Patient ein willkommener Gesprächspartner für den Arzt. Im Idealfall wirke sich dies positiv auf die Bereitschaft eines Patienten aus, an Behandlungen mitzuwirken.

Internet als „Paralleluniversum“

Endet ein Arzt-Patient-Gespräch mit der Frage „Haben Sie noch Fragen?“, werde sie in der Regel mit „Nein“ beantwortet, sagte Sebastian Schmidt-Kaehler. Dabei zeigten Studien, dass 54,3 Prozent der Menschen in Deutschland erhebliche Schwierigkeiten haben, gesundheitsrelevante Informationen zu verstehen. Besonders betroffen sind demnach Menschen mit Migrationshintergrund, mit wirtschaftlichen und sozialen Problemen, aber auch chronisch Kranke.

„Im europäischen Vergleich liegt Deutschland damit im Mittelfeld bei der Gesundheitskompetenz“, verdeutlichte der geschäftsführende Gesellschafter der Patientenprojekte GmbH, die Vorhaben im Bereich der Gesundheitskommunikation unterstützt. Auf der anderen Seite gebe es heute eine Flut von Informationen. Sie erschwere es, die richtigen Informationen zu finden. „Hier können Sie dem Patienten helfen, indem sie ihm ein Glas Wasser einschenken, anstatt ihn mit dem Feuerwehr­schlauch nass zu spritzen“, sagte Schmidt-Kaehler.

Dr. Google ins Sprechzimmer lassen

Die individuelle Beratung durch den Arzt könne dem Patienten helfen, Gesundheits­informationen zu finden, zu bewerten und in Handlungen umzusetzen. Mit dem Internet habe sich neben der Arzt-Patient-Beziehung „ein Paralleluniversum gebildet“, das vor allem als „Zweitmeinungskompetenz“ genutzt wird. „Die Frage ist doch: Wollen sie Dr. Google als letzte Instanz? Wenn Sie das nicht wollen, müssen Sie Dr. Google in Ihr Sprechzimmer lassen.“ Denn das Internet sei inzwischen nicht mehr nur „Spielerei“, sondern „integraler Bestandteil der Versorgung“.

Daher sollte der Arzt mit der Erhebung der Anamnese auch das Vorwissen seines Patienten abfragen. „Auf dem Wege erfahren sie auch, ob ein Patient verunsichert ist oder mit falschen Informationen kommt.“ Die Beratung sollte genau da anfangen, wo die seriösen Informationen von Patienten aufhören. Schmidt-Kaehler riet den Ärzten nachzufragen, was der Patient mit den Informationen machen will. Außerdem sei es hilfreich, ihm Broschüren und Flyer mitzugeben sowie eine Liste mit Links, unter denen er im Internet seriöse Informationen findet.

Arzt als „Tool“ für maßgeschneiderte Patienteninformationen

Diese Empfehlung teilte auch Corinna Schaefer. „Der überinformierte Patient ist nicht das Problem, sondern der falsch informierte Patient“, betonte die Leiterin der Abteilung Patienteninformation/Wissensmanagement des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin (ÄZQ). Das seien Patienten, die mit einer bestimmten Überzeugung kämen. „Da brauchen Sie viel Zeit, um das wieder richtig zu stellen.“

Nach Ansicht Schaefers ist der Arzt gefordert, den Patienten so zu informieren, dass er ihn nicht beeinflusst. Er könne dem Patienten zwar eine Empfehlung geben, sie müsse aber auch als solche dargestellt werden. Auch über Risiken einer Untersuchung oder Behandlung müsse angemessen und individuell kommuniziert werden. Demgegenüber könne das Internet keine maßgeschneiderten Informationen für 80 Millionen Men­schen liefern. „Es gibt nur einen, der das kann. Und das ist der Arzt. Er ist das Tool für maßgeschneiderte Gesundheitsinformationen“, ist Schaefer überzeugt.

Informationen in Patientenakte verfügbar machen

„Man muss auch im Blick behalten, dass Patienten immer weiter googlen werden“, führte Marion Grote-Westrick an. Die Senior Project Managerin der Bertelsmann Stiftung war jedoch auch der Meinung, dass „Google“ irgendwann überholt sein wird und schnellere und niederschwelligere Lösungen nötig sind, um individuelle Gesundheitsinformationen zu finden. Sie präferierte daher den Ansatz, diese Informationen in der geplanten elektronischen Patientenakte verfügbar zu machen.

Demgegenüber forderte Martin Härter, Direktor des Instituts und der Poliklinik für Medizinische Psychologie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), Gesundheitsinformationen vor allem für Kliniken und Praxen aufzubereiten. „Wir brauchen nicht eine Bibliothek für die Patienten, sondern wir brauchen eine für die Ärzte und Kliniken. Die müssen Ärzte kennen und auch nutzen können.“ Entsprechende Forderungen an die Politik seien bislang allerdings erfolglos geblieben.

Diese Aufgabe könne nach Ansicht von Michael Schwarzenau die Ärztekammer übernehmen. „Wir sollten uns als Kammer auf die Fahne schreiben, Digitalkompetenz in die Ärzteschaft hineinzutragen.“ Internetseiten, auf denen gute Informationen zu finden seien, müssten weiter in die Fläche getragen werden. Nach Ansicht des Hauptgeschäftsführers der ÄKWL hilft das auch, Patienten gut und fundiert zu informieren.

© ts/aerzteblatt.de

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