NewsMedizinRoboterassistierte Prostatektomie und Zystektomie in Studien bisher ohne sichere Vorteile
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Roboterassistierte Prostatektomie und Zystektomie in Studien bisher ohne sichere Vorteile

Montag, 16. Juli 2018

/dpa

Brisbane und Miami – Roboterassistierte Krebsoperationen, die in der Urologie innerhalb kurzer Zeit zu einem Standardverfahren geworden sind, haben in 2 randomisierten Vergleichsstudien zur radikalen Prostatektomie und zur radikalen Zystektomie weder die Komplikationsrate gesenkt noch die Überlebenschancen der Patienten nachweisbar verbessert, wie die jetzt in Lancet Oncology (2018; doi: 10.1016/S1470-2045(18)30357-7) und Lancet (2018; 391: 2525–2536) publizierten Ergebnisse zeigen.

Urologen waren die Pioniere der Roboterchirurgie. Die ersten roboterassistierten radikalen Prostatektomien (RARP) wurden 2000 in Deutschland und Frankreich durchgeführt. 3 Jahre später folgte die erste roboterassistierte radikale Zystektomie (RARC). Heute werden in Deutschland mehr als 30 % der Prostatektomien roboter­assistiert durchgeführt, und auch bei den Zystektomien ist ein Anstieg zu verzeichnen.

Anzeige

Für den Chirurgen bietet der Roboter mehrere Vorteile. Der Operateur kann die einzel­nen Schritte auf engstem Raum unter vergrößerter Sicht tremorfrei durchführen, wobei ihm mittlerweile 4 Roboterarme zur Verfügung stehen.

Die technische Überlegenheit zeigt sich in einem deutlich geringeren Blutverlust und einer Vermeidung von intraoperativen Komplikationen: Für die Patienten sind roboterassistierte Operationen häufig mit weniger Schmerzen verbunden. Sie erholen sich schneller und können früher aus der Klinik entlassen werden. Der einzige Nachteil sind die deutlich höheren Kosten durch die Investition in einen Roboter und seine Wartung sowie die längere Belegung der Operationssäle.

Unklar ist bisher, ob die Roboter auch die Komplikationsrate der Operation vermindern und die onkologischen Ergebnisse verbessern. Erkenntnisse werden hierzu von 2 laufenden randomisierten klinischen Studien erwartet.

Am Royal Brisbane & Women’s Hospital wurden seit August 2010 insgesamt 326 Patienten mit Prostatakarzinom, die sich für eine radikale Prostatektomie entschieden hatten, per Los einer offenen oder einer roboterassistierten Operation zugeteilt. Die ersten Ergebnisse, die vor 2 Jahren im Lancet (2016; 388; 1057–1066) publiziert wurden, zeigten, dass es nach einer roboterassistierten Prostatektomie seltener zu intraoperativen Komplikationen kam, die Patienten weniger Transfusionen benötigten, es weniger ungeplante Einweisungen auf die Intensivstation gab und die Patienten früher die Klinik verlassen konnten.

Jetzt stellt das Team um Robert Gardiner die Ergebnisse zu den beiden wichtigsten Operationsfolgen vor, die die Lebensqualität vieler Patienten beeinträchtigen: Harnwegsinkontinenz und erektile Dysfunktion.

Als Messinstrument zur Harninkontinenz diente der Fragebogen EPIC („Expanded Prostate Cancer Index Composite“), in dem die Patienten unter anderem zur Häufigkeit von unkontrollierten Harnabgängen und der Zahl der täglichen Einlagen befragt werden. Laut Gardiner gab es weder nach 6 Monaten noch nach 12 Monaten oder 24 Monaten wesentliche Unterschiede zwischen den beiden Gruppen: Bei der Unter­suchung nach 24 Monaten erzielten die Patienten nach RARP 91,33 Punkte und nach offener Operation 90,86 Punkte.

Zur Beurteilung der erektilen Dysfunktion wurde neben dem EPIC noch der IIEF-Fragebogen („International Index of Erectile Function Questionnaire“) verwendet. Bei der Befragung nach 24 Monaten erreichten die Patienten im EPIC nach RARP 45,70 und nach offener Operation 46,90 Punkte. Im IIEF waren es 33,95 versus 33,89 Punkte.

Die onkologischen Langzeitergebnisse lassen sich derzeit noch nicht beurteilen. Allerdings ist es nach der offenen Operation in den ersten beiden Jahren bereits bei 13 Patienten (9 %) zu einem erneuten Anstieg der PSA-Werte gekommen. Nach der RARP wurde dieses biochemische Rezidiv erst bei 4 Patienten (3 %) registriert. Bei den durch Bildgebung gesicherten Rezidiven gab es bisher keine Unterschiede.

Die roboterassistierte radikale Zystektomie (RARC) wird derzeit an 15 Zentren in den USA in der RAZOR-Studie („randomized open versus robotic cystectomy trial“) mit einer offenen Operation verglichen. Seit Juli 2011 wurden 350 Patienten auf beide Verfahren randomisiert, von denen 320 die vorgesehene Operation erhielten.

Auch bei der Zystektomie ist der Roboter ein verlässlicher und effektiver Assistent. Die Patienten konnten die Klinik durchschnittlich nach 6 Tagen gegenüber 7 Tagen nach der offenen Operation verlassen. Die Patienten verloren bei der RARC weniger als halb so viel Blut wie nach einer offenen Operation. Die Operationszeiten waren mit 7 Stunden 8 Minuten gegenüber 6 Stunden und 1 Minute etwas länger.

Wie Dipen Parekh von der Universität Miami und Mitarbeiter jetzt berichten, sind 2 Jahre nach der RARC noch 72,3 % der Patienten am Leben und ohne Tumorrezidiv verglichen mit 71,6 % in der offenen chirurgischen Gruppe. Diese Patienten haben eine gute Aussicht auf eine langfristige Heilung, die sich nach einem Blasenkarzinom früher beurteilen lässt als nach einem Prostatakarzinom.

Parekh deutet den geringen Unterschied von 0,7 %, der nicht signifikant war, als Beleg für die Nichtunterlegenheit der RARC gegenüber der offenen Operation.

Auch bei den Komplikationen gab es kaum Unterschiede. Sie traten nach der RARC bei 101 Patienten (67 %) und nach der offenen Operation bei 105 Patienten (69 %) auf. Nach der RARC kam es etwas häufiger zu Harnwegsinfektionen (35 versus 26 %) und zu einem postoperativen Ileus (22 versus 20 %).

Insgesamt scheint es abgesehen von der Behandlungsphase in der Klinik keinen Unterschied zu machen, ob die Patienten roboterassistiert oder offen operiert wurden. © rme/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

25. Februar 2019
Paris – Der nichtsteroidale Androgen-Antagonist Darolutamid hat in einer randomisierten Studie das metastasenfreie Überleben von Patienten mit nicht-metastasiertem kastrationsresistenten Prostatakrebs
Darolutamid verzögert Metastasenbildung bei kastrationsresistentem Prostatakarzinom
28. Januar 2019
San Antonio – Die Männer, die in den 1990er-Jahren in einer Präventionsstudie 7 Jahre lang den 5-alpha-Reduktase-Inhibitor Finasterid eingenommen hatten, sind in der Folge zu einem Viertel seltener an
Prävention mit Finasterid bei Prostatakrebs bleibt umstritten
22. Januar 2019
Berlin – Bis Ende März dieses Jahres will der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) damit beauftragen, den Nutzen des PSA-Tests
IQWiG soll ab März PSA-Tests für Früherkennung des Prostatakarzinoms prüfen
21. Dezember 2018
Berlin – Das PSA-Screening soll einem Bewertungsverfahren unterzogen werden. Einen entsprechenden Antrag der Patientenvertretung im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) hat das Gremium gestern
Früherkennung von Prostatakrebs: Patientenvertretung will Klarheit
20. Dezember 2018
Berlin – Ein Forschungsteam der Charité – Universitätsmedizin Berlin hat nach der Analyse von knapp 300 Prostatatumoren ein Computermodell entwickelt, das den voraussichtlichen Verlauf der Erkrankung
Computermodell sagt Verlauf von Prostatakrebs voraus
20. Dezember 2018
Frankfurt am Main – Ärzte des Universitätsklinikums Frankfurt sollen einem Bericht des Spiegel zufolge Tumorpatienten jahrelang mit zweifelhaften Methoden behandelt haben. Danach verabreichten sie
Ärger um Therapie von Krebspatienten am Universitätsklinikum Frankfurt
13. Dezember 2018
Uppsala/Schweden – Eine radikale Prostatektomie kann bei Patienten mit lokalisiertem Prostatakarzinom unter Umständen das Leben verlängern. Der Überlebensvorteil war jedoch in einer randomisierten
LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

Anzeige
NEWSLETTER