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Medizin

ADHS: Studie sieht Zusammenhang mit Nutzung digitaler Medien

Mittwoch, 18. Juli 2018

/Andrey Popov, stockadobecom

Los Angeles – Fördert die intensive Nutzung digitaler Medien durch Jugendliche die Entwicklung einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)? Eine Längsschnittstudie im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2018; 320: 255–263) liefert hierfür die bisher stärksten Indizien, ohne allerdings eine Kausalität beweisen zu können.

Digitale Medien haben zweifellos ein hohes Ablenkungspotenzial. Der Nutzer wird ständig mit Textnachrichten bombardiert, er wird mehrmals täglich aufgefordert, auf neue Social-Media-Postings zu reagieren oder eine Videospiel-Einladung anzunehmen oder abzulehnen. Die Gefahr, sich nicht mehr auf die Arbeit konzentrieren zu können, ist dann in jedem Lebensalter hoch.

Jugendliche könnten besonders anfällig sein, da sie auf der Suche nach einer sozialen Identität sind und damit offener als andere Menschen für neue Kontakte. Dies führt im Extremfall dazu, dass Teenager in den Messengerdiensten mit Dutzenden anderer Personen gleichzeitig kommunizieren. Darüber könnte die Fähigkeit, sich auf eine Sache zu konzentrieren, verloren gehen und die Jugendlichen könnten sich mit einer erhöhten Impulsivität ständig neuen Themen zuwenden.

Die digitalen Medien stehen deshalb im Verdacht, die Aufmerksamkeits­defizit-/Hyper­aktivitätsstörung (ADHS) zu fördern. In den letzten Jahren sind zahlreiche Studien zu dieser Frage durchgeführt worden. Bei den meisten handelte es sich jedoch nur um Querschnittstudien, die die Mediennutzung von ADHS-Patienten und anderen Jugendlichen verglichen. Eine Ursache-Wirkung-Beziehung lässt sich damit nicht herstellen.

Überzeugender sind in dieser Hinsicht Längsschnittstudien, die eine Gruppe gesunder Jugendlicher über eine längere Zeit begleiten und den Medienkonsum zu Beginn der Studie mit späteren Neuerkrankungen in Beziehung setzt. Die Ergebnisse einer solchen Studie stellen jetzt Forscher der Keck School of Medicine in Los Angeles vor.

 
An der „Happiness & Health Study“ hatten sich 10 Schulen in Los Angeles und Umgebung beteiligt. Über 2 Jahre füllten die Schüler der 10. und später 11. Klasse ausführliche Fragebögen zu ihren Freizeitgewohnheiten aus. Unter anderem wurden sie auch zur Nutzung von insgesamt 14 digitalen Medien befragt. Es gab auch einen Fragebogen zu jeweils 9 Symptomen der Unaufmerksamkeit und der Hyper­aktivi­tät/Impulsivität.

Das Team um Adam Leventhal setzte nun die Nutzung der digitalen Medien bei den 2.587 Teilnehmern, die zu Beginn der Studie noch unauffällig waren, mit dem späteren Neuauftreten von ADHS-Symptomen in Beziehung.

Die Ergebnisse sind eindeutig: Während von den 495 Kindern, die die sozialen Medien nur selten nutzten, 4,6 % ADHS-Symptome entwickelten, waren es bei den 114 Kindern, die 7 Medien intensiv nutzten, 9,5 %. Von den 51 Kindern, die alle Plattformen intensiv nutzen, zeigten sogar 10,5 % neue ADHS-Symptome.

Auch statistisch waren die Ergebnisse signifikant. Leventhal ermittelt für jede zusätzliche digitale Medienaktivität eine Odds Ratio von 1,11 mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,06 bis 1,16). Eine Kovariatanalyse, die die Nutzungsdauer der einzelnen Medien berücksichtigte, änderte nichts an dem Zusammenhang (Odds Ratio 1,10; 1,05–1,15).

Dennoch sind die Ergebnisse kein Beweis, dass die intensive Nutzung der digitalen Medien für die ADHS-Symptome verantwortlich ist. Auch in einer Langzeitstudie lässt sich nicht ausschließen, dass die ADHS am Anfang steht und die intensivere Nutzung der digitalen Medien die Folge der Erkrankung ist. Ein zentrales Kennzeichen der ADHS ist die Suche nach Ablenkungen, die sich durch die digitalen Medien leicht bedienen lässt (reverse Kausalität). Mediennutzung und ADHS könnten auch gemeinsame Wurzeln haben. So ist denkbar, dass Eltern, die selbst an ADHS leiden und die Störung auf ihre Kinder vererbt haben, in der Erziehung laxer sind, während Eltern ohne ADHS strengere häusliche Regeln für die Nutzung digitaler Medien ausgeben.

Ein Beweis ließe sich nur durch eine randomisierte kontrollierte Studie erbringen, in der einer Gruppe von zufällig ausgewählten Jugendlichen die freie Nutzung der digitalen Medien erlaubt würde, während dies einer zweiten Gruppe verboten würde. Eine solche Interventionsstudie wird es jedoch kaum geben.

Am Ende wird die Frage ebenso unbeantwortet bleiben, wie vor Jahren die Diskussion um die Auswirkungen von Gewaltvideos auf die Kriminalität von Jugendlichen oder die Folgen von Rennspielen auf das spätere Verhalten im Straßenverkehr. Während allerdings die Jugendkriminalität und die Zahl der Verkehrsunfälle (in den meisten Ländern) rückläufig sind, ist es in den letzten Jahren zu einem Anstieg der ADHS-Diagnosen gekommen (was wiederum nicht sicher einem Anstieg der Morbidität entsprechen muss). © rme/aerzteblatt.de

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Kommentare

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Avatar #749369
Ambush
am Donnerstag, 19. Juli 2018, 12:59

Digitalisierung verschiebt ADHS von der Latenz ins Pathologische

Durch die Digitalisierung tritt nicht mehr ADHS auf, sondern es werden dadurch auch die nur leichten, bisher unauffälligen Fälle von ADHS pathologisch relevant und in Zeiten von Smartphone und Cybermobbing liegt bei ADHS nun sicher eine problematischere Sozialisation vor als bei einer Person mit ADHS , die als englischer Aristokrat auf einem Landsitz im 19. Jahrhundert aufgewachsen ist. Personen mit ADHS stellen bei einem Geschlechterverhältnis von in Wahrheit 1:1 https://www.refinery29.de/2017/04/151067/mein-recht-auf-adhs und einer Persistenz von ADHS ins Erwachsenenalter von zumindest einer Restsymptomatik bei in Wahrheit quasi 100% der Fälle eben bis zu 10% der Bevölkerung in Deutschland - und wenn dann mehr und mehr prominente Fälle wie Naddel und Hirschhausen https://mobil.stern.de/gesundheit/gesund-leben/eckart-von-hirschhausen/eckart-von-hirschhausen--humor-ist--wenn-man-spaeter-kommt-3808736.html bekannt werden , dann lässt das erahnen, dass die Dunkelziffer die Zahl der bisher detektierten Fälle um ein vielfaches übersteigt. Zuletzt gab es eine Studie mit Prof. Arno Deister , aktuell Präsident der DGPPN und damit ein absolutes Schwergewicht, als Co-Autor, zu verkapptem ADHS in der Psychiatrie bzw Allgemeinpsychiatrie mit 59% ADHS in der Allgemeinpsychiatrie http://news.doccheck.com/de/blog/post/8424-59-prozent-von-patienten-der-allgemeinpsychiatrie-haben-adhs/ . Man muss sich diese brachiale Quantität mal auf der Zunge zergehen lassen. Das würde bedeuten, dass seit Anbeginn der modernen Geschichte der Psychiatrie die entsprechenden Patienten nur in ihren Begleit- und Folgeerkrankungen, aber nicht ursächlich in ihrem ADHS therapiert wurden. Was das für die persönlichen Schicksale, aber auch für die volkswirtschaftlichen Kosten bedeutet, dürfte ebenfalls in Qualität und Quantität brachial sein. Wie prognostizieren doch diverse international renommierte ADHS-Wissenschaftler, wonach sich ADHS früher oder später als das quantitativ zentrale Thema in der Psychiatrie insgesamt herausstellen wird.
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